Tusch für den Tatort "Mord nach der Tagesschau"

Der "Tatort" feiert schon wieder Jubiläum: Er wird 30 Jahre alt. Wirklich aufregend ist die ARD-Reihe nur noch selten - aber dafür das vermutlich weltweit größte Projekt der Populärkultur.
Von Christian Bartels

Natürlich ist Fußball wichtiger. Eigentlich wollte die ARD ihre große Tatort-Jubiläums-Dokumentation "Mord nach der Tagesschau" am letzten Donnerstag zeigen, aber dann ergatterte sie die Rechte an gleich drei schlechten Fußballspielen auf einmal und verschob dafür die Sendung (auf Mittwoch, den 29.11., 23.00 Uhr). An sich aber spielt der "Tatort" in der gleichen Liga wie der Fußball: Er geht immer, seit 30 Jahren und in den nächsten Jahrzehnten auch noch.

Ein Beispiel. Deutsches Fernsehen 1981: Ein Mann steht in einer schummrigen Küche und schaut aus dem Fenster auf eine triste Stadt. Ganz langsam trinkt er drei rohe Eier, dazu wird "Leader of the Pack" von den Shangri-Las, schon damals ein Oldie, bis zum Schluss abgespielt. Dann geht der Mann auf die Straße, allmählich werden die ersten Worte gesprochen. Der Anfang des "Tatort: Duisburg-Ruhrort", in dem Schimanski sein Debüt gab, einer von 62 Kommissaren der Reihe.

Weltbild und Filmsprache haben sich gewandelt: Verkaterte Kommissare galten damals als provokant; so ereignisarm und langsam wie diesen würde gerade die ARD keinen Primetime-Film mehr starten lassen. Die Figur aber und die Reihe sind geblieben, und das steht exemplarisch für das Verblüffende des Phänomens Tatort : Es ist zeitgebunden in dem Sinne, dass die Filme oft realistisch ihre Epoche wiederspiegeln, und zeitlos zugleich.

Die zahllosen Fernsehspiele, die sie in den 70-er und 80-er Jahren produzierten, wagen die öffentlich-rechtlichen Sender überwiegend gar nicht mehr zu zeigen. Die größten Klassiker laufen auf 3sat in der Spätschiene. Nur wenn auf der Filmhülle "Tatort" steht, werden alte Fernsehfilme regelmäßig wiederholt.

Mit dem "Tatort" hat der Erfinder Gunther Witte, Ex-WDR-Fernsehspielchef, bis hin zum immer gleichen Vorspann eine "Marke" und ein "Format" geschaffen, als solcher Werber-Jargon im Fernsehen noch völlig unbekannt war.

Am 29.11.1970 startete die Reihe mit "Taxi nach Leipzig" und verfolgte fortan das Prinzip, mit wechselnden Kommissaren Krimi-Handlungen in allen Bundesländern anzusiedeln und also aus der Not der föderalen, bürokratischen Struktur der ARD eine Tugend zu machen. Hintergrund war die neue Konkurrenzsituation: Das ZDF hatte 1969 Herbert Reineckers "Der Kommissar" ins Leben gerufen, die erste echte deutsche Krimiserie im 60-Minuten-Format.

Zuvor hatten deutsche TV-Krimis gern britisch gewirkt, Horst Tappert hatte in "Die Gentlemen bitten zur Kasse" den englischen Posträuber gegeben, Dieter Borsche Durbridges Halstuch-Mörder. Der "Tatort" war es, der Autoren und Produzenten anregte, das immer gleiche Krimi-Schema mit immer anderen Charakteren an immer anderen Schauplätzen in Spielfilmlänge zu variieren. Dass hier zu Lande heute rund 300 Fernsehfilme im Jahr hergestellt werden, ist auch ein Verdienst der Reihe.

Aus demselben Grund ist es kein Wunder, wenn der einzelne "Tatort" nicht mehr ist, was er mal war. Wenn die Filme längst nicht mehr filmisch so überzeugen können wie etwa Wolfgang Petersens Frühwerke.

Wenn die Geschichten bis zum Überdruss private Geschichtchen der Kommissare mit zu lösenden Fällen vermischen wollen, und nurmehr selten durch brisante Themen wie Kinderprostitution oder Wehrmachtsausstellung zum Tagesgepräch werden. Wenn die Kommissare längst nicht mehr polarisieren wie Schimmi, ohne den "Scheiße" wohl nie in dieser Breite in die deutsche Alltagssprache gelangt wäre, oder wenigstens so liebenswert neben ihren beliebigen Fällen her "jammen" (wie die "taz" mal schrieb) wie Krug und Brauer zu ihren besten Zeiten. Sondern zumeist begrenzt dynamische Gespanne sind wie die NDR -Kommissare heute oder die Herren vom WDR und MDR, die am Sonntag gemeinsam im Jubiläums-Tatort "Quartett in Leipzig" ermitteln.

Natürlich ist die schiere Masse der Tatorte - am Sonntag läuft Folge 458, das Jubiläum der 400. Folge wurde 1998 begangen, das zur 500 folgt spätestens im Frühjahr 2002 - eine Last für jeden neuen Film.

Aber auch eine Versicherung. Der "Tatort" ist das vermutlich größte, am längsten laufende und über die deutsche Zeitgeschichte aussagekräftigste Projekt der Populärkultur überhaupt, wie es sich wohl nur in einer so komischen Sendeanstalt wie der ARD entwickeln konnte. Deswegen sollten die einzelnen Filme ruhig wieder ein ganzes Stück jünger und gewagter werden (dann könnte man statt "Populär-" auch "Popkultur" sagen), und deswegen sollte die Reihe noch viele Jahrzehnte älter werden dürfen.

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