Truppenbetreuung mit der USO Handshake statt Hot Pants

Seit 1940 versorgt die Truppenbetreuungs-Organisation USO amerikanische Soldaten im Kriegs-Einsatz mit Stars, Glamour und Entertainment. Auf die Erotik-geladenen Shows früherer Jahrzehnte müssen die modernen GIs in Afghanistan und im Irak jedoch oft verzichten - aus Rücksicht auf die muslimische Bevölkerung.

Von Helmut Sorge, Los Angeles


Hollywood-Star Robert DeNiro: Truppenbesuch in Kuweit (am 19. Juni)
AP

Hollywood-Star Robert DeNiro: Truppenbesuch in Kuweit (am 19. Juni)

Die Temperaturen liegen weit unter Null. Marilyn Monroe steht dennoch schulterfrei vor den Soldaten. Ihr Busen, der die Welt bewegte, ist ausreichend entblößt, um Tausende von GIs zu wärmen. Marilyns Knie sind allerdings bedeckt, wie es in jenen Jahren noch sittsam war. Die hohen Hacken freilich lassen ihre Beine unendlich erscheinen und die Phantasie der Soldaten ebenso. Die Hollywood-Schöne, noch heute Mythos, hatte 1954 ihre Hochzeitsreise nach Japan (mit ihrem Baseballhelden Joe di Maggio) unterbrochen und war an die Front gerückt, zur moralischen Aufrüstung der Soldaten Amerikas, die mit den kommunistischen Kriegern Koreas aneinander geraten waren.

Insgesamt 100.000 GIs bejubelten ihre Shows und ließen sich mit Songs wie "Diamonds Are A Girl's Best Friends" in Euphorie versetzen. Herb Helpingstine, einer der US-Krieger, der damals vor der Bühne mit den Zähnen klapperte bis Marilyn Busen und Beine zeigte, erinnert sich: "Wir haben nur auf sie gestiert und geträumt". Die Organisatoren dieses Auftritts? Nicht etwa Hollywoodagenten, sondern die 1940 gegründete, privat finanzierte "United Service Organisation" (USO), eine Truppenbetreuungs-Organisation.

Patriotismus und Public Relations, erkannten sowohl die Hollywoodmanager wie auch das Pentagon, sind kein Widerspruch - immerhin gehen auch Soldaten ins Kino. Folglich haben die USO-Manager in jedem Krieg (und während der Besatzungszeit) Entertainer an die Front transportieren können: Bob Hope etwa, der in Mai 100 Jahre alt wurde (und seit seinem erstem Weihnachtsauftritt 1948 in Berlin für die nächsten 42 Jahre jedes Christfest mit Uniformierten zelebrierte), Marlene Dietrich, später mit Orden geschmückt, weil sie in Kampfgebieten ihr "Lili Marleen" auch dann noch hauchte, als Geschoss-Einschläge die Erde erzittern ließen.

Helden im Einsatz: Weltkriegs-Soldaten James Stewart, Clark Gable
USO

Helden im Einsatz: Weltkriegs-Soldaten James Stewart, Clark Gable

Während Clark Gable, einer der Hollywood-Beaus der dreißiger und vierziger Jahre, mit seinem Bombenflugzeug 42 Feindflüge auf Deutschland überlebte und Henry Fonda, Jahrgang 1905, seinen Waffendienst bei der Navy erzwang, meldeten sich Rita Hayworth und Jean Gabin in der "Hollywood Canteen", einer legendären Truppenbetreuungsbaracke in Hollywood, zum USO-Küchendienst.

Der spätere amerikanische Präsident Ronald Reagan, der den Frontdienst zu vermeiden wusste wie seine späteren Kollegen Bill Clinton und George W. Bush, wanderte gleichwohl in Uniform durch die Studio-Hallen - er trat in Propagandafilmen wie "Identification Of the Japanese Zero" auf. Auch John Wayne, der Film-Macho, rückte erst in Vietnam ins Kampfgebiet - im Einsatz für die USO. Wayne trat auch in einem der wenigen Hollywood-Streifen auf, die US-Heldentum in Vietnam zelebrierten - "The Green Berets". In Indochina tobte ein Krieg, der Amerikas Idealen und Selbstverständnis nicht entsprach - von 1941 bis 1947 buchte die USO mehr als 7000 Entertainer, die insgesamt 428.521 Auftritte absolvierten. Während des Vietnamkonflikts, in dem die USA von den frühen sechziger Jahren bis zur US-Evakuierung von Saigon 1975 verwickelt war, organisierte die USO gerade einmal 5000 Shows, darunter Auftritte von Nancy Sinatra, Sammy Davis Jr. ...und John Wayne.

"Traumfrau" Bo Derek reiste später zum USO-Einsatz an Bosniens Front und steckte ihr blondes Haar unter einen Stahlhelm, TV-Unterhalter Jay Leno trat 1990 in Saudi-Arabien im Kampfanzug vor die Truppen, doch in den neuesten Konflikten, Afghanistan oder Irak, muss die USO umdenken - ebenso wie das Pentagon. Mit Stealth-Bombern oder schweren Panzern sind, so die Erkenntnisse der Militärplaner, Terroristen nicht zu bezwingen. Mit nacktem Busen und Hot Pants sind die GIs, so die Lehren für die USO, nicht mehr zu unterhalten. Die Scheichs in Dubai, Katar oder Saudi-Arabien können ihre Callgirls wohl aus Paris oder London einfliegen und hinter den Mauern ihrer Villen verbergen, das Volk der Gläubigen würde jedoch Allahs Rache fordern, wenn etwa die der USO verbundenen "Dallas Cowboys Cheerleader" vor den am Tigris stationierten GIs tanzen würden, so wie es daheim im Stadion üblich ist, um die Fans aus der Lethargie zu erwecken.

Truppenbetreuerin Mariah Carey (2001 im Kosovo): Handshake statt Hotpants
REUTERS

Truppenbetreuerin Mariah Carey (2001 im Kosovo): Handshake statt Hotpants

Die USO beschränkt sich deshalb in den Moslem-Staaten auf so genannte "handshake"- oder "walking"-Tours - hier ein Gruppenfoto vor der F-15, dort eines vor dem Panzer. Ein Autogramm vom Star für Mary, das Baby des GIs aus Idaho, ein weiteres für die Oma in Brooklyn. Dazu, per Internet, ein an die Lokalredaktion gemailtes Foto - Hollywood und unsere Boys vereint im Gefecht gegen den Geist des Bösen. Derzeit plant die USO auch einen Truppenbesuch von Entertainern im Irak. Nur "wann, wo, und wer", das wollten die in der US-Hauptstadt stationierten USO-Planer aus Sicherheitsgründen vorerst nicht verraten. Sicher ist: Im Februar traten Miss Universum, Miss USA und Miss Teen USA vor jene GIs, die auf Guantanamo Bay, Kuba, stationiert sind. Die "Cheerleaders" hüpften (im März) auf dem US-Militärstützpunkt in Fort Hood, Texas, und im Mai besuchten Stars der "National Football League" (NFL) in Deutschland stationierte GIs.

Die USO versteht sich dabei nicht unbedingt als Entertainment-Abteilung der Militärs - in den weltweit verstreuten 121 USO-Zentren bemühen sich Freiwillige auch um Heimweh-kranke Soldaten und beraten Frauen in Ehekrisen. Wenn Familienangehörige, wie dieser Tage in einem US-Militärhospital in Deutschland, aus dem Irak eingeflogene Gefallene identifizieren müssen, steht nicht nur der Militärpfarrer zum Trost bereit, sondern auch Helfer der USO-Stützpunkte Ramstein oder Rhein/Main.

Können Angehörige die Flüge zu den Verwundeten nicht bezahlen, übernimmt die USO die Kosten und bemüht sich um einen Babysitter für die zurück gebliebenen Kleinen. GIs, die Probleme mit Anschlussflügen oder Quartier haben, können sich an den an den US-Flugplätzen eingerichteten USO-Zentren beraten lassen. Die USO kommandierte auch einen ihrer fünf blaurotfarbenen "mobile canteens" in das Kriegsgebiet von Afghanistan ab, Camper-ähnliche LKWs, die mit Computer- und Internet-Systemen eingerichtet sind, über die Amerikas Soldaten ihre E-Mails an die Lieben in der Heimat absetzen können.

Altstar Wayne (r.) in Vietnam: Fragwürdiger Krieg in Indochina
USO

Altstar Wayne (r.) in Vietnam: Fragwürdiger Krieg in Indochina

"Eine faszinierende Organisation", weiß Jan-Christopher Hurak, Filmhistoriker und UCLA-Professor, der für das "Hollywood Entertainment Museum" in L.A. unter dem Motto "USO presents... Hollywood salutes the troops" eine Ausstellung zusammen stellte, die den "pas de deux" von Stars und Soldaten dokumentiert. Pentagon und Hollywood geraten gelegentlich auch aus dem Rhythmus - etwa wenn Michael Moore bei der Oscar-Verleihung den Staatschef beschimpft oder Jane Fonda, vor Jahrzehnten, Hanois Kommunisten gegen Washingtons Krieger verteidigte.

Bewusst hat Hurak, der 1951 in Deutschland als Staatenloser geboren wurde (sein Vater war tschechischer Exilant) und vor seiner letzten Übersiedlung in die USA Leiter des Filmmuseums in München war, die Vorführung von Hollywood-Kriegsfilmen vermieden. Dass die Ausstellung, die bis September läuft, "ausgerechnet in diese Kriegsphase fällt, ist wirklich ein bedauerlicher Zufall". Die Fotos, mit denen Hurak die Bemühungen der USO dokumentiert, zeigen indes nicht das Grauen der Kriege, sondern Hollywoods Glamour und Hollywood-Patriotismus.

Im Zweiten Weltkrieg, so Historiker Hurak, "war alles einfacher - wir wussten, wer der Feind ist, und wo er steht". Beliebte Schauspieler wie James Stewart meldeten sich in den vierziger Jahren an die Front. Am Montag jeder Woche bedienten die Mütter der Filmstars in der "Hollywood Canteen" die GIs. Die USO, die heute von Konzernen wie AT&T oder Walt Disney finanziell unterstützt wird, ließ 1945 Bing Crosby und Fred Astaire in Paris und Mannheim auftreten. Doris Day unterhielt US-Soldaten in Berlin. Film-Schönheiten wie die "Dolce Vita"-Schwedin Anita Ekberg verzauberten die GIs auf Grönland, Racquel Welch in Vietnam, Brooke Shields schwebte 1983 mit einem Navy-Hubschrauber im libanesischen Beirut ein, wo sich Einheiten der US-Marineinfanterie eingegraben hatten.

Filmhistoriker Hurak: "Eine faszinierende Organisation
Volker Corell

Filmhistoriker Hurak: "Eine faszinierende Organisation

Satelliten-Übertragungen, Internet, aber auch die Furcht vor Attentaten haben diese Auftritte der US-Stars über die letzten Jahre hinweg dramatisch reduziert. Dennoch ist die Bereitschaft der Stars, sich vor Ort mit den Soldaten zu solidarisieren, ungebrochen: Nur Wochen nach dem Anschlag vom 11. September kontaktierte Jerry Weintraub, Hollywood-Veteran und Produzent von "Ocean's Eleven", seinen Freund George W. Bush im Weißen Haus und bot dem Präsidenten an, unmittelbar nach der Hollywood-Premiere des Films am 5. Dezember mit seinen Stars George Clooney, Julia Roberts, Matt Damon und Brad Pitt einen US-Stützpunkt in Übersee zu besuchen - zwecks moralischer Aufrüstung.

"Großartige Idee", befand der Präsident. Wenige Wochen vor Weihnachten schwebten die Stars auf dem Luftwaffenstützpunkt "Incirlik" in der Türkei ein, führten rund 2000 GIs ihren Film vor, ließen sich vor F-15, F-16, EA-6 und Awacs-Flugzeugen fotografieren, klopften den Soldaten auf die Schulter, verteilten Autogramme und ließen sie wissen, so Weintraub, "wie sehr wir das, was sie für uns leisten, anerkennen".

Auch die Box-Legende Muhammad Ali reiste Ende letzten Jahres ins Kriegsgebiet. Nicht die USO, sondern die Uno transportierte den Vietnam-Verweigerer aus dem arabischen Dubai ins afghanische Kabul. Ali nächtigte nicht in einer US-Militärbaracke, sondern in einem Quartier des Roten Kreuzes. Der Moslem mied den Kontakt zu US-Soldaten. Stattdessen besuchte er Schulen und betete, "dass die Vernunft und der Frieden siegen wird". Bewundert, verehrt von den Kids, deren Mütter nun nicht busenfrei wie Marilyn, aber immerhin innerlich unverschleiert auftreten dürfen.



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