Haft in der Türkei "Erdogan hat Mesale als Geisel genommen"

Seit vier Monaten ist die deutsche Journalistin Mesale Tolu in der Türkei in Haft. Ihr Vater, Ali Reza Tolu, sieht die Bundesregierung in der Pflicht - es brauche mehr als markige Sprüche im Wahlkampf.

Proteste für die Freilassung von Mesale Tolu (Archiv)
DPA

Proteste für die Freilassung von Mesale Tolu (Archiv)

Von , Istanbul


Am frühen Morgen des 30. April stürmten türkische Antiterrorpolizisten die Istanbuler Wohnung der Journalistin Mesale Tolu. Sie warfen die Frau zu Boden, richteten Maschinengewehre auf sie.

Tolu, 33 Jahre alt, ist in Neu-Ulm aufgewachsen und hat zuletzt für die türkische Nachrichtenagentur ETHA gearbeitet. Die Behörden werfen ihr Terrorpropaganda vor. Sie halten Tolu seit vier Monaten im Frauengefängnis im Istanbuler Stadtteil Bakirköy gefangen.

Der Fall ähnelt jenem des "Welt"-Korrespondenten Deniz Yücel, der sich seit Februar in der Türkei in Untersuchungshaft befindet - mit einem Unterschied: Tolu besitzt ausschließlich die deutsche Staatsbürgerschaft. Sie hat ihren türkischen Pass 2007 abgegeben.

Ali Reza Tolu, 58, besucht seine Tochter regelmäßig im Gefängnis. Er fordert die Bundesregierung auf, den Druck auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu erhöhen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Tolu, Sie haben Ihre Tochter Mesale gerade erst im Gefängnis in Istanbul besucht. Wie geht es ihr?

Ali Riza Tolu: Mesale sagt bei jedem unserer Gespräche: Papa, es geht mir gut. Sie will nicht, dass wir uns Sorgen machen. Aber der Alltag im Gefängnis setzt ihr erkennbar zu.

SPIEGEL ONLINE: Was wissen Sie über die Haftbedingungen?

Tolu: Die Bedingungen im Frauenknast in Bakirköy sind besser als im Hochsicherheitstrakt in Silivri, wo Mesales Mann Suat und auch Deniz Yücel und Peter Steudtner einsitzen. Mesale sorgt sich vor allem um ihren Sohn, meinen Enkel, Serkan. Er ist zweieinhalb Jahre alt und lebt nun mit seiner Mutter im Gefängnis. Andere Kinder gehen in diesem Alter auf den Spielplatz oder ins Schwimmbad.

SPIEGEL ONLINE: Gab es für den Jungen keine Alternative zum Gefängnis?

Tolu: Die Polizisten hatten Serkan nach Mesales Festnahme bei Nachbarn abgegeben. Ich und Mesales Schwester haben uns zunächst um ihn gekümmert. Doch Serkan hat Tag und Nacht nach seiner Mutter geschrien. Er hat nicht mehr geschlafen, er hat angefangen zu stottern. Also haben wir uns entschieden, ihn zu Mesale zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Was genau werfen die türkischen Behörden ihrer Tochter vor?

Tolu: Mesale hat für die Nachrichtenagentur ETHA über die Beerdigung von zwei Mitgliedern der marxistisch-leninistischen Partei berichtet. An dieser Beerdigung nahmen 2000 Menschen teil. Nun heißt es, Mesale habe Terrorpropaganda betrieben. Die Staatsanwaltschaft fordert 15 Jahre Haft.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie von Mesales Verhaftung erfahren?

Tolu: Ich war in meiner Heimatstadt, in Elbistan, im Südosten der Türkei, wo ich die Hälfte des Jahres lebe. Gegen acht Uhr rief die Polizei bei mir an. Sie sagten, sie hätten meine Tochter aufs Revier gebracht. Ich bin dann noch am selben Tag nach Istanbul geflogen. Meine älteste Tochter und mein Sohn kamen aus Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Am 11. Oktober beginnt der Prozess gegen Mesale Tolu. Sind Sie zuversichtlich, dass Ihre Tochter freikommt?

Tolu: Wenn die Türkei ein Rechtsstaat wäre, wäre Mesale nie verhaftet worden. Sie hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Erdogan hat sie als Geisel genommen. Ich kann mir trotzdem nach wie vor nicht vorstellen, dass der Staat Mesale über die Untersuchungshaft hinaus im Gefängnis behält.

SPIEGEL ONLINE: Der Deutsche Journalistenverband wirft der Bundesregierung vor, nicht genügend für die Freilassung von Mesale Tolu und Deniz Yücel zu unternehmen. Teilen Sie die Kritik?

Tolu: Das Konsulat in Istanbul tut, was es kann. Der Konsul hat Mesale besucht. Wir stehen in Kontakt. Aber ich würde mir von der Regierung in Berlin Entschlossenheit wünschen. Es braucht mehr als ein paar markige Sprüche im Wahlkampf. Erdogan glaubt, er könne mit Deutschland tun, was er will.

SPIEGEL ONLINE: Außenminister Sigmar Gabriel hat die Reisehinweise für die Türkei verschärft und angekündigt, Bürgschaften für deutsche Unternehmen in der Türkei zu prüfen.

Tolu: Ja. Und am nächsten Tag schließt Siemens einen Milliardendeal mit der türkischen Regierung ab.

SPIEGEL ONLINE: Was macht die Ungewissheit über Mesales Schicksal mit Ihrer Familie?

Tolu: Meine Kinder sind alles für mich. Mein Frau starb 1990 bei einem Autounfall. Ich habe nicht noch einmal geheiratet und Mesale und ihre beiden Geschwister allein groß gezogen. Wir haben gemeinsam schwere Zeiten durchgestanden. Wir werden auch diese Prüfung meistern.

Alle wichtigen Infos
Der "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel sitzt seit dem 14. Februar 2017 in Haft in der Türkei, ihm werden Terrorpropaganda und Volksverhetzung vorgeworfen. Bis jetzt liegt keine Anklageschrift oder ein Prozesstermin vor.

Am 10. September findet zum Geburtstag Yücels ein Auto- und Fahrrad-Korso mit Kundgebung in Berlin statt, um für die Freilassung der in der Türkei inhaftierten Journalisten zu demonstrieren. Informationen dazu finden Sie hier. Wenn Sie Yücel schreiben wollen, finden Sie alle Infos dazu hier.

Derzeit sind rund 170 Journalistinnen und Journalisten in der Türkei in Haft oder Gewahrsam. Zuletzt begann im Juli der Prozess gegen Mitarbeiter der regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet".

Weitere Fälle:
Ayse Nazli Ilicak, Bügün, Yarina Bakis, seit 26.7.2016, Prozessbeginn unklar.
Mesale Tolu, seit April 2017, geplanter Prozessbeginn am 11.10.2017.
Peter Steudtner, Menschenrechtler, seit 7.7.2017, Prozessbeginn unklar. Loup Bureau, seit 26.7.2017, Prozessbeginn unklar.
Zehra Dogan, seit 23.7.2016, verurteilt im März 2017.
Gabriele del Grande, festgenommen am 9.4.2017, am 24.4.2017 freigelassen.
Mathias Depardon, festgenommen am 8.5.2017, am 9.6.2017 freigelassen.
insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
thomasp1965 01.09.2017
1. Handlungsmöglichkeiten
Wegen klarem Terrorverdacht der Türkei könnte man a) allen Flug und Schiffsverkehr in die Türkei sperren b) Warenverkehr & Zahlungsverkehr mit Türkei sperren c) Dauerprogramm Helene Fischer auf die Senderplätze türkischer Sender legen d) das "ü" aus der deutschen Sprache entfernen und in der Öffentlichkeit verbieten e) das "Er" verbieten, weil der Name des Oberterroristen damit anfängt Das wäre ein Anfang.
bengel771 01.09.2017
2.
Auch wenn das Konsulat tut was es kann, hat er recht wenn er von der Bundesregierung mehr erwartet. Sie hätte die deutlich verspätete Möglichkeit der konsularischen Betreuung thematisieren können, da dies mittlerweile kein Einzelfall mehr ist, sondern Standard. Das war ein Bruch internationalen Rechts, mittlerweile mehrfach, aber die Bundesregierung nimmt es hin. Die Ankündigung Bürgschaften zu prüfen ist nur ein Beruhigungsplacebo, denn leider würde die Bundesregierung keine Handlungen auf den Weg bringen, die den Gewinn der Unternehmen gefährden. Beispielhaft ist hier das Leisetreten im Fall der Verhafteten und der Aufschrei zur Liste von angeblich den Terror unterstützenden deutschen Unternehmen. Erst seit Letzterem kommt es zur Tonverschärfung gegenüber der Türkei.
karljosef 01.09.2017
3.
http://www.spiegel.de/fotostrecke/cartoon-des-tages-fotostrecke-151818-10.html
sozialismusfürreiche 01.09.2017
4. auch wenn ihre Vorschläge nicht alle ernst gemeint sind
Zitat von thomasp1965Wegen klarem Terrorverdacht der Türkei könnte man a) allen Flug und Schiffsverkehr in die Türkei sperren b) Warenverkehr & Zahlungsverkehr mit Türkei sperren c) Dauerprogramm Helene Fischer auf die Senderplätze türkischer Sender legen d) das "ü" aus der deutschen Sprache entfernen und in der Öffentlichkeit verbieten e) das "Er" verbieten, weil der Name des Oberterroristen damit anfängt Das wäre ein Anfang.
auch wenn ihre Vorschläge nicht alle ernst gemeint sind gäbe es sicherlich Möglichkeiten Sanktionen auf den Weg zu bringen. Es wurde in so vielen Fällen internationales Recht mit Füssen getreten. Die Idee die Sendeplätze für türkische Sender auf Satelliten zu kappen fände ich irgendwie interessant. Die Satellitenbetreiber müßten da nur bei unterstützt werden.
bigroyaleddi 01.09.2017
5. Dann bin ich ja mal gespannt -
ob unser gemeinsames insistieren nicht so langsam einen Erfolg bringt. Offensichtlich ist der Erdowahnklique mit nichts anderem beizukommen, als mit richtigen Sanktionen. Eine offizielle Reisewarnung ist nun zu wenig. Einfrierung von Konten der Mitglieder dieses verbrecherischen Systems gehören ab sofort in Europa eingefroren. Wäre doch gelacht, wenn diese Diktatur nicht in die Knie gezwungen werden könnte.
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