Tschechow-Premiere in Hamburg Es tanzt sich gut auf dem Vulkan

Anton Tschechows Abstiegs-Drama "Der Kirschgarten" hat derzeit Konjunktur auf deutschen Bühnen. Nur eine Woche nach dem Deutschen Theater Berlin präsentiert Hamburgs Thalia-Theater eine Neuinszenierung. Regisseur Luk Perceval machte wenig Experimente und vieles richtig.

Ausgezählt! Alexander Simon nimmt anfangs als alter Diener Firs sorgfältig Maß, schreitet den Bühnenraum Fuß für Fuß quälend langsam ab, und es ist klar, wie die Verhältnisse drücken und einengen. Er zählt rückwärts von 100, Narkosetechnik, die Operation kann beginnen. Und Regisseur Luk Perceval setzt das Skalpell zielsicher an: "Der Kirschgarten", Anton Tschechows Drama von Pleite und Ende eines Landgutes und einer gesellschaftlichen Klasse in Trance aus dem Jahre 1904, beschreibt Verhältnisse, die man sehr einfach und schlicht auf die Jetztzeit beziehen kann - doch dieser wohlfeilen Volte zu Finanzkrise und Wirtschaftskriegen enthält sich der Thalia-Hausregisseur. Und trifft dadurch viel besser in den Kern des unaufgeregten Totentanzes.

Das Landgut von Andrejewna Ranjewskawa ist Pleite, einzig der große Kirschgarten steht noch in alter Pracht als Denkmal früheren Glanzes und prosperierenden Wohlstandes. Doch er bringt nichts ein, niemand will mehr Kirschen, für schönen Schein gibt es kein Geld. Nach Gutsherrinnenart erinnert sich die Chefin bei ihrer Rückkehr nach einem verschwenderischen Leben der besseren Zeiten und sieht doch nur wirtschaftlichen Verfall und zerrissene Menschen. Die reden viel und tun wenig. Einzig der Kaufmann Lopachin macht einen schlauen, zukunftsträchtigen Vorschlag in Sachen Kirschgarten: Abholzen, das Ding, und einfach Raps für Biodiesel anpflanzen. Das bringt Geld, man wäre saniert und auf der Höhe der Zeit. Dass Luk Perceval hier den kleinen Schlenker von den Ferienhäusern bei Tschechow zur aktuellen Energiefrage vollzieht, ist beinahe die einzige Aktualisierung, und sie ist klug in ihrer Doppelbödigkeit. Politisch Korrektes wird erst wirklich schön, wenn es Geld bringt.

Politisch korrekter Bio-Schlenker

Die Ranjewskaja und ihr Sozialpersonal reiht Regisseur Perceval hübsch zeitlos und übersichtlich wie in einem Wartezimmer zur Therapiesitzung auf. Stuhl an Stuhl, wir sprechen uns aus. Die Gutsherrin leicht entrückt von den übrigen, denn ihre Welt ist eine andere, sanft dement schleicht sie sich durch ihre Erinnerungen, mischt hellsichtige Momente mit Träumen, Wiederholungen und Zärtlichkeiten, die sie reihum verteilt. Sie bezaubern, diese wunderbar anrührenden Versuche, das Zerfallen zu verstehen oder zumindest zu ertragen. Wie Barbara Nüsse diese Frau mit zerbrechender Kraft, Intensität und Genauigkeit spielt, das ist ein Mikrokosmos für sich. Und es ist der einfühlsamen Personenregie des Spielleiters zu danken, dass diese inneren Vorgänge auch in klare Bewegungen umgesetzt wurden. Den Text verknappt, die Darstellung präzise aufgefächert: Dass da viel getanzt werden darf, ist nur logisch.

Und es sind nicht allein die hypnotisch rauschenden Samba-Bossa-Cha-Cha-Perlen, die der routinierte Lutz Krajewski mit fetten Hammondorgel-Klängen in den Bühnen-Saal wirft, es weht auch ein Hauch von den Choreografie-Ideen Pina Bauschs über der Szenerie. Die Ensemble-Einlagen erinnern stellenweise an Bauschs "Kontakthof"-Performance, man kippelt rhythmisch und gefährlich auf den Plastiksitzen, man klammert aneinander, tobt exaltiert oder arrangiert sich klassisch dicht am Beat: Die Lage war noch nie so ernst, aber es tanzt sich gut auf dem scheinbar erloschenem Vulkan.

Die Akzente für die Rollen folgen dem ähnlich präzisen Rhythmus der Inszenierung: Businessman Lopachin, aggressiv und komisch zugleich von Tilo Werner gespielt, vermischt Schläue und subtile Beschränktheit, Wissen und Ignoranz, Selbstbewusstsein und Lächerlichkeit - der moderne Erfolgsmensch. Immer wieder in seinen Vorträgen durchs Mobiltelefon unterbrochen, setzt er sich natürlich durch - das Überleben der Bestangepasstesten, nicht der Besten ist halt zu allen Zeiten gesichert.

Leuchtende Bühnen-Idee mit schwebenden Kirschen

Die halbintellektuellen Tiraden des hyperventilierenden Langzeitstudenten Trofimow, nervös und wütend von Sebastian Rudolph gespielt, verpuffen in ebenso so sinnlosen wie lautstarken Streitereien über Anpassung und freien Willen, Diskussionen, die in Phrasenhaftigkeit ertrinken. Ranjeskajas Tochter Anja (Cathérine Seifert) und die Stieftochter Warja (Oda Thormeyer) flüchten sich in schmale Arbeitsstellen oder Hoffnungen auf ein besseres Leben in der Hauptstadt Moskau. Gajew, der Bruder der Gutsherrin (Wolf-Dietrich Sprenger) quengelt sich weiter durch sein Leben, wie auch der Kontorist Jepichodow (Rafael Stachowiak mit grimmig schnauzbärtiger Komik) - doch beide sind in Percevals Arrangement eher die erleichternden Clowns, die das wirkliche Leiden konterkarieren. So gönnt Luk Perceval seiner Ranjewskaja am Schluss zwar einen Abschied, aber wohl keine gelungene Flucht nach Paris, wie es Tschechow vorgesehen hatte. Gemeinsam mit dem alten Diener Firs, dem Statthalter der vergangenen Zeit, tanzt sie einen letzten Tanz, an dessen Ende er sie auf den Armen ins Nichts der dunklen Bühnen trägt. Beide Darsteller, die wortreich sich windende Barbara Nüsse und der textkarge Alexander Simon, führen den kurz gefassten, aber nicht verknappten Tschechow ins leise Finale, auf einer Bühne, deren Intelligenz sich erst nach und nach erschließt.

Diese Bühne (hervorragend erdacht von Kathrin Brack), beherrscht von verschieden großen, runden Lampen, die sich ständig beinahe unmerklich bewegen, führt ein Eigenleben in Zeitlupe. Der verlangsamte Pulsschlag der Gesellschaft spiegelt sich darin wider, ebenso in sanfter Symbolik die über dem Geschehen schwebenden Kirschen. Dennoch agiert dieser Bühnenraum bar jeder beherrschen Effekte, er erschließt sich erst nach und nach und stirbt am Ende dieser 100 Minuten "Kirschgarten" förmlich mit den beiden tanzenden Ranjewska und Firs. Großer Beifall fürs Ensemble und auch für das Regieteam.

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