Turner-Preis verliehen "...dann ist die britische Kunst verloren"

"Konzeptioneller Bullshit" hin oder her: Der Maler Keith Tyson ist mit dem renommierten britischen Turner-Preis ausgezeichnet worden - und die Medien beschwören dazu mal wieder den Untergang der Kunst.


Preisträger Tyson, Kunstwerk: "Sehr erleichtert"
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Preisträger Tyson, Kunstwerk: "Sehr erleichtert"

London - Die Verleihung des Turner-Preises hat auch in diesem Jahr in Großbritannien lebhafte Diskussionen über die Frage "Was ist Kunst?" ausgelöst. Die mit 20.000 Pfund (rund 32.000 Euro) dotierte Auszeichnung für britische Gegenwartskunst wurde am Sonntagabend an den Künstler Keith Tyson verliehen. Der 33-Jährige erhielt den Preis unter anderem für zwei Gemälde und eine überdimensionale schwarze summende Säule, in der sich Computer befinden. "Kalter, mechanischer, konzeptioneller Bullshit", hatte Großbritanniens Kunstminister Kim Howells im Vorwege über die Werke Tysons und seiner Mitbewerber geurteilt.

Tyson selbst sprach nach der Verleihung in der Kunsthalle Tate Modern in London von einer großen Ehre. "Ich bin aber auch sehr erleichtert. Nicht weil ich gewonnen habe, sondern weil der Druck einem sehr zusetzt. Ich glaube, ich wäre genauso erleichtert gewesen, wenn ich ihn (den Preis) nicht bekommen hätte." Der Künstler dankte in einer kurzen Ansprach vor allem seiner 87-jährigen Großmutter. "Sie hat ein unsterbliches Vertrauen in mich, wenngleich sie keine Ahnung hat, womit ich mein Geld verdiene." Die Auszeichnung war von dem Architekten Daniel Libeskind überreicht worden.

Die britischen Medien räumten der Preisverleihung am Montag viel Platz ein, reagierten aber oft mit Unverständnis auf die Jury-Entscheidung. "Das Allerbeste der Britischen Kunst: Eine große, schwarze Kiste, die summt", titelte die "Daily Mail" ironisch über Tysons preisgekröntes Werk "The Thinker" ("Der Denker").

Als "Demütigung für das künstlerische Establishment" wertete "The Guardian" die Verleihung und schloss sich weitgehend der Sichtweise des britischen Kunstministers an: "Wenn dies das Beste ist, was britische Künstler hervorbringen, dann ist die britische Kunst verloren."

Libeskind sagte bei der Verleihung, Kunst ohne Kontroverse könne es nicht geben. "Die Kunst ist wie ein Wecker, der uns aufrüttelt. Ohne Kunst gibt es keine Zukunft." Laut Jury-Vorsitzendem und Tate-Direktor Nicholas Serota bietet der Turner-Preis die Chance, einige der besten Kunstwerke Großbritanniens zu sehen. Er hatte die Künstler aber auch gewarnt, dass von allen Seiten Druck auf sie zukommen werde.

Die Werke des diesjährigen Preisträgers sind stark von Elementen aus Wissenschaft, Philosophie und Science Fiction geprägt. Die Jury wertete sein Schaffen als "poetisch, logisch, humorvoll und phantastisch". Tyson ist vor allem dafür bekannt, dass er einen Computer mit Daten füttert, die dieser willkürlich zu neuen Begriffen zusammensetzt. Tyson ist seit Jahren der erste Maler, der den Turner-Preis erhält. In den vergangenen Jahren hatten ausschließlich Konzeptkünstler im Vordergrund gestanden.



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