Prozess gegen "Cumhuriyet" "Die Regierung will die Gesellschaft einschüchtern"

Er saß neun Monate lang in der Türkei in Untersuchungshaft. Im Juli wurde Musa Kart, Karikaturist der Tageszeitung "Cumhuriyet", aus dem Gefängnis entlassen. Nun hofft er, dass auch seine Kollegen freigesprochen werden.

"Cumhuriyet"-Redaktion in Istanbul
Getty Images

"Cumhuriyet"-Redaktion in Istanbul

Ein Interview von , Istanbul


Der Prozess gegen die Mitarbeiter der türkischen Tageszeitung "Cumhuriyet" ist nicht irgendein Verfahren. Es ist ein Schauprozess gegen eine der wenigen verbliebenen unabhängigen Zeitungen in der Türkei.

Die "Cumhuriyet" (Deutsch: Republik) hatte sich in den vergangenen Jahren immer wieder mit der Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan angelegt. Ihr ehemaliger Chefredakteur, Can Dündar, saß ein Jahr lang im Gefängnis, nachdem er im Frühsommer 2015 über mutmaßliche Waffenlieferungen des türkischen Geheimdiensts an Extremisten in Syrien berichtet hatte. Er lebt inzwischen im Exil in Berlin.

Im vergangenen Oktober nahm die Polizei elf weitere Mitarbeiter der Zeitung fest, darunter Dündars Nachfolger Murat Sabuncu, Kolumnist Kardi Kürsel und Karikaturist Musa Kart. Die Behörden werfen ihnen Terrorpropaganda vor. Die Beschuldigten saßen neun Monate in Untersuchungshaft im Hochsicherheitsgefängnis in Silivri, nahe Istanbul, wo auch der deutsche Journalist Deniz Yücel gefangen gehalten wird. Im Juli begann in Istanbul der Prozess gegen sie. Kart und sechs Kollegen kamen vorübergehend frei, vier "Cumhuriyet"- Mitarbeiter befinden sich nach wie vor in Haft.

Am 11. September wird der Prozess fortgesetzt. Die Behörden haben dafür den Ort verlegt. Das Verfahren wird nicht mehr, wie im Juli, im Gerichtspalast Caglayan in Istanbul durchgeführt, sondern direkt im Hochsicherheitstrakt in Silivri. "Cumhuriyet"-Karikaturist Musa Kart ist trotzdem zuversichtlich, dass seine Kollegen freikommen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kart, wie geht es Ihnen?

Kart: Es geht mir gut. Ich bin wieder mit meiner Familie zusammen, mit meinen Freunden. Aber unser Glück wird erst dann vollständig sein, wenn unsere Freunde, die noch immer im Gefängnis sind, frei kommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie saßen neun Monate lang im Hochsicherheitsgefängnis in Silivri in Haft. Wie waren die Bedingungen dort?

Kart: Wir lebten in Silivri in vollständiger Isolation. Ich durfte meine Frau jede Woche nur für eine Stunde sprechen. Ich durfte nicht zeichnen. Ich durfte noch nicht einmal einen Stift anfassen. Die Wärter haben den Hof mit Stacheldraht abgedeckt, so dass wir Häftlinge den Himmel nicht sehen konnten.

ZUR PERSON
    Musa Kart, geboren 1954, gilt als einer der besten Karikaturisten der Türkei. Er zeichnet seit mehr als drei Jahrzehnten für türkische Tageszeitungen und Magazine, seit 1994 vor allem für "Cumhuriyet". Er wurde für seine Arbeit mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Pressefreiheits-Preis der Türkischen Journalistenvereinigung.

SPIEGEL ONLINE: Was genau wirft Ihnen der türkische Staat vor?

Kart: Wir haben unser Leben lang nichts anderes gemacht als Journalismus. Der Staat aber behauptet, wir hätten Terroristen unterstützt. In einem Rechtsstaat werden Menschen vor Gericht gestellt, und falls sie schuldig sind, werden sie bestraft. Bei uns ist es umgekehrt: Wir wurden bestraft, nun stehen wir vor Gericht.

SPIEGEL ONLINE: Ende Juli hat ein Istanbuler Gericht Sie und sechs Kollegen aus der Untersuchungshaft entlassen. Vier "Cumhuriyet"-Kollegen werden nach wie vor gefangen gehalten. Warum?

Kart: Wir wurden aus politischen Gründen verhaftet. Die Regierung will die Opposition und die Gesellschaft einschüchtern. Doch der Widerstand gegen unsere Festnahme war in der Türkei vom ersten Tag an sehr groß. Auch aus dem Ausland haben wir viel Solidarität erfahren. Das hat die Regierung dazu gezwungen, Zugeständnisse zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben unmittelbar nach der Entlassung aus der Haft wieder begonnen zu zeichnen. Haben Sie keine Angst vor weiteren Repressionen?

Kart: Zeichnen ist nun einmal mein Beruf. Ich zeichne seit 35 Jahren politische Karikaturen. Aber ja, der Prozess hat mein Vertrauen in unsere Justiz tief erschüttert.

SPIEGEL ONLINE: Ist es in der Türkei heute noch möglich, unabhängigen Journalismus zu leisten?

Kart: Es ist schwierig. Doch es gibt nach wie vor Zeitungen wie "Cumhuriyet", die dem Druck standhalten.

SPIEGEL ONLINE: Bundeskanzlerin Angela Merkel will sich für einen Abbruch der EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei einsetzen. Ist das eine gute Idee?

Kart: Ich will, dass mein Land, das ich sehr liebe, demokratischen Normen gehorcht. Und ich glaube, dass wir das nur durch eine enge, egalitäre Beziehung zum Westen erreichen. Eine Mehrheit der Menschen in der Türkei sieht das ganz genau so.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie noch Hoffnung für die Demokratie in der Türkei?

Kart: Ich habe die Hoffnung für mein Land und meine Leute auch im Gefängnis nie verloren. Ich bin überzeugt, die Zukunft wird hell sein.



insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dieter 4711 09.09.2017
1. Hoffentlich entläßt die türk. Regierung noch mehr Journalisten
Hoffentlich entläßt die türk. Regierung noch mehr Journalisten. darunter können auch ruhig Deutsche sein.
ows 09.09.2017
2. Dieter????
Du meinst doch hoffentlich aus der Haft entlassen, oder?
rkinfo 09.09.2017
3. Machen tatsächlich soviele Türken da mit ... oder alles Wahlbetrug ?
Diese Entwürdigungen innerhalb der türkischen Gesellschaft entsprechen nicht dem gewachsenen Nationalstolz. Wer Erdogan unterstützt kann daher kaum ein anständiger Türke sein und die letzten Wahlen müssen massiv gefälscht worden sein - incl. der Abstimmung zur Verfassung. Bei uns im TV sind nur bezahlte, staatliche Mitarbeiter der AKP und türkischer Organisationen zu sehen. Gibt es überhaupt (noch) echte Erdogan-Fans ?
christerix 09.09.2017
4. Aufgeben?
Die Türkei sind für mich ein Lehrstück, um zu begreifen, was damals im NS-Regime wassiert ist. Wie kann ein System sich so sehr ausbreiten, dass Menschenrechtler fertig gemacht werden und der Großteil der Bevölkerung nicht nur schläft, sondern sich längst instrumentarisieren lässt - aus Angst oder falschem Nationalstolz? Und dann ist die Frage, ob nicht jemand, der eigentlich an gute Ideale glaubt, letztlich das sinkende Schiff verlassen und auswandern sollte, da man auf Erden nur ein Leben hat? Wenn ich dann noch sehe, wie die anderen EU-Länder sich von Erdogan auch um den Finger wickeln lassen, wird mir übel. Ich denke, die Türkei ist tot und nun steht da das ostmanisch-türkische Reich mit dem Reichskanzler Erdogan. Das einzig Beruhigende ist, so hoffe ich, dass er nicht die umliegenden Länder angreifen, sondern nur sein eigenes Land knechten wird.
tinosaurus 09.09.2017
5. Konsequentes Handeln
Erstaunlich und nicht nachvollziehbar ist für mich derzeit die Reaktion einiger europäischer Staaten, für die das Geschehen in der Türkei scheinbar keine Rolle spielt. Insbesondere die zumeist betroffene Bundesregierung sollte viel konsequenter reagieren und alle Möglichkeiten ausschöpfen. Mit Reisewarnungen ist es nicht getan.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.