TV-Krimi "Unter Verdacht" Liebestöter aus Bayern

Die Frauenbewegung macht auch vor dem Krimi nicht halt. Gut so: Als Kriminalrätin Prohacek ermittelt Senta Berger im Macholand Bayern. Und brilliert als einsame Aufklärerin mit Herzschmerz.

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Männer in Machtpositionen, so denkt man, müssten doch eigentlich sehr einfallsreich sein, um ihre Stellung zu behaupten. Sonderbar nur, dass sie so ideenlos agieren, wenn es um die Verteidigung ihrer Pfründe gegen die weibliche Konkurrenz geht. Immer das gleiche: Man desavouiert die Gegnerin mit einem Verweis auf deren Sexualität.



Gerade erst wurde der Büroleiter von Edmund Stoiber geschasst, weil er Informationen über das Intimleben der aufsässigen Landrätin Gabriele Pauli gesammelt haben soll. Und so, wie sich der Politskandal zurzeit darstellt, hätte er vortrefflich in die Münchner Krimi-Reihe "Unter Verdacht" gepasst. Senta Berger ermittelt hier als Kriminalrätin Prohacek in den Niederungen der bayerischen Landespolitik. Nirgendwo sonst im deutschen Fernsehen wird derart konsequent und kontinuierlich der Parteien- und Beamtenapparat samt seiner männerbündischen Verbindlichkeiten ausgeleuchtet.

Kriminell sexuell

Wie brisant und aktuell die ZDF-Reihe ist, beweist in der neuen Episode schon der Umstand, dass den Gegenspielern der Heldin auch nichts Besseres einfällt, als die ungemütliche interne Ermittlerin über ihr Liebesleben in Misskredit zu bringen.

Denn in "Ein neues Leben" gerät Prohacek mal wieder in ein Komplott von Wirtschaft und Politik; ihre Gegner versuchen sie auszuschalten, indem sie ihr den Mord an einem jungen Mann anhängen. Alles wurde von den Tätern so arrangiert, als hätte die Ermittlerin mit dem Mordopfer eine Liebesbeziehung gehabt. Die ältere einsame Dame hat sich also einen Gigolo gehalten, den sie nun aus Eifersucht umgebracht hat – so spekulieren jedenfalls die Kollegen im Verhör. Und wie genüsslich die Anschuldigung vorgebracht wird! Die Frau Ende 50 und ein Bub, da schlägt die Fantasie der männlichen Ermittler Purzelbäume.

Es ist der Clou dieser so feinsinnigen wie furiosen Folge, dass Prohacek ausgerechnet eine aufkeimende Liebe zum Verhängnis zu werden droht. Allerdings empfand sie die eben nicht für das junge Mordopfer, sondern für einen Mittfünfziger. Erstmals nach langer Zeit öffnete sie sich wieder einem anderen Menschen, und ausgerechnet als sie dann nach einem Abendessen noch mal in die Wohnung ihrer neuen Bekanntschaft zurückkehrt, findet sie dort die Leiche des ihr völlig unbekannten Jünglings. Vom graumelierten Verehrer indes fehlt jede Spur. Jetzt ist sie wieder ganz allein.

Allein auf weiter Spur

Die Einsamkeit ist ja sowieso eine Art Grundkapital von Prohacek. Dabei geht es in "Unter Verdacht" eben nicht um müde Blicke in den leeren Kühlschrank und andere Klischees allein stehender Ermittlerinnen – die Isoliertheit ist vielmehr Teil der kriminalistischen Technik. Nicht umsonst ist Prohacek Kriminalrätin. Ein Posten, der sie heraushebt aus der Hackordnung im Polizeiapparat.

Die interne Ermittlerin steht – vom Assistenfreak Langner (Rudolf Krause) einmal abgesehen – stets allein. Sie ruft auf den langen Gängen des Präsidiums niemandem "Mahlzeit!" zu und geht auch mit keinem essen. Höchstens schummelt sie sich mal bei Empfängen der Wirtschaftslobby ans üppige Buffet, oder sie taucht unverhofft in edlen Restaurants auf, wo hohe Ministerialbeamte im Schutz ihrer Bodyguards mit heimischen Industriekapitänen speisen. Aber die Prohacek kommt nie, um zu essen. Sie will nur delikate Fragen stellen.

Ganz anders ihr Vorgesetzter Dr. Reiter (Gerd Anthoff), der sich's an den Bistrotischen und Buffets der Mächtigen gutgehen lässt. Der kulante Karrierist ist das perfekte Gegenstück zur unterkühlten Einzelkämpferin. Eigentlich sollte er schon vor längerer Zeit aus der Serie herausgeschrieben werden, doch dann entpuppte er sich für die Dynamik als unerlässlich.

Darsteller Anthoff ist für seine Rolle bereits mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden, er verkörpert das bayerische Amigo-System auf geradezu ganzheitliche Weise: Von den Würstln bis zur Steuererklärung – sein Dr. Reiter muss selten für irgendwelche Leistungen zahlen. Trotzdem ist er mehr als das Abziehbild des Korruptionsnutznießers. Man weiß nicht recht, ob man ihn küssen oder ohrfeigen möchte, wenn er mal wieder bei seinen einflussreichen Freunden auftaucht – um dann von ihnen brutal abgewatscht zu werden. Erstaunlich, welche enorme Tragik Mimik-Minimalst Anthoff dem Obrigkeitswauwau Reiter verleiht.

Machos und Machenschaften

In den besten Folgen von "Unter Verdacht" geht es um die Psychologie der Macht. Die Grenze zwischen eiskalter Selbstbedienungsmentalität und dem Glauben, bei den krummen Geschäften irgendwie auch dem Land einen Dienst zu erweisen, wird sehr dünn gezeichnet. Im Gegensatz zu anderen Krimis, wo Korruption und Vorteilnahme nur die üblichen Ressentiments des Zuschauers bestätigen, schraubt man sich hier tiefer in die Logik des politisch flankierten Wirtschaftslobbyismus made in Bavaria hinein. Die ungeheuerlichsten Machenschaften werden glaubhaft, weil die Figuren dahinter glaubhaft sind.

So erscheint in der aktuellen Episode (Regie: Isabel Kleefeld, Buch: Edward Berger) sogar ein extrem gewagtes Verschwörungsszenario realistisch, in dem unheilvoll das bayerische Wirtschaftsministerium, die heimische Luftfahrtindustrie und der amerikanische Geheimdienst zusammenwirken.

Die Kriminalrätin schlägt sich durch diesen blauweißen Moloch von Selbstherrlichkeit, Korruption und freistaatlichem Sendungsbewusstsein – und erringt am Ende doch nur einen Scheinsieg. Wenn sie dem Treiben auch für einen kurzen Moment Einhalt bietet, so die pessimistische Erkenntnis dieses Wirtschaftsschockers, die Mühlen im Stoiber-Land malen weiter. Wer nicht zerrieben werden will, stellt sich besser ins Abseits.


"Unter Verdacht: Ein neues Leben", Sa 20.15 Uhr, ZDF



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