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18. April 2017, 14:26 Uhr

Referendum in der Türkei

Wie antwortet man auf "Evet"?

Eine Kolumne von

Die türkischen Wähler in Deutschland haben mehrheitlich für Erdogan votiert. Wie soll die hiesige Mehrheitsgesellschaft darauf reagieren? Alle rausschmeißen? Lächerlich machen? Ignorieren? Besser nicht.

Wie reagieren wir auf die Leute, die in Deutschland leben und beim türkischen Referendum mit "Evet", also Ja, gestimmt haben? Möglichkeiten über Möglichkeiten tun sich auf, jetzt, wo wir feststellen, dass unter uns Leute sind, die sich freiwillig für eine Autokratie entscheiden. Unter den Möglichkeiten sind mindestens sechs schlechte und eine gute.

Wir können, erstens, überrascht sein. Huch. Wir sind genauso fassungslos wie bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, so erschrocken wie beim Brexit-Votum, so schockiert wie bei Trumps Sieg und so entsetzt, wie wir bei der nächsten Wahl sein werden, wo irgendwelche Rechtsradikalen es wieder geschafft haben werden. Huch, huch, huch, huch. Wir können das machen: Jedes Mal aufs Neue bestürzt sein, aber es ist auf Dauer schwer durchzuhalten.

Zweitens können wir - ergänzend oder stattdessen - enttäuscht sein. Waren wir nicht immer... nett zu denen? Haben wir nicht am Bahnhof für sie gestanden und geklatscht... ach nee, das waren andere. Aber haben wir nicht unseren Gemüsehändler liebevoll "mein Türke" genannt? Und das ist jetzt der Dank? Komplizierte Rechnung.

Um die Enttäuschung zu verdrängen, können wir, drittens, superlustig sein. Wir sagen den Evet-Leuten, sie sollen einfach schön in ihre frisch geschlüpfte Diktatur gehen, und wir nehmen stattdessen ein paar Hayir-Wähler rein. Oder, LOL, wir sagen ihnen, sie können hierbleiben, aber für sie gilt ab sofort auch die Todesstrafe, falls sie sich mal schlecht benehmen. Wir können so lustig sein wie Erdogan. Also gar nicht.

Viertens können wir das alles aber auch einfach ignorieren. Wir können, genau wie beim Brexit und Trump und Le Pen sagen, das betrifft uns alles nicht. Die einen sind irgendwo in anderen Ländern, und die Evet-Deutschtürken, die... na ja, die sitzen uns zumindest nicht direkt aufm Schoß und brüllen uns faschistische Sachen ins Ohr. Bis sie das tun, können wir sie doch ignorieren, vielleicht? Vielleicht nicht.

Oder, Moment, warum eigentlich so soft, wir können sie fünftens doch einfach rausschmeißen. Wenn sie nichts von einem Rechtsstaat halten, dann müssen sie halt gehen, oder? Ach so, das sind Deutsche? Hm.

Dann könnten wir, sechstens, einfach hart sein und Gräben vertiefen. Wir schmeißen sie nicht raus, zeigen ihnen aber 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche, dass wir gern würden. Spätestens jetzt müssten wir so langsam mal klären, wer hier eigentlich "wir" ist. Denn auch unter den Deutschen ohne türkische Geschichte gibt es welche, die eine harte Führerhand gar nicht mal so schlecht finden würden. Ekeln wir die mit raus? Wohin? In die Vergangenheit?

Wir müssen eine siebte Möglichkeit finden, die im Weiterkämpfen besteht. Wenn wir denen zuhören, die für das neue türkische Präsidialsystem gestimmt haben, wird dabei höchstwahrscheinlich nicht rauskommen, dass die sich einfach nur geirrt haben und sich zum Beispiel umentscheiden (zu spät), sobald sie erfahren, was Erdogan über Frauen denkt. Eine rührende Vorstellung. Wir können nicht mehr davon ausgehen, dass Leute sich, wenn man ihnen einigermaßen die Wahl lässt, immer für Demokratie und Rechtsstaat entscheiden.

Auch wenn das Abstimmungsergebnis in der Türkei nur unter Einschüchterung und Bedrohung des Hayir-Lagers zustande gekommen ist, heißt das nicht, dass es eigentlich nicht so schlimm ist, sondern dass da extreme Kämpfe um sehr grundlegende Dinge stattfinden. Der Anteil der Menschen, die es nicht für unerlässlich erachten, in einer Demokratie zu leben, ist global vor allem unter jungen Menschen zum Teil alarmierend hoch, so das Ergebnis einer Harvard-Studie, die im vergangenen Winter veröffentlicht wurde.

Es ist definitiv die beschissenste Erkenntnis überhaupt, dass es Leute gibt, die anderen keine Freiheit gönnen. Leute, die glauben, es ist okay, Andersdenkende zu bedrohen oder einzusperren und die dafür auch Einschränkungen eigener Rechte in Kauf nehmen. Es sind keine Wahnsinnigen, die wir eh erkennen, wenn wir sie sehen, sondern Leute, mit denen wir jeden Tag U-Bahn fahren oder einkaufen gehen. Wir sind umgeben von denen - aber die auch von uns.

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