TV-Andachten Jedem sein eigenes Wort!

Das ZDF führt ein "Wort zum Freitag" für deutsche Muslime ein. Schon fordert der Zentralrat der Juden ein "Wort zum Sabbat" oder alternativ ein "Wort zum Wochenende" für alle Gläubigen. Das wäre zu billig, meint Henryk M. Broder und fordert ein eigenes Wort für jede Religionsgemeinschaft.


Seit 50 Jahren sendet die ARD das "Wort zum Sonntag", und das Beste, was man über diesen Beitrag zum besinnlichen Wochenende sagen kann, ist: Er fällt nicht auf. Im Gegensatz zu "Wetten, dass...?", "Big Brother" oder so manchem "Tatort" hat sich das "Wort zum Sonntag" schon in Schall und Rauch aufgelöst, bevor es zu Ende gesprochen wurde. Man weiß nur, dass viele Zuschauer die kurze Predigt nutzen, um zur Toilette zu gehen, damit sie den folgenden Spielfilm ohne Unterbrechung genießen können.

Betende Muslime vor dem Taj Mahal in Agra, Indien: Wozu in die Moschee gehen, wenn der Imam zu mir kommt?
REUTERS

Betende Muslime vor dem Taj Mahal in Agra, Indien: Wozu in die Moschee gehen, wenn der Imam zu mir kommt?

Das "Wort zum Sonntag" gehört zu den Programmpunkten, die gucktechnisch ph-neutral sind. Man nimmt sie hin, und wenn es sie nicht gäbe, würde man sie nicht vermissen. Ich persönlich schaue mir das "Wort zum Sonntag" gerne an, vor allem nach schweren Katastrophen, wenn die Diener Gottes nicht nur zur Hilfe für die Überlebenden aufrufen, sondern auch jedes Erdbeben, jede Flut und jeden Flugzeugabsturz zum Beweis für die Existenz Gottes erheben und ohne zu kichern oder zu zwinkern behaupten, dass Gott es mit den Menschen gut meine.

Jetzt will das ZDF zunächst auf seiner Website ein "Wort zum Freitag" für die in Deutschland lebenden Muslime einführen. Eine Idee, gegen die man im Grunde nichts einwenden kann, wenn man davon ausgeht, dass religiöse Minderheiten das gleiche Recht auf Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit haben wie die christliche Mehrheit. Im Rahmen von Angebot und Nachfrage ist es auch sinnvoll, dass die Religionsgemeinschaften Hausbesuche organisieren, statt darauf zu warten, dass die Gläubigen in die Gotteshäuser kommen. Ein Wort zum Freitag für die Muslime könnte den Prozess der Säkularisierung im muslimischen Milieu vorantreiben. Mancher Muslim wird sich sagen: Wozu soll ich in die Moschee gehen, wenn der Imam zu mir kommt?

Und was ist mit den Scientologen? Drusen? Pagans?

Nun hat der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, ein "Wort zum Sabbat" für die Juden gefordert. Da der Sabbat mit dem Sonnenuntergang am Freitagabend anfängt, müsste das "Wort zum Sabbat" am Freitagabend gesendet werden, was den kleinen Nachteil hätte, dass es von praktizierenden Juden nicht gesehen werden könnte, weil diese an Feiertagen kein Feuer anmachen dürfen, was in der Praxis bedeutet, dass ihnen auch die Benutzung von elektrischen oder elektronischen Geräten verboten ist.

Vermutlich deswegen hat Korn als Alternative ein "Wort zum Wochenende" angeregt, das sich an alle Gläubigen und Ungläubigen richten soll: Christen, Muslime, Juden, Buddhisten, Hindus, Agnostiker und sogar Atheisten. So werde niemand bevorzugt und niemand benachteiligt.

Der Vorschlag zeigt, wo man ankommt, wenn man die Regel "gleiches Recht für alle" wörtlich nimmt. In den USA wünschen sich fortschrittliche Menschen nicht mehr "Merry Christmas" oder "Happy Chanukka", sondern verschicken im Dezember neutrale "Season's Greetings", was ein wenig an die "Jahresendzeitflügelfigur" erinnert, die in der DDR als Engel-Ersatz eingeführt wurde. Dennoch sollte der Vorschlag von Salomon Korn nicht verworfen, sondern modifiziert werden. Die Woche hat sieben Tage, das ist viel, aber bei weitem nicht genug, um jeder Religionsgemeinschaft einen Tag zuzuordnen.

So wie sich heute schon beim "Wort zum Sonntag" die Katholiken und die Protestanten abwechseln, müssen auch alle anderen Konfessionen und Unterkonfessionen berücksichtigt werden. Bei den Israeliten sind es die orthodoxen, die konservativen, die Reform-Juden und die "Rekonstruktionisten"; bei den Muslimen die Sunniten, die Schiiten, die Wahabiten, die Alewiten; auch die Drusen und die Bahai dürfen nicht übersehen werden. Im Buddhismus und Hinduismus gibt es verschiedene Strömungen, im Konfuzianismus ebenso. Die Zarathustraner sind nur wenige, aber sie haben eine lange Geschichte. Schließlich wird man auch Gruppen wie die Scientologen und die "Pagans" berücksichtigen müssen, die in den USA als Glaubensgemeinschaften gelten.

In dieser Situation gibt es nur eine gerechte Lösung. Ein Religionskanal, der täglich und rund um die Uhr sendet und in dem alle zu Wort kommen, die an Gott glauben oder daran glauben, dass es keinen Gott gibt. Freie Frequenzen gibt es genug. Die ARD könnte ihr "Wort zum Sonntag" outsourcen, das ZDF sein "Wort zum Freitag", die Juden würden ihr "Wort zum Sabbat" schon Freitagmittag empfangen und alle anderen Konfessionen kämen ebenfalls ausgiebig zu Wort. Es müsste nur ein Name für den neuen Sender gefunden werden. Wie wäre es mit: "Give God a Chance"?



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