Tschechow am Thalia Nur die Liebe quält

Muss es denn immer Tschechow sein? Die "Drei Schwestern" in der Midlife-Krise, das riecht nach risikofreiem Saisonschluss im Hamburger Thalia Theater. Doch die altbekannte Sause überzeugte als smartes Dachkammerspiel um die ganz großen Lebensfragen.


Noch'n Tschechow? Noch "Drei Schwestern"? Gerne, wenn sich die Regie etwas traut!

Spielleiterin Christiane Pohle erlag am Hamburger Thalia Theater keinen wohlfeilen Aktualisierungs-Verlockungen, kasperte nicht mit Videoprojektionen herum, warf keine zeitgenössischen Zitate an die Wände. Nicht in Fallen tappen, lieber Fallen stellen: Pohle jagt Anton Tschechows genervte Landgesellschaft um die Schwestern Olga, Mascha und Irina, in einen riesigen, spitz zulaufenden Dachboden. Hier geistern sie durch ihr staubiges, verwinkeltes Gefängnis, einen düsteren Raum ohne Aussicht. Lediglich ein Radio empfängt kosmische Kurzwellengeräusche, verwehte Musik und zerhackte Stimmen. Man ist offenbar nicht allein im Weltenraum.

Retrorussische Birken kommen nur als Zitatmobiliar vor, wie auch die refrainartig wiederholte, wohlbekannte Ausbruchsfloskel "Nach Moskau!" mehr absolviert als deklamiert wird. Vertrauen ins Stück und gleichzeitig ironische Distanz: Schon nach kurzer Zeit zeichnet sich eine mutige Gratwanderung der Regie ab - das erzeugt Spannung. Was kann man bei Tschechow mehr erwarten?

"Die drei Schwestern", wie das Stück jetzt in Hamburg um einen bestimmten Artikel zugespitzt heißt, werden von Regisseurin Pohle im Wortsinne vorgeführt und verarbeitet, wie es nur in einer bildkräftigen Bühne wie dieser (erdacht von Annette Kurz) möglich ist. Alle zappeln kräftig in diesem klaustrophobischen Ambiente. Der verplauderte Amateurphilosoph Alexander Werschinin, der als neuer Batteriechef der Garnison und Drama-Motor die Szene betritt, muss sich durch eine Luke im Boden diese Dachkammerfalle erst erarbeiten, bevor er die Schwester Mascha wortwitzig und pseudo-weltmännisch erobert.

Doch hauptsächlich schwadroniert Werschinin gemeinsam mit Leutnant Tusenbach über die Zukunft der Menschheit, ohne dabei die Forderungen der Gegenwart zu erkennen. Die verliebte Mascha nimmt er als Mensch kaum wahr: Die eckigen Liebesszenen mit slapstickartigen Bewegungen sind ein Beispiel für die eingestreuten Personenregie-Einfälle, mit denen Christiane Pohle den Klassiker würzt. Als der beleidigte Wassili Soljony seinen Konkurrenten Tusenbach zum Duell gefordert hat, stolziert er für Sekunden pantomimisch brillant als eitler Hahn durch die Szene, witzig und treffend. So gelingt es der Regie beständig, Innenleben als schnell sichtbar zu machen.

Besenreine Bilanz

Und, natürlich, alle quält die Liebe. Maschas Mann, der dröge Lehrer Kulygin, sieht seine Frau an den Uniform-Smartie Werschinin verloren gehen, doch er hält sich mit der Verzweiflung des Gebildeten tapfer inmitten aller Lächerlichkeit: Wie der gewichtige Josef Ostendorf diese fleischgewordene Elegie von einem Mann spielt, mit sanft singender Stimme und Mut zur physischen Burleske, ist bewegend schön, zart und markant.

Die junge, leicht hysterische Irina (Lisa Hagmeister) erliegt dem Werben des Leutnant Tusenbach (Thomas Niehaus). Doch kaum erhört, schon erschossen: Der großmäulige Soljony erlegt ihn im Duell, eine fragwürdige Ehrensache. Ergebnis: wieder allein. "Die Einsamkeit ist die Hölle auf Erden!" sagt der alte Arzt Tschebutykin (knorrig und maßvoll: Hans Kremer), und diesem Schicksal entgeht hier niemand. Olga (bewährt solide: Viktoria Trautmansdorff) stürzt sich in den ungeliebten Beruf, flüchtet sich in müde Koketterie und flachen Zynismus.

Wenig glücklich auch Bruder Andrej, der die ehrgeizig-pragmatische Natalja heiratet und sich mit ihr sogleich fortpflanzt. Seine Frau schnattert stets gerührt und selbstverliebt von ihrem Kind, will die alte Hausangestellte Anfissa wegen Nutzlosigkeit entlassen und erträgt den Sex mit ihrem Andrej gelangweilt wie als Pflichtübung zum Arterhalt. Lebensfreude sieht anders aus.

Die rund dreistündige Inszenierung erfährt nach drei Vierteln eine harte Pausen-Zäsur, die den Erzählfluss von der Bremswirkung bewahrt, die oft nach der wichtigen Brandszene entsteht. Die namenlose Niemandsland-Stadt steht in Flammen, für kurze Zeit herrscht Chaos, man besinnt sich auf die Endlichkeit des Lebens. Die Dachkammer ist hier plötzlich keine Falle mehr, sondern Zuflucht - so seltsam doppelbödig (ein Meta-Scherz?) kann das Leben sein.

Nach der Pause ist die Bude hübsch aufgeräumt und besenrein, denn die Soldaten ziehen weiter und zurück bleiben illusionslose drei Schwestern und eine ansehnlich gewachsene Radiogeräte-Sammlung, Symbol eines Weltbewusstseins. Die Geräte - jedes Designmuseum wäre stolz darauf - summen und brummen, Wortfetzen und Sätze aus vorherigen Szenen mischen sich ins Geschehen. Die bangen Fragen der Schwestern, was von ihnen bleiben wird, sind längst beantwortet: Nichts geht verloren, alle Menschen und alle ihre Gedanken werden Teil des Kosmos, gehören zur Weltenenergie. Das Leben ist nicht "in Moskau", es findet jeden Tag statt, und jede Tat, jede Handlung hat Gewicht. Das schwingt so seelenvoll schlicht aus, dass eine reine Freude ist.

Tschechow light? Gerne. Man muss sich nur trauen.



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moka.s-onkel 01.05.2011
1. Nicht die Liebe quält - diese Inszenierung quält!
In welchem Stück waren Sie denn, Herr Theurich? Ich habe selten so eine belangloses Stück gesehen. Hier stimmte nichts. Nur oberflächliches Gelaber im Stile eines Action Movies aneinandergereiht. Kein Wunder, dass bei solchen Inszenierungen die Theater leer bleiben. Die armen Schauspiler. Peinlich!
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