TV-Film Abgesang auf die Arbeiterklasse

Stell dir vor, das Proletariat stirbt, und keiner guckt hin: In dem ARD-Drama "Als der Fremde kam" spielt Götz George einen abgestumpften Gewerkschafter, der es noch einmal wissen will. Regisseur Andreas Kleinert verzichtete auf wütende Agitprop zugunsten eines lakonischen Psychogramms.

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"Wissen sie, was ich am liebsten tun würde?", fragt irgendwann matt der Gewerkschaftsfunktionär. "Mir ein paar in die Fresse hauen", antwortet gelangweilt der Arbeitgebervertreter. Die beiden kennen sich noch nicht lange, aber ihnen ist klar, wie sich der andere am Verhandlungstisch verhält. Ein Zementwerk soll abgewickelt werden, also droht und poltert der Gewerkschafter und also lächelt süffisant der Bonze. Das Spiel ist altbekannt, der Ausgang vorhersehbar. Der Gewerkschafter verliert. Offen ist lediglich, wie hoch.

Dabei hat Dr. Robert Stubenrauch (Götz George), der Vertreter der Zementarbeiter, bei diesem Arbeitskampf endlich mal wieder das Glück des Widerstands empfunden - wie in den seligen Achtzigern, jenem letzten Jahrzehnt, als Konzernchefs angesichts gereckter Arbeiterfäuste noch der Schweiß auf der Stirn stand.

Recht desillusioniert kam Dr. Stubenrauch, der Abgesandte der Gewerkschaftszentrale, aus der großen Stadt in das provinzielle Nirgendwo, wo die bedrohte Zementfabrik steht - wo der Wald gleich hinter den verwitterten Bahngleisen beginnt und sich die Malocher nach der Schicht in ihren schweißfleckigen Unterhemden hemmungslos vollaufen lassen. Wie aus vergangenen Tagen wirkt das Szenario; vielleicht begeistern sich die Arbeiter hier auch deshalb noch für Ideen, mit denen man anderswo niemand mehr hinterm Ofen hervorlockt.

Denn nicht nur einen Arbeitsausstand ruft Dr. Stubenrauch aus, es soll gleich ein Hungerstreik sein. Und nach anfänglichem Zögern machen alle mit. Der alte Wernicke (Christian Redl) genauso wie sein Sohn Ulli (Aljoscha Stadelmann). Und auch seine Frau Anne (Dagmar Manzel) - sie schenkt in der Werkskantine das Essen aus - fängt Feuer. Wenn auch mehr für den Gewerkschaftsfunktionär selbst als für dessen Ideen.

Spätestens wenn sich Dr. Stubenrauch und die Malocherfrau irgendwann zärtlich in den Armen liegen, während die Zementwerksbelegschaft im Hungerwahn vor sich hin darbt, ist klar: Die Sache kann nicht gut ausgehen. Das Proletariat hat sowieso schon längst verloren.

Auf diese Weise wird "Als der Fremde kam" (Buch: Hans-Werner Honert) zum Requiem auf den Klassenkampf. Hätte sich Ken Loach, der englische Chronist der Working Class, des Stoffes angenommen, käme der Film wohl als wütendes Pamphlet gegen das Ende der Solidarität und den Verrat an der Sache daher. Doch Regie führte Andreas Kleinert, der den Systemwandel in Deutschland stets mit traurigem Witz und mörderischer Melancholie in Szene setzt.

Strampeln, um im Heute anzukommen

Wie kein zweiter verdichtet Kleinert Umschichtungen und aus dem Ruder gelaufene soziale Steuerungsprozesse im Nachwende-Deutschland zu komplexen, mitunter tragikomischen, oft elegischen Psychostudien. Seine Helden kämpfen stets um Zutritt in eine Welt, die sie schon längst aussortiert hat. So wie der ehemalige VEB-Direktor in "Wege in die Nacht" von 1999, der nach dem Mauerfall sein freigesetztes Organisations- und Führungstalent in eine Bürgerwehr einbringt und Randalierer aus der Berliner U-Bahn schmeißt - gerne auch während der Fahrt. Vielleicht das wahrhaftigste Werk über die Wiedervereinigung, auf jeden Fall das grimmigste.

Auch in einigen Episoden des Schweriner und des Brandenburger Krimis "Polizeiruf 110" zeigte Kleinert gesellschaftliche Schräglagen und lässt seine Figuren durch die Attrappen des Aufbaus Ost stolpern. Die DDR ist abgewickelt, aber in der Berliner Republik ist man hier noch nicht angekommen. Auch wenn die Menschen in edel designten Restaurants oder schicken Möbelhäusern arbeiten - wie man es im RBB-Polizeiruf "Kleine Frau" gesehen hat, der unlängst mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden ist.

Kleinerts Helden sind oftmals Gestrige, die strampeln, um irgendwie im Heute anzukommen. Irgendwie schlüssig, dass der Regisseur auch zwei Folgen des größten West-Anachronismus’ des deutschen Fernsehkrimis gedreht hat: "Schimanski". Auch so ein Relikt aus den Achtzigern, das mürrisch gegen die Bürokratie der Jetztzeit angeht.

Kumpeln mit den Kumpels

Zum Glück verzichtet "Schimanski"-Darsteller Götz George nun in der Rolle des Gewerkschaftsfunktionärs Stubenrauch auf die Manierismen und Grobheiten, die man aus anderen Filmen mit ihm kennt. So hat man George tatsächlich noch nie gesehen: Als Sozi-Fossil trägt er gebügelte Freizeithemden und einen sauberen Seitenscheitel; er kumpelt mit den Kumpels, beherrscht aber auch das diplomatische Sülzen. Er wirkt wie ein Müntefering mit Muckis - und bleibt undurchsichtig.

Mit sonderbarem Unterdruck agiert der Fremde, als er in die Provinz kommt. Er bleibt erstmal auf Distanz; bei seinen Gastgebern leiht er sich einen Videorekorder aus, um sich auf seinem Zimmer zu einem mitgebrachten Porno sachgemäß einen runterzuholen. Der Mann hat offensichtlich nicht mehr viele Träume.

Doch als der Arbeitskampf zu seiner eigenen Überraschung für kurze Zeit Funken schlägt, lodert auch in ihm das alte Feuer. Wohin nur mit der Energie? Während der alte Wernicke für den Erhalt des Zementwerks hungert, spritzt der wiedererwachte Gewerkschafter dessen Gattin kokett mit dem Gartenschlauch nass. Kleinert erzählt von dieser irgendwie anrührenden und doch ganz und gar unmoralischen Leidenschaft ohne denunziatorischen Unterton. Menschen tun seltsame Dinge in seltsamen Situationen.

So wird das letzte Aufbegehren gegen die Verhältnisse zum letzten Aufbegehren gegen die Einsamkeit. Dass darüber die eingeforderte Solidarität in die Brüche geht, ist die große Tragik von Kleinerts Abgesang aufs Proletariat. Die Arbeiterbewegung, hier verendet sie im postkoitalen Dämmerschlaf.


"Als der Fremde kam": Heute Abend, 20.15 Uhr, ARD


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