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19. April 2017, 05:09 Uhr

Wahlverhalten von Deutsch-Türken

"Die glauben ja nicht, antidemokratisch zu sein"

Ein Interview von

Beim Referendum haben viele türkischstämmige Wahlberechtigte in Deutschland mit Ja gestimmt. Das liegt nicht an gescheiterter Integration, sondern am primitiven Demokratieverständnis, sagt Migrationsforscher Serhat Karakayali.

SPIEGEL ONLINE: Der Grünen-Politiker Özcan Mutlu hat nach dem Referendum gesagt: "Ich verstehe nicht, wie man für die faktische Abschaffung der Demokratie in der Türkei sein kann, aber in Deutschland alle Vorzüge der Demokratie genießt." Haben Sie eine Erklärung?

Karakayali: Ich glaube, Herrn Mutlu geht es hier nicht um das Verstehen, er will eher seinen Unmut über das Wahlverhalten ausdrücken. Tatsächlich ist die Einstellung vieler Türken in europäischen Ländern etwas schizophren: Als in Holland eine AKP-Ministerin versucht hat, zum Konsulat zu kommen und es zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Erdogan-Anhänger kam, gab es eine Szene, in der ein Demonstrant dem anderen versicherte: "Keine Angst, wir sind hier nicht in der Türkei. Die verhaften uns nicht."

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es möglich, so einen Widerspruch im eigenen Verhalten nicht zu erkennen?

Karakayali: Das ist überhaupt nichts Neues. Es gibt zum Beispiel Umfragen, denen zufolge türkische Staatsangehörige in Deutschland, wenn sie wählen dürften, zu 60 Prozent die SPD wählen würden, danach kommen die Grünen und dann die Linken. Das steht deren Wahlverhalten in der Türkei natürlich diametral entgegen. Diese Leute wählen aber durchaus rational: In Deutschland eben Parteien, die zum Beispiel migrantenfreundlich sind. Oder arbeiterfreundlich. Viele Einwanderer kommen ja aus einem Arbeitermilieu. Hier in Berlin finden Sie Türken, die einerseits für die Linke stimmen - und andererseits für die AKP.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man das erklären?

Karakayali: Man muss sich anschauen, mit welchem Selbstverständnis und welchen Überzeugungen sie das machen. Die glauben ja nicht, antidemokratisch zu sein. Das Gegenteil ist der Fall, die halten die Verfassungsreform und die Linie Erdogans für durchaus demokratisch. Leider handelt es sich dabei um ein recht primitives Demokratieverständnis, bei dem solche Dinge wie Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit keine Rolle spielen, sondern nur die Idee, dass die Mehrheit bestimmt, wo es langgeht. Und dass die deutsche Öffentlichkeit das nicht versteht, wird ihnen von den türkischen Staatsmedien so erklärt: Die Deutschen sind rassistisch und muslimfeindlich. Das Schlimme ist, da ist ja auch was dran. Wenn jemand zum Beispiel meinen Namen hat, wird er es schwerer haben, eine Wohnung zu finden. Das wissen die Leute von Erdogan und instrumentalisieren diese Erfahrungen von Türken in Deutschland für ihre eigenen Zwecke.

SPIEGEL ONLINE: Das erklärt aber nicht, warum die türkischen Wähler in Deutschland so eindeutig abgestimmt haben. In Großbritannien und den USA war es anders.

Karakayali: In der türkischen Diaspora in Deutschland kommen die Leute aus anderen Milieus als in den USA, Großbritannien oder Norwegen. Dort sind viele eingewandert, die vor dem Militärputsch 1980 geflohen sind oder die aus anderen sozialen Schichten kommen. Aber auch wenn jemand Alevit ist, oder die Familie aus einem Ort wie Izmir kommt, sind die Chancen gering, dass diese Leute die AKP wählen. Aber in Deutschland wurden im Rahmen der Gastarbeiter-Bewegung in den Sechzigern andere Leute angeworben.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt könnte man von Leuten in der dritten Generation erwarten, dass sie sich ein eigenes Bild machen. Oder ist das eine Frage der Integration?

Karakayali: Ja, mangelnde Integration hört sich als Erklärung sicher gut an - und ist bestimmt auch nicht ganz falsch. Aber es gibt auch alevitische und kurdische Migranten, die genau die gleichen Diskriminierungserfahrungen gemacht haben, und dennoch mit "Nein" gestimmt haben. Wie bereits gesagt, das Wahlverhalten kann man nur zum Teil mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Deutschland erklären. In Bezug auf die Türkei spielen soziokulturelle Milieus und religiöse Identitäten eben auch eine Rolle. Diese familienbiografischen Positionierungen setzen sich teilweise bis in die dritte Generation fort. Ein Quäntchen Minderwertigkeitskomplex kommt aber sicherlich auch dazu.

SPIEGEL ONLINE: Das Thema der Einstellungen von türkischen Migranten ist nicht ganz neu. Auch der Einfluss Erdogans wird schon seit Langem diskutiert. Warum ist dann die Überraschung so groß, wenn die Leute erwartbar abstimmen?

Karakayali: Das ist doch nur eine rhetorische Verwunderung. Ein Stilmittel, um Ablehnung zum Ausdruck zu bringen, bei dem es verschiedene Geschmacksrichtungen gibt. Die reichen von "Enttäuschung" bei Özcan Mutlu bis "Wut" bei der AfD. Jetzt kursiert ja auch schon die Aufforderung in den Medien, dass diejenigen, die mit "Ja" gestimmt haben, Deutschland verlassen sollen. Das erinnert an den Umgang mit kritischen Linken in der alten Bundesrepublik. Denen hat man auch gesagt, wenn es euch hier nicht gefällt, dann geht doch rüber. Aber man muss sich ja nicht absolut mit einem Land identifizieren, um darin leben zu dürfen. Das ist ein Verständnis von Gesellschaft, das auf der Homogenität und Uniformität aufbaut, die Erdogan und seine Leute sich für die Türkei wünschen.

SPIEGEL ONLINE: Spielt man mit einer solchen Aufforderung nicht Erdogan in die Karten?

Karakayali: Man bedient natürlich ein ähnliches Gefühl, auf das auch die AKP zielt. Die Idee einer Deplatzierung, dass die Türken in Deutschland nicht zu Deutschland gehören. Und das ist ja interessanterweise auch das, was rechtsnationalistische Parteien in ganz Europa auch sagen. Diese Art der Koalition einer nationalistischen Minderheit und einer nationalistischen Mehrheit ist historisch nicht neu. Gegen dieses Narrativ muss man vorgehen.

SPIEGEL ONLINE: Und wie soll das gehen?

Karakayali: Die demokratischen Parteien in Deutschland müssen sich überlegen, ob sie türkischstämmige Funktionäre wirklich um jeden Preis in ihre Reihen integrieren möchten. In der Vergangenheit wurde ja bei CDU, SPD und Grünen genommen, wer sich angeboten hat. Und diese Leute mit Parteibuch stehen dann in Hamburg neben einem türkischen Minister und applaudieren, wenn der vom Mangel an Demokratie in Deutschland spricht. Man sollte sich mal überlegen, welche Art von Allianzen wir da eingegangen sind.

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