Turner-Kunstpreis Der britische Kulturminister und der "konzeptionelle Bullshit"

Ein Glas Wasser auf dem Boden, das Foto eines Pissoirs, ein vorgelesenes Pornofilm-Drehbuch und ein farbiges Plexiglas-Dach - die Exponate der Nominierten für den Turner-Kunstpreis rissen den britischen Kulturminister Kim Howells zu harschen Unmutsbekundungen hin.


Porno transkribiert: Banner-Installation "Arsewoman in Wonderland" in der Tate Britain
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Porno transkribiert: Banner-Installation "Arsewoman in Wonderland" in der Tate Britain

London - Er sei wütend gewesen, als er die Ausstellung der vier für den Turner-Preis nominierten Künstler im Londoner Tate-Britain-Museum gesehen habe, sagte Howells am Donnerstag im britischen Rundfunk.

Besonders aufgebracht war er über das Werk des Künstlers Liam Gillick, bei dem es sich um ein farbiges Plexiglas-Dach handelt. Er habe schon seit den sechziger Jahren in Kantinen unter Dächern aus solchem Material gesessen, sagte der frühere Kunststudent Howells. "Das ist überhaupt nicht interessant". "Das ist sehr, sehr langweilig." Nach dem Besuch der Ausstellung bezeichnete er die Exponate in einem schriftlichen Kommentar als "cold, mechanical, conceptional bullshit" (etwa: "kalter, mechanischer, konzeptioneller Bockmist"). Seine handschriftliche Notiz heftete er an eine Pinnwand in der Gallerie.

Das große Nichts? Weit gefehlt: Ein Besucher der Tate Britain versucht, eine winzige handschriftliche Erklärung auf einer weißen Leinwand zu entziffern - ein Kunstwerk der Turner-Nominierten Fiona Banner... Visionen hinter Plexiglas: Kunstwerk "Coats of Asbestos spangled with Mica" von Liam Gillick Noch einmal Fiona Banner: Ihr Kunstwerk "Arsewoman in Wonderland", der auf eine weiße Leinwand transkribierte Inhalt eines Pornofilms, sorgte für den traditionellen Skandal im Umfeld des Turner-Preises
Moleküle im Wirbelsturm: Eine Besucherin der Tate Britain vor Keith Tysons Kunstwerk "Two discreet molecules of simultaneity" Noch einmal Liam Gillicks Plexiglas-Installation: "Coats of Asbestos spangled mit Mica" erinnerte den britischen Kulturminister an die Kantinendecken der sechziger Jahre Toiletten und Krankenhausflure: Eine Ausstellungs-Besucherin betrachtet die Installation "Descent 2002" der Fotokünstlerin Catherine Yass

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Auch das Großgemälde "Arsewoman in Wonderland" der Künstlerin Fiona Banner stieß auf Howells Ablehnung. Sie hatte die Beschreibung eines Porno-Films in grellem Rosa auf eine Leinwand gebannt. "Wenn das das Beste ist, was britische Künstler hervorbringen können, dann ist die britische Kunst verloren", schrieb Howells. Den Künstlern selbst mache er keinen Vorwurf, sagte er in der BBC. Sie seien ein Produkt ihrer Ausbildungsstätten und des Kunst-Establishments "Was wir brauchen, sind eine paar echte Rebellen", sagte der Minister.

Die Ausstellung der Kandidaten für den Turner-Preis zählt mit jährlich bis zu 70.000 Besuchern zu den Publikumsmagneten der Tate Britain. Im vergangenen Jahr ging der wohl begehrteste Preis für Moderne Kunst an ein Werk von Martin Creed: ein leeres Zimmer, in dem das Licht an und aus ging.

Die in diesem Jahr nominierten Arbeiten werden vom 30. Oktober bis zum 5. Januar ausgestellt. Die fünfköpfige Jury vergibt den Preis am 8. Dezember. Die vier jungen Künstler, die bereits im Frühjahr nominiert wurden, sind alle Konzeptkünstler.

Fiona Banner, 36, aus Liverpool ist bekannt für ihre schriftliche Ausarbeitung legendärer Kinofilme. Ihre Arbeit ist vor allem von der Betonung des Grafischen, von Typografie und Interpunktion, geprägt. Liam Gillick, 38, aus Aylesbury in Buckinghamshire ist vor allem für seine labyrinthischen Installationen bekannt, die Gebäude, Städte und Straßen kommentieren.

Ebenfalls nominiert ist die Fotografin Catherine Yass. Zu ihren bekanntesten Werken gehören Bilder von Toiletten und Krankenhausfluren. Das Pissoir-Bild der 39-jährigen Londonerin hat die Jury als "fesselnde Darstellung" beschrieben, die dazu anrege, die "Orte, die wir kennen", neu zu überdenken. Mitbewerber Keith Tyson beeindruckte die Kunstexperten dadurch, dass er einen Computer mit Daten fütterte, die dieser willkürlich zu neuen Begriffen zusammensetzt. Das Gerät befahl ihm daraufhin, 366 Brotschneidemesser zu bemalen und ein Fast-Food-Menü in Blei zu gießen. In seiner Arbeit verbindet der 32-jährige scheinbar zusammenhangslose Informationen zu einem Gesamtkunstwerk.



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