Turner-Preis in der Kritik Mehr als hübsche Bildchen?

Nach der Verbalattacke des britischen Kulturministers Kim Howells gegen die für den Turner-Preis nominierten Kunstwerke, haben namhafte Kritiker und Künstler den Politiker als "Sonntagsmaler" verhöhnt.


Turner-Preis-Gewinner Kapoor vor seiner Skulptur "Marsyas": Sonntagsmaler sollten zu Hause bleiben
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Turner-Preis-Gewinner Kapoor vor seiner Skulptur "Marsyas": Sonntagsmaler sollten zu Hause bleiben

London - Anish Kapoor, der den Turner-Preis, die bedeutendste britische Auszeichnung für moderne Kunst 1991 erhielt, verwies am Freitag in der "Times" auf die Landschaftsbilder, die der Labour-Politiker in den Weihnachts- und Sommerferien zu malen pflegt. Sie seien "absolut gewöhnlich", meinte er. Sonntagsmaler wie er sollten "zu Hause bleiben". Der führende Kunstkritiker Dinos Chapman sagte: "Leute in solchen Positionen sollten sich in der Öffentlichkeit stärker zurückhalten."

Howells, der selbst an einer Kunsthochschule studierte, hatte die Werke, die in diesem Jahr für den Preis nominiert worden sind, als "konzeptionellen Bullshit" bezeichnet. Bei den Arbeiten handelt es sich unter anderem um die Fotografie eines Pissoirs, einen nacherzählten Pornofilm und ein Glas Wasser auf dem Boden.

Das große Nichts? Weit gefehlt: Ein Besucher der Tate Britain versucht, eine winzige handschriftliche Erklärung auf einer weißen Leinwand zu entziffern - ein Kunstwerk der Turner-Nominierten Fiona Banner... Visionen hinter Plexiglas: Kunstwerk "Coats of Asbestos spangled with Mica" von Liam Gillick Noch einmal Fiona Banner: Ihr Kunstwerk "Arsewoman in Wonderland", der auf eine weiße Leinwand transkribierte Inhalt eines Pornofilms, sorgte für den traditionellen Skandal im Umfeld des Turner-Preises
Moleküle im Wirbelsturm: Eine Besucherin der Tate Britain vor Keith Tysons Kunstwerk "Two discreet molecules of simultaneity" Noch einmal Liam Gillicks Plexiglas-Installation: "Coats of Asbestos spangled mit Mica" erinnerte den britischen Kulturminister an die Kantinendecken der sechziger Jahre Toiletten und Krankenhausflure: Eine Ausstellungs-Besucherin betrachtet die Installation "Descent 2002" der Fotokünstlerin Catherine Yass

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Der Minister gab am Freitag unumwunden zu, dass er nur ein "Sonntagsmaler" sei. Darum gehe es aber nicht. "Das Schlimmste an der Turner-Präsentation ist, dass sie langweilig ist", meinte er. Die ständigen Tabubrüche um ihrer selbst willen langweilten das Publikum.

Viele Zeitungen, von der "Times" bis zur "Sun", pflichteten dem Minister bei und priesen seinen Mut. Die Kunstkritikerin Rachel Campbell-Johnson dagegen schrieb: "Howells hat nicht begriffen, worum es beim Turner-Preis geht - nämlich nicht um hübsche Bildchen. Seit dieser Preis vor einem Jahrzehnt begründet wurde, hat er versucht, sich mit der Art von Kunst zu beschäftigen, die Fragen stellt, aus dem Rahmen fällt und Grenzen überschreitet."

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