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24. April 2007, 15:14 Uhr

TV-Film "Geheimnis der ‚Hindenburg‘"

Viel heiße Luft

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Rund 70 Jahre nach dem Unglück erinnert das ZDF heute Abend an den Absturz des Luftschiffs "Hindenburg". Traurige Pointe der opulenten Produktion: Sie ist selber eine Bruchlandung.

"Wie würde sich die Welt an mich erinnern? An den großen Erfinder Dr. Hugo Eckener? Da war ich mir nicht mehr sicher. Einst baute ich eine Maschine, in der die Menschen wie in den Armen von Engeln reisten. Die Hindenburg war ein Zeichen der Hoffnung." Mit diesem altväterlich-weisen Begleit-Kommentar wendet sich der Zeppelin-Erbauer Dr. Hugo Eckener an den Zuschauer. Gespielt vom Darsteller Malcolm Tierney, führt er als Ich-Erzähler durch die Handlung des 90-minütigen Doku-Dramas "Das Geheimnis der ‚Hindenburg‘". Der Film ist eine Co-Produktion der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte und Zeitgeschehen unter der Leitung von Guido Knopp mit dem britischen Sender Channel 4 und den US-amerikanischen Smithsonian Networks.



Auf der Basis von Augenzeugen- und Untersuchungsberichten der US-Behörden haben die Macher (Buch: Tony Mulholland, Regie: Sean Grundy) die Katastrophe in eine Rahmenhandlung gekleidet; dazu künden Original-"Wochenschau"-Ausschnitte sowie computergenerierte Bilder vom Ablauf des Unglücks, das am 6. Mai 1937 die Geschichte der Luftfahrt veränderte.

Katastrophale Medien

Nach seinem elften Flug über den Atlantik war damals der Zeppelin "Hindenburg", der betuchten Passagieren für 450 US-Dollar eine Passage in zweieinhalb Tagen versprach, bei der Landung auf dem US-Marineflughafen Lakehurst bei New York in Flammen aufgegangen. Von den 97 Menschen an Bord starben 36. Auch wegen der damals noch nicht selbstverständlichen Livebilder von Reportern, die die spektakuläre Ankunft hatten festhalten wollen, brannte sich das Ereignis ins kollektive Gedächtnis ein und beendete die Zukunft der Zeppelin-Idee.

Was war der Grund für das Desaster? Technisches Versagen, ein Blitzeinschlag, der den hochentzündlichen Wasserstoff in den Gaskammern des Luftschiffs in Brand gesetzt hatte, oder womöglich doch ein gegen Nazi-Deutschland gerichteter Sabotageakt? Diese Frage soll das Leitmotiv des Historien-Krimis abgeben.

Spannung suggerierend, informieren eingeblendete Zeittafeln darüber, wie der stets "Doktor" genannte Eckener um ein Uhr morgens im österreichischen Graz den Anruf mit der Nachricht von der Katastrophe bekommt und von "Göring selbst noch in derselben Nacht" den Befehl erhält, nach Lakehurst zu fahren, um vor Ort Ursachenforschung zu betreiben. Sechs Tage dauert seine Schiffsreise von Hamburg nach New York – "wie in den Tagen vor der ‚Hindenburg‘, welche Ironie", klagt der Wissenschaftler.

Gemeinsam mit Commander Charles Rosendahl (Mark McGann), dem leitenden Offizier des Marineflughafens, treibt er die Untersuchung voran; quälend langatmig schildert nach und nach fast jeder der Beteiligten aus Crew und Bodenpersonal seine Sicht der Dinge. Dazu wird immer wieder der Ablauf vom Landeanflug und dem in Flammen aufgehenden Heck gezeigt, mal in Schwarzweiß, mal in Farbe.

Den legendären Radioreporter Herbert Morrison gibt’s sowohl im Originalton ("Oh, the humanity!") als auch frisch synchronisiert: Seine poetischen Worte in Erwartung des "schwebenden Palasts" ("Die Sonne fällt jetzt auf die Fenster des Aussichtsdecks der östlichen Seite, und sie funkeln wie kostbare Juwelen") sollen den Kontrast zwischen freudiger Technikgläubigkeit und dem folgenden Desaster verdeutlichen.

Gescheiterter "Titanic"-Trick

Doch der Versuch, das Geschehen für eine Art "Titanic"-Variante der Lüfte zu verwerten, misslingt – da hilft es auch nicht, dass mehrfach der Hinweis eingestreut wird, die "Hindenburg" habe nur unwesentlich kleinere Abmessungen gehabt als der 1912 gesunkene Luxusdampfer. So interessant Informationen über die Ausstattung der "fliegenden Zigarre" sind (etwa die Existenz eines Raucherraums in dem Gasballon!), so wenig gelingt es dem Film, den Zuschauer emotional für die Figuren einzunehmen. Seltsam blutarm bleibt der konstruierte Konflikt zwischen dem der Sabotage-Theorie zuneigenden US-Commander und dem deutschen Doktor, der für Sachlichkeit und gegen Verschwörungstheorien plädiert.

Der Film folgt schließlich seiner Sichtweise: Eine übersehene kleine Sturmfront, elektrostatische Funkenbildung, ein durch eine scharfe Wende gerissenes Seil, ausgetretenes Gas – mithin eine Verkettung unglücklicher Umstände sowie durch Zeitdruck forcierte Fehlentscheidungen der Crew seien die Ursachen gewesen. Eine Erklärung, die man mit weniger dramatischem Brimborium effektiver hätte vermitteln können. Eine 45-Minuten-Doku mit historischem Material und einer pointierten Einordnung durch heutige Wissenschaftler – das wäre weniger abgehoben und spannender gewesen.


"Das Geheimnis der 'Hindenburg'", heute, 20.15 Uhr, ZDF

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