TV-Film "Peer Gynt" Junges Gemüse

Auf Arte ist heute Abend zu besichtigen, wie intelligente Fernsehunterhaltung aussehen kann: Uwe Janson hat aus Ibsens Drama "Peer Gynt" einen heiteren Theaterfilm mit Jungstar-Besetzung gemacht. Tatsächlich ist das Werk so gut gelungen, dass es gleich auch noch ins Kino kommt.
Von Jenny Hoch

So viel vorweg: Die Zwiebelszene ist drin geblieben. Jener Gassenhauer der Theaterliteratur, in dem der Hochstapler und Lebenskünstler Peer Gynt sich selbst mit dem Gemüse vergleicht, das viele Hüllen hat und keinen Kern, darf auch in Uwe Jansons Fernsehinterpretation von Henrik Ibsens dramatischem Gedicht nicht fehlen.

Ansonsten sind viele Passagen aus der bisweilen verwirrend verästelten Originalvorlage gestrichen. Weder wird Peer ein reicher Kaufmann in Marokko, noch landet er im Irrenhaus in Kairo. In Jansons Interpretation ist Peer Gynt ein windzerzauster Junge, der die ganze Welt und die Möglichkeiten, die das Leben ihm bietet, in seinem Kopf trägt. Sinnierend liegt er in der Sonne, unbekümmert streift er durch reife Felder. Das Erstaunliche an dieser federleichten Adaption ist, dass Ibsens Stück so ganz anders klingt, als man es von den Theaterbühnen her gewohnt ist: Modern statt moralisch, poetisch statt pompös, zart statt zerrüttet.

Nach der Verfilmung von Bertolt Brechts "Baal" und Frank Wedekinds "Lulu" ist "Peer Gynt" das dritte Theaterstück, das Uwe Janson im Auftrag des ZDF Theaterkanals verfilmt hat. Mit Produktionen wie diesen wagt der Sender, sonst eher für die Ausstrahlung abgefilmter Bühneninszenierungen bekannt, die Überschreitung der Genregrenzen. Das Ziel: Mit anspruchsvollen Theaterfilmen ein jüngeres Publikum ansprechen und endlich seinem Nischendasein entkommen.

Die Besetzung der ungewohnten TV-Formate ist jedes Mal hochkarätig und zielgruppengerecht. So spielte der blondzarte Nachwuchsstar Matthias Schweighöfer ("Soloalbum") die brechtische Kraftnatur Baal und die Rolle als Lulu verhalf der Ex-Viva-Moderatorin Jessica Schwarz ("Die wilden Hühner", "Der rote Kakadu") zum endgültigen Durchbruch als ernstzunehmende Charakterdarstellerin.

Vorhang auf für die "elektronische Bühne"

Bisher ist die Rechnung aufgegangen, die naturgemäß eher sperrige Symbiose von Fernsehen und Theater fand ihre Zuschauer und stieß auch in den Medien auf positive Resonanz. "Baal" brachte es immerhin auf rund 110.000 Zuschauer, "Lulu", der die "taz" Psyochthriller-Qualitäten bescheinigte, sogar auf 260.000. Das entspricht einem Marktanteil von 0,9 Prozent – für den Kultursender ein beachtliches Ergebnis. Auch "Peer Gynt" hat gute Chancen. Gleich nach der heutigen Fernsehausstrahlung auf Arte kommt der Film morgen sogar ins Kino - mit 50 Kopien, deutschlandweit. Das war zwar laut einer Sprecherin des Theaterkanals ursprünglich nicht geplant, sorgt aber für eine zusätzliche Adelung des Projektes "elektronische Bühne".

Der Gynt-Film macht Eindruck, und das ist vor allem ein Verdienst des Hauptdarstellers Robert Stadlober ("Crazy", "Sonnenallee"). Er ist kein negativer Held wie in der Vorlage, sondern ein schwärmerischer Träumer, ein lebenshungriger Jugendlicher auf der Suche nach sich selbst. Er weigert sich, die triste Realität anzuerkennen und träumt sich lieber in eine Phantasiewelt. Dass er als Lügner und Versager gilt, kümmert ihn wenig. Nur der unheimliche Knopfgießer, den Ulrich Mühe mit mephistophelischer Eleganz verkörpert, jagt ihm mit seinen Plänen, Peer Gynts mittelmäßiges Leben einzuschmelzen um ein Neues draus zu gießen, bisweilen Angst ein.

Frauenheld auf norddeutschen Wiesen

Zumindest bei den Frauen kommt er unverschämt gut an. Da ist vor allem seine Mutter (Susanne-Marie Wrage), die ihren aufmüpfigen Spross mit rührender Affenliebe umsorgt, auch wenn es dann und wann wenig Ibsen-like aus ihr herausbricht: "Du Arschgesicht!" Ansonsten lässt sich Peer Gynt keine Gelegenheit für ein Schäferstündchen entgehen. Er entführt die Braut (Henny Reents) eines anderen, um ihr noch auf dem Lotterbett frech ins Gesicht zu sagen: "Hol die Pest euch Weiber alle – außer einer." Gemeint ist seine große Liebe Solvejg, der Karoline Herfurth eine betörend zarte Persönlichkeit verleiht.

Weil Peer Gynt sich selbst und seinem Denken keine Grenzen auferlegen will, hat der Regisseur das Geschehen ganz in die Natur verlegt. Statt vor exotischen Kulissen spielt dieser Film auf norddeutschen Wiesen und Feldern und an flirrenden Wasserläufen. Gestrandete Schiffe dienen Jansons merkwürdig unbehausten Figuren als Wohnstätten. Die Begegnung mit Kot fressenden Trollen – im Stück bilden sie mit ihrer "Sei dir selbst genug"-Philosophie das Gegenstück zu Peer Gynts Leitsatz "Ich bin ich selbst" – findet in einem rostigen Schiffsbauch statt. Dort hat die Volksbühnen-Ikone Kathi Angerer einen herrlich schrägen Auftritt: mit keckerndem Lachen dient sie sich Peer Gynt als Braut an.

Janson hat "Peer Gynt" auf der Ostsee-Insel Usedom gedreht und liegt nicht nur mit der Wahl der sonnendurchfluteten Landschaft für die filmische Auferstehung dieses "nordischen Faustes" goldrichtig. Er traut sich sogar, seine ungewöhnliche Gynt-Interpretation mit Edvard Griegs romantischen Suiten zu unterlegen – so etwas gilt im modernen Regietheater gemeinhin als anrüchig. Die Musik als ironisch gebrochenes Zitat zu verwenden, wäre gerade noch hinnehmbar gewesen. Aber so ernsthaft und selbstverständlich in gefühligen Melodien zu schwelgen ohne peinlich zu sein, wie Janson es seinen Zuschauern es in diesem Film erlaubt, das ist beinahe eine Provokation.


"Peer Gynt", Arte, Mittwoch, 13. Dezember, 22.40 Uhr.

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