Haft in der Türkei "Erdogan hat Mesale als Geisel genommen"

Seit vier Monaten ist die deutsche Journalistin Mesale Tolu in der Türkei in Haft. Ihr Vater, Ali Reza Tolu, sieht die Bundesregierung in der Pflicht - es brauche mehr als markige Sprüche im Wahlkampf.
Proteste für die Freilassung von Mesale Tolu (Archiv)

Proteste für die Freilassung von Mesale Tolu (Archiv)

Foto: Stefan Puchner/ dpa

Am frühen Morgen des 30. April stürmten türkische Antiterrorpolizisten die Istanbuler Wohnung der Journalistin Mesale Tolu. Sie warfen die Frau zu Boden, richteten Maschinengewehre auf sie.

Tolu, 33 Jahre alt, ist in Neu-Ulm aufgewachsen und hat zuletzt für die türkische Nachrichtenagentur ETHA gearbeitet. Die Behörden werfen ihr Terrorpropaganda vor. Sie halten Tolu seit vier Monaten im Frauengefängnis im Istanbuler Stadtteil Bakirköy gefangen.

Der Fall ähnelt jenem des "Welt"-Korrespondenten Deniz Yücel, der sich seit Februar in der Türkei in Untersuchungshaft befindet - mit einem Unterschied: Tolu besitzt ausschließlich die deutsche Staatsbürgerschaft. Sie hat ihren türkischen Pass 2007 abgegeben.

Ali Reza Tolu, 58, besucht seine Tochter regelmäßig im Gefängnis. Er fordert die Bundesregierung auf, den Druck auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu erhöhen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Tolu, Sie haben Ihre Tochter Mesale gerade erst im Gefängnis in Istanbul besucht. Wie geht es ihr?

Ali Riza Tolu: Mesale sagt bei jedem unserer Gespräche: Papa, es geht mir gut. Sie will nicht, dass wir uns Sorgen machen. Aber der Alltag im Gefängnis setzt ihr erkennbar zu.

SPIEGEL ONLINE: Was wissen Sie über die Haftbedingungen?

Tolu: Die Bedingungen im Frauenknast in Bakirköy sind besser als im Hochsicherheitstrakt in Silivri, wo Mesales Mann Suat und auch Deniz Yücel und Peter Steudtner einsitzen. Mesale sorgt sich vor allem um ihren Sohn, meinen Enkel, Serkan. Er ist zweieinhalb Jahre alt und lebt nun mit seiner Mutter im Gefängnis. Andere Kinder gehen in diesem Alter auf den Spielplatz oder ins Schwimmbad.

SPIEGEL ONLINE: Gab es für den Jungen keine Alternative zum Gefängnis?

Tolu: Die Polizisten hatten Serkan nach Mesales Festnahme bei Nachbarn abgegeben. Ich und Mesales Schwester haben uns zunächst um ihn gekümmert. Doch Serkan hat Tag und Nacht nach seiner Mutter geschrien. Er hat nicht mehr geschlafen, er hat angefangen zu stottern. Also haben wir uns entschieden, ihn zu Mesale zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Was genau werfen die türkischen Behörden ihrer Tochter vor?

Tolu: Mesale hat für die Nachrichtenagentur ETHA über die Beerdigung von zwei Mitgliedern der marxistisch-leninistischen Partei berichtet. An dieser Beerdigung nahmen 2000 Menschen teil. Nun heißt es, Mesale habe Terrorpropaganda betrieben. Die Staatsanwaltschaft fordert 15 Jahre Haft.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie von Mesales Verhaftung erfahren?

Tolu: Ich war in meiner Heimatstadt, in Elbistan, im Südosten der Türkei, wo ich die Hälfte des Jahres lebe. Gegen acht Uhr rief die Polizei bei mir an. Sie sagten, sie hätten meine Tochter aufs Revier gebracht. Ich bin dann noch am selben Tag nach Istanbul geflogen. Meine älteste Tochter und mein Sohn kamen aus Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Am 11. Oktober beginnt der Prozess gegen Mesale Tolu. Sind Sie zuversichtlich, dass Ihre Tochter freikommt?

Tolu: Wenn die Türkei ein Rechtsstaat wäre, wäre Mesale nie verhaftet worden. Sie hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Erdogan hat sie als Geisel genommen. Ich kann mir trotzdem nach wie vor nicht vorstellen, dass der Staat Mesale über die Untersuchungshaft hinaus im Gefängnis behält.

SPIEGEL ONLINE: Der Deutsche Journalistenverband wirft der Bundesregierung vor, nicht genügend für die Freilassung von Mesale Tolu und Deniz Yücel zu unternehmen. Teilen Sie die Kritik?

Tolu: Das Konsulat in Istanbul tut, was es kann. Der Konsul hat Mesale besucht. Wir stehen in Kontakt. Aber ich würde mir von der Regierung in Berlin Entschlossenheit wünschen. Es braucht mehr als ein paar markige Sprüche im Wahlkampf. Erdogan glaubt, er könne mit Deutschland tun, was er will.

SPIEGEL ONLINE: Außenminister Sigmar Gabriel hat die Reisehinweise für die Türkei verschärft und angekündigt, Bürgschaften für deutsche Unternehmen in der Türkei zu prüfen.

Tolu: Ja. Und am nächsten Tag schließt Siemens einen Milliardendeal mit der türkischen Regierung ab.

SPIEGEL ONLINE: Was macht die Ungewissheit über Mesales Schicksal mit Ihrer Familie?

Tolu: Meine Kinder sind alles für mich. Mein Frau starb 1990 bei einem Autounfall. Ich habe nicht noch einmal geheiratet und Mesale und ihre beiden Geschwister allein groß gezogen. Wir haben gemeinsam schwere Zeiten durchgestanden. Wir werden auch diese Prüfung meistern.

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