Tschernobyl Der GAU auf "arte"

Der Reaktorunfall in der Ukraine schockte vor 17 Jahren die Welt. Am Jahrestag des Unglücks zeigte uns "arte", was ein größter anzunehmender Unfall ist.
Von Henryk M. Broder

Heute vor 17 Jahren wurde ein Alptraum Wirklichkeit. Im Kernkraftwerk von Tschernobyl in der Ukraine kam es zu einem Super-GAU, dem größten anzunehmenden Unfall. Block 4 des Reaktors geriet außer Kontrolle und explodierte. Präsident Gorbatschow sprach von einem "Störfall", vom sowjetischen Geheimdienst KGB kam der Befehl, alle Informationen, die mit dem "Störfall" zu tun haben, geheim zu halten.

Im Osten wie im Westen gaben sich die zuständigen aber unverantwortlichen Experten größte Mühe, die Katastrophe zu bagatellisieren und ihre Folgen herunter zu spielen. Schweden schlug als erstes Land Alarm, weil die radioaktive Strahlung bis nach Lapland vorgedrungen war. Man befürchtete in Stockholm, die Quelle der Kontamination könnte eines der schwedischen Kernkraftwerke sein. Es dauerte Wochen, bis die Einwohner der verstrahlten Region rund um den zerstörten Reaktor evakuiert wurden, die ersten Arbeiter, die an der Unfallstelle ankamen, waren durch Papiermasken "geschützt", wie sie von den Bewohnern asiatischer Großstädte gegen den Autosmog getragen werden. Kurzum: niemand war auf den GAU vorbereitet und keiner wußte, was zu tun war. Nach offiziellen sowjetischen Angaben starben 32 Menschen durch Verstrahlung, eine Zahl, die so glaubwürdig war wie die Bilanzen der sowjetischen Fünf-Jahres-Pläne.

Heute ist Tschernobyl eine Zeitbombe, die leise aber unüberhörbar vor sich hintickt. Wie bei einem Vulkan. der nicht zur Ruhe kommt, warten alle auf den nächsten Ausbruch, die Frage ist nur: Wann ist es so weit? Eine schöne Gelegenheit also, sich mit der Geschichte und der Zukunft des maroden Reaktors zu bechäftigen und darüber zu reflektieren, wie wir es schaffen, mit der Aussicht auf einen zweiten Gau ruhig zu leben, während die relativ harmlosen Castor-Transporte die allergrößten Ängste und Proteste mobilisieren.

Ideales Thema verschenkt

Und ein ideales Themas für "arte"; leider wurde es verschenkt, denn nach der einstündigen Dokumentation, die Freitagabend kurz vor Mitternacht gesendet wurde, wissen wir über Tschernobyl und die Folgen des GAU noch weniger als vorher. Was wir schon lange geahnt haben - "Der Sarkophag ist in einer schlechten Verfassung" - wurde mehrfach bestätigt, die Chronologie des Unfalls rekonstruiert, es kamen auch viele Experten zu Wort, die einander Inkompetenz bescheinigten - nur ging die ganze Arbeit über eine lückenhafte Bestandsaufnahme des Status quo nicht hinaus.

Um der Dokumentation die nötige Glaubwürdigkeit zu geben, hatten die drei Autoren einen Fachmann als "Erzähler" verpflichtet, Dr. Sebastian Pflugbeil, Physiker in der DDR, Mitbegründer des "Neuen Forum" und eine Weile Minister ohne Geschäftsbereich im Kabinett Modrow. Pflugbeil ist sachkundig und integer, wie es nur wenige sind, freilich: einen komplizierten Tatbestand in einfachen Worten zu erklären, ist seine Sache nicht, auch fehlt es ihm an der Leidenschaft, die bei einem solchen Thema nötig wäre, um es anschaulich zu machen.

Er ist eben kein Dr. Seltsam im Dienst der Aufklärung, sondern ein Akademiker und Bürgerrechtler im Alleingang, der zur Zeit der Wende und danach seine Erfahrungen gemacht hat. Er sagt: "Der normale Wissenschaftsbetrieb im Westen ist so korrupt wie in der DDR" und "Die Leute, die danach gelogen haben, lügen auch heute und die Öffentlichkeit nimmt es nicht zur Kenntnis." Also macht sich Pflugbeil auf den Weg nach Tschernobyl, um gemeinsam mit einem russischen Kollegen, Konstantin Tschetscherow, den demolierten Reaktor zu inspizieren, begleitet von einem TV-Team. Er geht in das innere des "Sarkophags", stellt fest, dass er undicht ist, eine "dünne Abdeckung voller Risse und Löcher", unter der es dampft und zischt. Die Aufnahmen aus dem Bauch der atomaren Hölle könnten auch aus einem frühen Jules-Verne-Film über die Reise in das Innere der Erde stammen, wie kommt es, daß Pflugbeil keine Angst hat, verstrahlt zu werden, obwohl er nur einen dünnen Schutzanzug und einen Helm trägt?

Wer strahlt?

Es geht um die Frage, ob nur drei Prozent der radioaktiven Strahlung entwichen und 97% im Reaktor geblieben sind oder umgekehrt. Da gehen die Ansichten der Experten auseinander, nur Jürgen Trittin, der deutsche Umweltminister, formuliert eine gesicherte Binse: "Wir wissen, daß dieses Unglück sehr viele Menschen auf dem Gewissen hat." Wer das zu Unglück freilich zu verantworten hat, bleibt ungeklärt und zum Ende hin kommt auch Dr. Sebastian Pflugbeil zu einer unerwarteten und überraschenden Erkenntnis: "Für uns in Westeuropa geht von diesem Ding keine Gefahr aus."

Worin liegt also der Skandal? Beim Geld natürlich. Ein Berater des ukrainischen Präsidenten sagt: "Der Sarkophag ist eine Geldwaschanlage", 565 Millionen Dollar wurden bis jetzt von der EU für die "atomare Sicherheit" des durchgebrannten Reaktors ausgegeben, es wurden viele Gutachten und Expertisen geschrieben, weitere 77o Millionen Dollar sollen für den Bau eines zweiten, viel größeren "Sarkophags" ausgegeben werden. Der aber sei, sagt Pfugbeil, nicht nötig, wichtiger wäre es, die 13 noch laufenden Reaktoren vom Typ Tschernobyl abzuschalten.

Leicht verwirrt stellen wir nach einer Stunde fest: Aus dem GAU ist ein Fall von Subventionsschwindel geworden. Die Internationale Atomenergie Agentur hat versagt, jetzt sollte der Bund der Steuerzahler aktiv werden.

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