Tunis Demonstration gegen TV-Film eskaliert in Gewalt

Ein angeblich blasphemischer Zeichentrickfilm hat in Tunis wütende Proteste ausgelöst. Tausende gingen nach der Ausstrahlung im TV auf die Straße, warfen dem Senderchef Gotteslästerung vor. Sein Haus wurde mit Brandbomben beworfen, die Polizei setzte Tränengas gegen die randalierende Menge ein.
Wütende Menge: Auch vor dem Regierungssitz in Tunis kam es zu Ausschreitungen

Wütende Menge: Auch vor dem Regierungssitz in Tunis kam es zu Ausschreitungen

Foto: ZOUBEIR SOUISSI/ REUTERS

Tunis/Hamburg - Die Ausstrahlung des preisgekrönten Films "Persepolis", in dem Gott als alter, bärtiger Mann dargestellt wird, hat am Freitag heftige Proteste in der tunesischen Hauptstadt Tunis ausgelöst.

Die Demonstranten zeigten sich entrüstet über den tunesischen Privatsender Nessma TV, der den Film aus dem Jahr 2007 vergangene Woche gezeigt hatte. Hunderte Angreifer attackierten das Haus von Senderchef Nabil Karoui.

Die Proteste entwickelten sich zunächst am Ausgang einer Moschee im Anschluss an das Freitagsgebet. Als der Protestzug mit Tausenden Demonstranten, darunter Salafisten, sich auf den Sitz der Regierung zubewegte, schritt die Polizei ein und setzte gegen die Demonstranten Tränengas ein.

Die Demonstranten forderten die Schließung des Senders und griffen später das Haus von Nessma-TV-Chef Karoui an. Wie der Sender am Abend berichtete, beteiligte sich eine "Gruppe von hundert Männern" an dem Angriff auf das Wohnhaus und warf Molotow-Cocktails.

Etwa zwanzig von ihnen sei es gelungen, ins Haus einzudringen, wo sich zu diesem Zeitpunkt noch die Frau und Kinder Karouis aufhielten. Der Senderchef selbst sei nicht zu Hause gewesen. Der Familie sei es "in letzte Minute" gelungen, sich in Sicherheit zu bringen. Die Angreifer hätten das Haus verwüstet und Feuer gelegt.

Der Sender verurteilte den Angriff und die "Anstiftung durch einige Imame" zu Angriffen auf Mitarbeiter des Senders.

Für salafistische Muslime ist es eine Gotteslästerung, wenn dieser im Bilde dargestellt wird. Die Ausstrahlung von "Persepolis" wurde in vielen tunesischen Moscheen im Freitagsgebet angesprochen.

Der Film "Persepolis" von Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud beruht auf dem gleichnamigen Comic und erzählt von Satrapis Jugend und Kindheit in Iran, setzt sich kritisch mit dem Schah-Regime und der Zeit nach der Islamischen Revolution 1979 auseinander. Im Libanon war der Streifen 2008 wegen Gotteslästerung zunächst verboten worden.

"Persepolis" wurde von der Jury der Internationalen Filmfestspiele im südfranzösischen Cannes mit einem Spezialpreis bedacht und war für einen Oscar nominiert.

pad/dapd/AP
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