TV-Dokumentation Der Soundtrack des Krieges

Heavy Metal, das aus der Anlage eines Panzers dröhnt. Von Explosionen unterbrochener Gospelgesang. Gebete, unterlegt von Countrymusik: Das ist der Sound des Irak-Kriegs, wie ihn junge US-Soldaten hören und spielen. Der Dokumentarfilmer George Gittoes hat den Klang des Krieges eingefangen - und das Porträt einer von Gewalt gezeichneten Generation geschaffen.


US-Soldaten in einem Musikgeschäft in Bagdad: "Sie könnten ohne Musik nicht bestehen"
AFP

US-Soldaten in einem Musikgeschäft in Bagdad: "Sie könnten ohne Musik nicht bestehen"

Die einstündige Dokumentation "VH1 News Presents: Soundtrack to War" hat den Klang des Krieges eingefangen und damit einen ebenso intimen wie ernüchternden Blick auf die Funktion von Musik in Zeiten des Krieges gewagt. 15 Monate lang, von April 2003 bis Juli 2004, begleitete der australische Filmemacher George Gittoes die Soldaten der 1st Armored Division der US Army - einer der längsten Einsätze einer Truppe seit Vietnam.

"Sie könnten ohne ihre Musik nicht bestehen. Ohne Musik kämen sie da nicht durch", erklärte Gittoes dem amerikanischen Nachrichtensender CNN. Tatsächlich liefert Popmusik den Soundtrack zum täglichen Einsatz im Kriegsgebiet Bagdad. So berichtet ein Soldat, wie der Song "Let the Bodies Hit the Floor" der Punkband Drowning Pool das Motto lieferte für die Einsätze seiner Panzerbesatzung. Ein anderer erzählt, wie die Stücke von Rapper Tupac Shakur über Kopfhörer eingespielt wurden, während sein Panzer von Kuweit aus Kurs auf die Kriegschauplätze in Bagdad nahm.

Im zweiten Kriegsjahr begannen die Soldaten dann selbst, Musik zu machen - eine Möglichkeit, das Erlebte wenigstens ansatzweise zu verarbeiten und anderen zu vermitteln. So sieht man den Gefreiten Yona Hagos beim Rappen. Er sei so stark wie eine "biologische Waffe" und würde das Gewehrfeuer seiner Gegner überleben, reimt der Jungsoldat. "Der Song handelt vom Überleben", erklärte Hagos der Nachrichtenagentur Associated Press. "Ich versuche, über das alles hinwegzukommen. Nichts, was man in ein paar Tagen oder Monaten verdauen könnte." Im Abspann erfährt man schließlich, dass Hagos von einer Granate getroffen wurde.

 Rapper Tupac Shakur: Sound für Panzerfahrten
AP

Rapper Tupac Shakur: Sound für Panzerfahrten

Auch Soldat Janel Daniels spricht von der vitalen Funktion von Musik: "Du bist umgeben von Zerstörung", erklärt der Techniker. "Es ist so schwer, mit all dem was hier passiert." Sein Kamerad Joshua Revak sekundiert: "Es wird jeden Tag schlimmer. Die einzige Möglichkeit, damit fertig zu werden, ist Musik darüber zu schreiben."

Anders als Michael Moores Dokumentation "Fahrenheit 9/11", in der Auszüge aus Gittoes Film zu sehen sind, kommt "Soundtrack of War" ohne Polemik aus. Gittoe bereiste den Irak insgesamt viermal und war vor Ort, als die amerikanischen Truppen Bagdad besetzten. Sein Porträt der amerikanischen Soldaten, das heute im amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt wird, ist von Empathie und Melancholie geprägt.



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