Erzwungene Neuwahlen in Istanbul "Die AKP erstickt den Willen des Volkes"

Elif Shafak ist eine der bekanntesten Autorinnen der Türkei. Die Annullierung der Bürgermeisterwahl in Istanbul sei "nicht hinnehmbar", sagt sie dem SPIEGEL - und hofft auf eine Reaktion der Bevölkerung.

Proteste in Istanbul: "Die Menschen werden erneut zur Wahl gehen"
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Proteste in Istanbul: "Die Menschen werden erneut zur Wahl gehen"


Die türkische Autorin Elif Shafak kritisiert gegenüber dem SPIEGEL die Entscheidung der Wahlkommission scharf, die Wahl des Bürgermeisters von Istanbul müsse wiederholt werden. Ins Zentrum ihrer Kritik rückt sie das Verhalten der regierenden AKP unter Präsident Recep Tayyip Erdogan.

"Die Entscheidung ist unfair, undemokratisch, gegen das Gesetz und sehr falsch." Ekrem Imamoglu, der Kandidat der oppositionellen CHP-Partei, habe die Wahl eindeutig gewonnen und sei der legitime Bürgermeister von Istanbul. Aber die AKP-Regierung unter Erdogan habe nach der Niederlage extremen Druck auf die Wahlkommission ausgeübt, die Wahl in Istanbul zu annullieren: "Das ist nicht hinnehmbar", so Shafak.

Elif Shafak: "Die Entscheidung ist unfair, undemokratisch"
Tim Wegner/ DER SPIEGEL

Elif Shafak: "Die Entscheidung ist unfair, undemokratisch"

Die oberste Wahlbehörde hatte auf Antrag von Erdogans AKP Neuwahlen in Istanbul angeordnet. Die Regierungspartei hatte bei den Kommunalwahlen am 31. März erstmals seit 25 Jahren das Bürgermeisteramt in Istanbul an die Opposition verloren. Anschließend hatte Erdogan von organisierter Korruption und Unstimmigkeiten an den Wahlurnen gesprochen.

Shafak: "Ich hoffe, Imamoglu wird noch mehr Stimmen erhalten"

"Millionen Menschen haben abgestimmt, Unzählige haben neben den Wahlurnen Nächte durchwacht, um sicherzustellen, dass die Wahlen korrekt ablaufen", sagte Shafak dem SPIEGEL. "Nachträglich beschädigt die AKP-Regierung diesen Prozess. Dabei wirbt die AKP mit dem Slogan, dass sie den Willen des Volks repräsentieren würde. Sie tut aber genau das Gegenteil, sie trampelt auf dem Willen des Volks herum und erstickt ihn." Dafür gebe es keine Grundlage.

Elif Shafak äußert sich nicht zum ersten Mal kritisch über die Politik und die türkische Gesellschaft unter Erdogan. In einem Gastbeitrag für den SPIEGEL von 2017 schrieb sie, die Türkei sei nationalistischer und religiöser geworden, die Politik autoritärer, die Gesellschaft sei gespalten. Im Falle der Wahlwiederholung in Istanbul hat sie aber Hoffnung: "Die Menschen in Istanbul werden erneut zur Wahl gehen, und ich hoffe, dieses Mal wird Ekrem Imamoglu noch mehr Stimmen erhalten als zuvor."

Mit ihrem Roman "Der Bastard von Istanbul" löste Shafak in der Türkei eine große Kontroverse aus, die Justiz ermittelte wegen "Beleidigung des Türkentums" gegen sie. Auch Elif Shafaks neuer Roman "Unerhörte Stimmen" spielt in Istanbul, allerdings in den Sechziger- und Siebzigerjahren. Ein Porträt der Autorin lesen Sie ab Samstag in der neuen Ausgabe des SPIEGEL.

clv/kae

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