"Tsunami – Die Killerwelle" Katastrophe ohne Kitsch

Katastrophen gelten als soziale Gleichmacher: Wo Killerwellen wüten, werden angeblich auch gesellschaftliche Übel weggespült. Die US-Produktion "Tsunami" riskiert einen nüchternen Blick auf das Desaster - und überzeugt mit Kritik statt Kitsch.

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Der Schrecken liegt in der Stille. Irgendwo singt ein Vogel, durch die wenigen noch stehenden Palmen raschelt eine milde Brise. Doch wer sich dem Küstenstreifen von Khao Lak nähert, dem bietet sich ein Bild nahezu kompletter Zerstörung. Wo einst Fischerhütten standen, türmen sich Holztrümmer; mittelgroße Boote liegen verwaist im Hinterland. Hier muss eine Urgewalt gewütet haben.



Die Folgen sind sichtbar, aber die Ursache der Naturkatastrophe ist am Tag eins nach dem Tsunami, der am 26.12. 2004 den Pazifikraum verwüstete, nicht zu greifen. Die Medien brauchen Bilder oder zumindest Beschreibungen der Welle, und der britische Reporter Nick Fraser (Tim Roth), der mit einem Fotografen als erster die Krisenregion erreicht, soll sie liefern. Er streunt durch Auffanglager und Hospitäler, deckt Leichentücher ab und befragt die Überlebenden. Wie hoch war die Welle? Konnte man sie hören? Wie sah sie aus?

Genau dieser Art von Abbildungslogik entzieht sich der Zweiteiler "Tsunami" konsequent. Es ist ein Katastrophendrama, das sich nicht um die Darstellung der Katastrophe an sich schert. Einer der Protagonisten sieht das aufbäumende Meer als unscharfe Spiegelung in einer Fensterscheibe, im Anschluss werden einige der durchs Fernsehen bekannten Dokumentaraufnahmen gegengeschnitten. Ein paar Minuten nur, dann ist alles vorbei.

Im Original trägt der Film den Untertitel "The Aftermath", die Nachwirkungen. Doch das war ProSieben offensichtlich zu unspektakulär. In seinen Eigenproduktionen versuchte der Sender ja bereits mit großem technischen Aufwand Naturphänomene actionreich in Szene zu setzen; so hat man schon detailgenau einen Hurrikan über Berlin hereinbrechen lassen und sogar einen Tsunami über Sylt. Zu dieser Desasterverwertungsmechanik gehört es auch, die leise Produktion des US-Senders HBO kurz nach dem zweiten Jahrestag der Katastrophe mit dem marktschreierischen Zusatz "Die Killerwelle" zu versenden.

Realismus statt Romantik

Davon sollte man sich nicht beirren lassen. Spekulative und reißerische Elemente sucht man in diesem Film vergeblich. Regisseur Bharat Nalluri erzählt im Tonfall eines posttraumatischen Erlebnisberichts, auf Musik verzichtet er über weite Strecken. Und Drehbuchautor Abi Morgan, der schon für den britischen Zweiteiler "Sex Traffic" das Thema Frauenhandel ohne voyeuristischen Touch aufschlüsselte, verknüpft geschickt die seelischen Folgeschäden der Figuren mit den sozialen Bruchstellen, die sich nach dem Tsunami im Krisengebiet offenbarten. Das Geschehen wird mit dokumentarischer Schärfe beleuchtet, die Charaktere bleiben auch in ihren sonderbarsten Handlungen glaubhaft. Die Erweckungsszenarien konventioneller Disaster-Movies, in denen die Helden angesichts des Infernos über sich selbst hinauswachsen, gibt es hier nicht.

Im Zentrum steht das US-Touristenpaar Ian und Susie Carter (Chiwetel Ejiofor und Sophie Okonedo), das die sechsjährige Tochter durch den Tsunami verloren hat. Die beiden Überlebenden taumeln die verwüstete Küste entlang, in der Hoffnung, wenigstens die Leiche ihrer Kleinen zu finden. In einer der stärksten Szenen stehen sie vor einem Leichensack. Die Kamera verweilt minutenlang auf den Gesichtern der Eltern, in denen sich Schmerz, aber auch einkehrende Ruhe widerspiegeln. Irgendwann fährt die Mutter zärtlich mit der Hand in den Leichensack; sie ist sich jetzt ganz sicher, in dem entstellten kleinen Korpus das eigene Kind zu erkennen. Einen Tag später beweist eine zahnmedizinische Prüfung, dass es sich bei der Toten nicht um die Tochter handelt.

Eine weitere falsche Fährte tut sich auf, als die Eheleute in einer Liste mit elternlosen Kindern das unscharfe Bild eines Mädchens sehen. Im Krankenhaus müssen sie erkennen, dass es nicht das verlorene Kind ist. Da jedoch das fremde kleine Wesen ohne Verwandtschaft ist, nehmen sich Ian und Susie seiner an. Eine Familienzusammenführung, die nicht funktionieren kann: Die drei müssen sich wieder trennen. Das Publikum wird in "Tsunami" nicht mit der genreüblichen Sozialromantik abgespeist.

Trotzdem gibt es zuweilen Momente herzlicher Annäherung: Innig umarmt etwa der Amerikaner Ian bei einem Wiedersehen den thailändischen Küchenjungen Than (Samrit Machielsen), mit dem er direkt nach der Katastrophe die Leichenfelder durchstreifte. Das Leid hat sie geeint – aber keineswegs gleich gemacht.

Kritisch emphatisch

Es ist dieser genaue Blick auf die sozialen Verhältnisse, durch den sich "Tsunami" vom handelsüblichen Desaster-Schmonzes abhebt. Der Satz, dass die Katastrophe alle Menschen im gleichen Maße zu Opfern macht, besitzt einen verführerischen Schönklang. Aber er ist leider nicht wahr. Der Film deckt konsequent die gesellschaftlichen Widersprüche im zerstörten Touristenparadies auf: So wird der Thai Than von der Polizei als Plünderer eingesperrt, als er im verwüsteten Hotel Nahrung für einen unter Trümmern Eingeklemmten besorgen will. Am nächsten Morgen ist der Mann tot. Wenige Tage später kommen die Bagger und machen das Gelände, wo einst die Hüttensiedlung der Einheimischen stand, platt – das britische Hotel nebenan nutzt den Tsunami zur Flurbereinigung und vergrößert bei der Gelegenheit gleich mal das eigene Ressort.

Gerade in ihrer Schonungslosigkeit nehmen die Filmemacher die Opfer ernst. "Tsunami" ist ein Requiem, das von Pathos ebenso frei ist wie von Zynismus. Es bleibt eine bittere Wahrheit, dass nicht mal ein Ereignis wie jenes vor zwei Jahren in Südostasien den globalen ökonomischen Gang der Dinge verändert. Katastrophe hin oder her – die Welt dreht sich ganz schnell weiter wie zuvor.


"Tsunami – Die Killerwelle", 20.15 Uhr ProSieben



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