TV-Eklat in Holland Öffentlich-Rechtliche Schamesnöte

Ein niederländischer Fernsehsender will den Porno-Klassiker "Deep Throat" zeigen. Christliche Regierungsmitglieder laufen nun Sturm dagegen - werden sich aber wohl dem Willen des Senders beugen müssen.


Den Haag - Da mussten die Politiker der Christlichen Union, ein Junior-Partner in der aktuellen niederländischen Regierungskoalition, aber tief schlucken. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender VPRO und BNN wollen Medienberichten zufolge den Pornofilm-Klassiker "Deep Throat" zeigen. Am 23. Februar soll der explizite Sexschinken (1972) über den Kanal "Nederland 3" flimmern - nach Mitternacht und eingebettet in einen Themenabend über Porno.

Hauptdarstellerin Boreman: Bald im holländischen Fernsehen?
Constantin Film

Hauptdarstellerin Boreman: Bald im holländischen Fernsehen?

Der Film sei ein Symbol der sexuellen Ausbeutung und perverser Raffgier, wetterte der Vorsitzende der Christlichen Union, Arie Slob. Und auch sein Parteifreund André Rouvoet, der derzeitige Jugend- und Familienminister, will gegen die Ausstrahlung vorgehen.

Die Politiker haben nicht nur Einwände, weil "Deep Throat" Sexszenen ohne Schwarzbalken zeigt. Sondern auch, weil die Hauptdarstellerin Linda Boreman später in ihrem Buch "Die Wahrheit über Deep Throat" erzählte, sie sei zum Geschlechtsakt vor der Kamera gezwungen worden - sogar mit vorgehaltener Waffe. Dennoch galt der Film auch als Ausdruck der sexuellen Befreiung in den siebziger Jahren und spielte über 600 Millionen Dollar an den Kinokassen ein. Damit gilt "Deep Throat" bis heute als der erfolgreichste Porno aller Zeiten.

Die öffentlich-rechtlichen Programmmacher von VPRO und BNN wollen den Film trotz aller Proteste aus der Regierungspartei zeigen. Können sie vermutlich auch: Zwar werden sie vom Staat finanziert, sind redaktionell aber unabhängig.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Sender mit Provokation um Quote kämpfen. BNN hatte zuletzt mit einer Spiel-Show auf sich aufmerksam gemacht, in der Nierenkranke um eine Spenderniere gegeneinander angetreten waren. Die Empörung war damals groß - bis sich herausstellte, dass die Sendung ein Fake war. Der Sender beschwichtigte, man hätte nur dem Thema wieder Gehör verschaffen wollen. Das tat man - und auch sich selbst.

Der Mythos "Deep Throat" war 2004 mit der Dokumentation "Inside Deep Throat" in das öffentliche Bewusstsein zurückgekehrt. Der Film wurde unter anderem auf der Berlinale gezeigt.

cc



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