TV-Krimi im ZDF Der Tod steht ihr gut

Barbara Rudniks Einsatz als Polizeipsychologin Hannah Schwarz bescherte dem ZDF einen der erfolgreichsten TV-Filme des vergangenen Jahres. Nun darf die 46-jährige Charakterdarstellerin in Serie ermitteln. "Solo für Schwarz" bewältigt die deutsch-deutsche Geschichte vor düsterer Krimi-Handlung.

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Neues Krimi-Team im Zweiten: Hannah Schwarz (Barbara Rudnik) und ihr Assistent Fuchs (Harald Schrott)
ZDF/Stefan Persch

Neues Krimi-Team im Zweiten: Hannah Schwarz (Barbara Rudnik) und ihr Assistent Fuchs (Harald Schrott)

Der Morgen graut. Hannah Schwarz (Barbara Rudnik) zieht schwimmend ihre Runden durch einen kalten See bei Schwerin. Mitten auf dem Gewässer treibt menschenlos ein Boot. Später wird eine Leiche aus der Tiefe des Sees hochgespült - und mit ihr die eine oder andere versenkte und verdrängte Schuld aus der Vorwendezeit. Polizeipsychologin Schwarz kennt sich aus mit verdrängter Schuld, professionell und auch aufgrund ihres eigenen Lebens.

Der ZDF-Zuschauer kennt Hannah Schwarz schon: In dem Trauma-Thriller "Tod im Park", der erstmalig Ende 2003 lief, sah man sie nach 30 Jahren in ihre Heimatstadt Schwerin zurückkehren. Sie wollte eigentlich ihren Vater beerdigen, wurde dann jedoch nicht nur mit ihrer unaufgearbeiteten Jugend konfrontiert, sondern auch mit einer Serie von Frauenmorden. Ihr unter die Erde zu bringender Erzeuger - ausgerechnet - schien in Verbindung mit diesen Taten zu stehen. Für "Tod im Park" wurden familiäre schuldhafte Verstrickungen und die DDR-Geschichte höchst gewagt miteinander verquickt. Bei der Premiere schalteten 6,22 Millionen Zuschauer ein. Es war der erfolgreichste ZDF-Fernsehfilm des Jahres.

Die Quote in Ostdeutschland war fast ebenso hoch wie die Westdeutschland; das ist beim Zweiten nicht immer so. Grund genug, um die Polizeipsychologin herum eine Serie zu entwickeln. Mindestens einmal im Jahr soll ein neuer Film mit ihr gezeigt werden.

Szene aus "Tod im See" (mit Burkhart Klaußner und Barbara Rudnik): Deutsch-deutscher Bewältigungskrimi
ZDF/Stefan Persch

Szene aus "Tod im See" (mit Burkhart Klaußner und Barbara Rudnik): Deutsch-deutscher Bewältigungskrimi

"Tod im See" (heute um 20.15 Uhr im ZDF) ist nun die zweite Episode der Reihe, der man den Titel "Solo für Schwarz" gegeben hat. Ein weiterer Bewältigungskrimi, in der die persönliche Geschichte der Ermittlerin mit der des abgewickelten, aber längst nicht aufgearbeiteten DDR-Systems zusammenlaufen. Denn bei der Leiche, die hier nach der kühl-bedrohlichen Eröffnungssequenz im Schilf der Mecklenburger Seenplatte treibt, handelt es sich um die Tochter von Schwarz' neuem Lebensgefährten Karl Hörster (Burghart Klaußner). Der arbeitete zu DDR-Zeiten als Psychiater und wies in dieser Funktion Dissidenten in die geschlossene Abteilung seiner Anstalt ein.

Tat er das, um die "Politischen" vor dem System zu schützen oder um sie noch besser vom System kontrollieren lassen zu können? Der Mord an seinem Kind scheint jedenfalls aus Rache für seine einstige Tätigkeit verübt worden zu sein.

Dass die Geschichte unter solchen politischen und psychologischen Ungeheuerlichenkeiten nicht zusammenbricht, ist der Geschicklichkeit und Genauigkeit zu verdanken, mit der Autor Sven Poser und der Regisseur und Co-Autor Martin Eigler sie in das Krimi-Rätsel einbauen. Sukzessive entflechten sie die kriminellen oder menschlich zweifelhaften Verstrickungen während der DDR-Zeit und verrücken dabei beständig die Grenze zwischen Gut und Böse, ohne Schuldfragen zu relativieren. Es wird keine Absolution erteilt, es werden aber auch keine Pauschalurteile gefällt.

Szene mit Burkhart Klaußner: Vergangenheitsspuren aus der Tiefe mecklenburgischer Seen
ZDF/Stefan Persch

Szene mit Burkhart Klaußner: Vergangenheitsspuren aus der Tiefe mecklenburgischer Seen

So muss sich die hoch emotionalisierte Polizeipsychologin Schwarz hier einen Weg schlagen durch die unübersichtliche moralische Gemengelage. Erschwerend kommt hinzu, dass die Guten hier nicht immer sympathisch sind und die Bösen nicht immer unsympathisch.

Oft fühlt man sich bei "Solo für Schwarz" an den unlängst wiederbelebten NDR-"Polizeiruf 110" erinnert. Auch hier lagern in der kühlen Idylle der Mecklenburger Seenplatte die Altlasten des abgewickelten Systems, die zuweilen vom Grund der Gewässer aufzusteigen und soziale Arrangements durcheinander zu bringen drohen. So gesehen kann man die voranschreitende Ausweitung der Krimi-Zone im deutschen Fernsehen auf bislang krimi-freie Programmplätze durchaus begrüßen: Das Täterrätsel an sich wird immer stärker zu dem Format, in dem gesellschaftspolitisch relevante Themen verhandelt werden. Stoffkompensation unter Quotendruck muss man das wohl nennen.

Dass das ZDF nun auch den Montagabend, also den letzten Primetime-Sendeplatz, auf dem der Sender anspruchsvolle fiktive Stoffe zeigt, mit Krimis füllt, muss deshalb keineswegs Kulturpessimisten auf den Plan rufen. Denn hier wird das populäre Genre für durchaus unpopulistisches Erzählen genutzt. Der Regisseur Lars Becker etwa liefert in den unregelmäßigen Episoden seiner "Nachtschicht"-Krimis bizarr verdichtete Stimmungsberichte aus dem multiethnisch geprägten Ballungsraum Hamburg. Christian Petzold indes inszenierte für den Montagabend im ZDF gleich im Doppelpack seine Filme "Toter Mann" und "Wolfsburg", mentalitätsgeschichtlich aufgeladene Kopfthriller aus den Wohlstandszonen der alten BRD. Guter harter Stoff also, bei dem man den Verantwortlichen des ZDF unmöglich unterstellen kann, ausschließlich auf Zuschauerzahlen zu schielen.

Schauspielerin Rudnik: Schwarzer Glanz
DPA

Schauspielerin Rudnik: Schwarzer Glanz

Da ist es hinnehmbar, dass das Zweite offensichtlich erst das Quasi-Publikums-Voting brauchte, um eine Fortsetzung zu dem exzellenten ersten Schwarz-Krimi in Auftrag zu geben. Ein Glücksfall für Rudnik. In etlichen Krimis, ob privat oder öffentlich-rechtlich produziert, spielte sie schon Kommissarinnen, Polizeipsychologinnen und vor allem Gerichtsmedizinerinnen. Man kann sich an ihrem Gesicht ja auch nur schwer satt sehen. Es besitzt einen schwarzen Glanz. Das Leben hat Spuren in dieses Gesicht gegraben; man fragt sich ständig, woher diese Spuren konkret rühren könnten.

Zugleich stellte ihre delikat verwitterte Schönheit für Rudnik aber auch ein Problem dar. Denn allzu oft glauben Regisseure scheinbar, sie bräuchten nur die Rudnik besetzen, ohne der zu erzählenden Geschichte die entsprechende psychologische Tiefe zu verleihen.

Enttäuschend verlief etwa ihr Einsatz in zwei Folgen des hessischen "Polizeiruf", wo man nach dem Abgang von Oliver Stokowski ("Der Ermittler") versäumte, die dort ebenfalls als Kripo-Beamtin agierende Dennenesch Zoudé als erste hauptverantwortliche afro-deutsche Kommissarin zu etablieren. Stattdessen spielte Rudnik im Offenbacher "Polizeiruf" die Leading Lady - zwar düster-beseelt wie stets, doch was nützt das, wenn in der Handlung nur die üblichen Krimi-Soap-Klischees durchgespielt werden.

In "Solo für Schwarz" darf die 46-Jährige nun endlich im angemessenen Rahmen agieren. Ohne jedes Pathos spielt sie eine Figur, vor der sich die Tragik des eigenen Lebens und die Brutalität eines Unrechtssystems mit geballter Kraft offenbart. Rudnik zerdrückt dabei fast keine Träne, aber ihr Gesicht spricht Bände. Der Tod, mit Verlaub gesprochen, steht ihr einfach gut.


Solo für Schwarz - Tod im See


D 2004. Regie: Martin Eigler. Buch: Sven Poser. Darsteller: Barbara Rudnik, Burkhart Klaußner, Harald Schrott, Meral Perin. Produktion: ZDF. Länge: 90 Minuten. Termin: 24. Januar 2005, 20.15 Uhr, ZDF



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