TV-Phänomen Ulmen Comeback des Ekelpakets

Die Proteste haben gewirkt: "Mein neuer Freund" mit Christian Ulmen ("Herr Lehmann") kommt wieder ins Programm, nachdem ProSieben die Quäl-Show nach der ersten Folge abgesetzt hatte. Entscheidend für das Umdenken des Senders waren fast 7000 Unterschriften, die zwei Ulmen-Fans im Internet gesammelt hatten.
Von Henryk M. Broder

Er nennt seine Freundin penetrant "Mäuschen", jagt sie reimend um den Tisch und serviert ihr Pampe mit Erinnerungen: "Ich hatte keine glückliche Kindheit, aber ich hatte Bohnen." Er erzählt Witze, die sogar im Karneval verpönt wären, wäscht sich nicht und behält auch nachts den Hut auf. Vollends unerträglich wird Knut, der Alleinunterhalter, wenn er zu singen anfängt. Dann möchte man ihn mit seiner eigenen Gitarre erschlagen.

Der Mann hätte Karriere im Fernsehen machen können, aber nach seinem Debüt bei ProSieben am 10. Januar kam umgehend das Aus. Die Serie "Mein neuer Freund" mit Christian Ulmen wurde abgesetzt, kaum dass sie gestartet war. Nun kommt Ulmen, der als "Herr Lehmann" in dem gleichnamigen Film von Leander Haußmann einem größeren Publikum bekannt wurde, wieder ins Programm. Und das hat er vor allem Johannes Boss zu verdanken.

Der hat vor drei Jahren das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Fulda kurz vor dem Abitur verlassen und vor ein paar Wochen seinen Zivildienst im Kindergarten "Krikel-Krakel" in Berlin-Pankow beendet. Er selbst ist in einem "absoluten Öko-Haushalt" aufgewachsen, Vater und Mutter sind Lehrer, zu Hause hat man "die 'taz' gelesen und nur selten fern gesehen". Und so wurde Johannes Boss, inzwischen 21, fast zwangsläufig zum TV-Junkie.

Noch während der Schulzeit hat er im Offenen Kanal Fulda eine eigene Sendung gehabt. Er machte Straßeninterviews und versuchte, "die Leute aus der Reserve" zu locken, was in Fulda recht einfach war. Boss ließ sich von Nonnen den Begriff "Mudschahidin" erklären und wie es zum Terrorismus kommt. "Es gab immer Sachen, die wichtiger waren als die Schule. Erst Fußball, dann Mädchen, später Politik und schließlich Medien."

Deswegen hat er zwei Gesellschaften bürgerlichen Rechts gegründet, um Beiträge fürs Fernsehen zu produzieren, nebenbei schreibt er eine wöchentliche TV-Kolumne für ein Online-Medienmagazin. Das alles macht ihm "großen Spaß", aber richtig stolz ist der junge Mann darauf, dass er einen Beitrag zur Fernsehgeschichte geleistet hat. Zusammen mit seinem Schulfreund Markus Herrmann, einem Zivi in Fulda, zwang er den Privatsender ProSieben in die Knie.

Die beiden Ulmen-Verehrer sammelten Unterschriften im Internet, und als 6944 zusammen waren, hatten sie ihr Ziel erreicht: "Es war eine Hilfsaktion. Wir wollten ProSieben zu der Erkenntnis verhelfen, dass sie einen Fehler gemacht hatten." Jetzt wartet Boss darauf, dass sich der Sender bei ihm und seinem Freund Herrmann bedankt. Aber es hat sich noch niemand gemeldet. "Ich hätte da mehr Souveränität erwartet."

Doch was zählt, ist nur, dass Christian Ulmen wieder ins Fernsehen kommt. Denn Fernsehen ohne Ulmen, sagt Boss, "das ist wie Suppe ohne Salz, Bier ohne Alkohol, Pommes ohne Ketchup". Ulmen sieht die Sache ein wenig gelassener. "Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass ich die sieben nicht gesendeten Folgen zu Hause meinen Freunden vorführen würde." Nein, er hat das Fernsehen nicht neu erfunden, aber ein Teil des "Infotainments", das sich aus Komik, Kitsch und Krawall zusammensetzt, mag er auch nicht sein. Dafür ist er dem Fernsehen zu sehr verfallen.

Ulmen, 1975 in Neuwied am Rhein geboren und in Hamburg aufgewachsen, sieht "sehr viel fern, am liebsten Sendungen, die ich nicht mag", wie zum Beispiel "Die Burg" auf ProSieben. Seine Eltern - Mutter Hausfrau, Vater Stadtplaner im Öffentlichen Dienst - haben das Fernsehen "verachtet und verabscheut". Zu Hause gab es nur einen alten Schwarz-Weiß-Empfänger mit drei Programmen. Als eines Tages ein Regionalprogramm ("Wir im Norden") von Sat.1 dazu kam, das terrestrisch über Antenne ausgestrahlt wurde, sah er eine "Wetterfrau, die hat das Wetter nicht vor einer Karte moderiert, sondern immer draußen, auf dem Jahrmarkt, auf der Straße, das war neu, das hat mir gefallen". Ulmen, gerade 13 Jahre alt, schrieb an Sat.1 einen Brief, dass er so etwas auch gerne machen möchte. "Die fanden das rührend und haben mich eingeladen, es auch mal zu versuchen."

So fing alles an. Ulmen bekam eine Kindersendung bei Radio Hamburg ("Mini-Club") und moderierte den "Kinderladen" bei Radio 107. "Da habe ich jeden Sonntag Kochrezepte vorgestellt, Gänseblümchen-Quark zum Beispiel, wir hatten auch Gäste im Studio, einmal sogar Rüdiger Nehberg." Da er zu jung war, um in die Redaktion der Schülerzeitung aufgenommen zu werden, suchte er sich eine Nische im Offenen Kanal. "Da haben wir Reportagen gegen Atomkraftwerke gemacht und Autofahrer angehalten, die zu schnell fuhren. Es war schön zu erleben, dass 15-Jährige die Macht hatten, Erwachsenen Fehler nachzuweisen."

Ein Jahr vor dem Abitur fiel ihm auf dem Schwarzen Brett des Offenen Kanals ein Aushang auf: RTL suchte Moderatoren für eine Kindersendung. "Da bin ich zum Casting gegangen und nach acht Runden hatte ich den Job." Ulmen moderierte "Disney&Co", ein Format, bei dem auch Britney Spears ihre Karriere angefangen hatte, und machte wieder eine neue Erfahrung: "Die meisten Leute dort arbeiteten wie Beamte, mit der Leidenschaft war es nicht weit her."

Für die Arbeit musste er sich von der Schule frei nehmen, sogar mitten im Abitur. "Ich hatte nie den Ehrgeiz, ein gutes Abitur zu machen, ich wollte nur aus der Schule raus." Als er es endlich geschafft hatte, schrieb er sich an der Uni für Theologie ein, "aber nur, weil da der Numerus clausus so niedrig war". Denn inzwischen hatte ihm MTV ein Angebot gemacht, das einem 20-Jährigen keine Wahl ließ: Ulmen zog nach London, moderierte Musiksendungen wie "MTV hot" und "Alarm", später "Live aus Berlin" und "Unter Ulmen" aus der deutschen Hauptstadt. Sieben Jahre arbeitete er für den Musikkanal, "bis ich nicht mehr wusste, was ich bei MTV noch machen könnte".

Da kam ihm, wie schon so oft, der Zufall zu Hilfe. Leander Haußmann bot Ulmen die Hauptrolle in "Herr Lehmann" an. "Ich hatte nie Schauspielerei studiert, aber moderieren ist auch eine Form der Schauspielerei. In meinem Kopf war es eine sehr ähnliche Anstrengung und Leistung." Sein Herr Lehmann wurde ein Erfolg. Ulmens Fan-Gemeinde, die er sich bei MTV geschaffen hatte, war begeistert und wollte Ulmen wieder im Fernsehen sehen. Und wieder rannte Ulmen dem Zufall in die Arme. ProSieben suchte eine Hauptfigur für ein Format, das in England erfolgreich war: "Mein neuer Freund", eine Art Rollenspiel mit versteckter Kamera. Die Idee war nicht ganz neu, Sat.1 hatte es fast gleichzeitig mit "Mein dicker, peinlicher Verlobter" versucht, der deutschen Version eines US-Originals. "Mein neuer Freund", sagt Ulmen, "war härter aber auch ehrlicher."

In acht Folgen spielt er jeweils einen Ekelcharakter, der seine Umgebung über die Schmerzgrenze hinaus nervt. Eine "Freundin" - in zwei Folgen auch ein "Freund" - muss es mit ihm von Freitag bis Sonntag aushalten, schafft er es, bekommt er als Belohnung 10.000 Euro. Der Witz der Sache liegt darin, dass Ulmen und die jeweilige Freundin die einzigen sind, die wissen, dass es sich um einen Härtetest handelt. Alle anderen - Bekannte, Freunde, Verwandte - halten die Situation für real und benehmen sich entsprechend, das heißt, sie lassen sich nichts anmerken, aus Höflichkeit, Verlegenheit oder Angst.

In der ersten Folge hatte sich Ulmen als Knut verkleidet, der seinen kompletten Mangel an Können und Manieren mit einem ins Unendliche überzogenen Selbstbewusstsein verbindet. Der Mann ist eine Plage für Augen und Ohren und, wenn Fernsehen auch Gerüche übertragen könnte, sicher auch für die Nase. Seine Partnerin Diana, im wirklichen Leben eine junge Moderedakteurin, sagt: "Eigentlich ist das alles ein Alptraum" und "Der ist aus dem Zoo". Aber ihre Freunde und sogar ihre Eltern bleiben zwanghaft cool, wenn sie Knut in Aktion erleben. Sogar wenn er auf einer Vernissage Bilder enthüllt, die Diana aus einer extrem intimen Perspektive zeigen. Anything goes.

Man kann das Spiel natürlich verschieden interpretieren. Als eine weitere Variante von "Verstehen Sie Spaß?" oder als einen Versuch über die menschliche Anpassungsbereitschaft: Wie weit Kleinbürger zu gehen bereit sind, nur um sich nicht als Kleinbürger zu blamieren. Ulmen spielt nicht nur alle Mitspieler, sondern auch sich selbst an die Wand. Er ist großartig. Verglichen mit ihm ist sogar Stefan Raab in seinen fiesesten Momenten ein Herzbube. Dass ProSieben die neue Serie gleich nach der ersten Folge absetzen wollte, lag sicher nicht nur an der Quote - 6,9 Prozent in der Zielgruppe - sondern wohl auch daran, dass der "neue Freund" alles, nur kein Sympathieträger war.

Es wäre allerdings auch eine andere Erklärung denkbar. ProSieben hat den ganzen Rummel um die Serie nur inszeniert, um sie richtig ins Gespräch zu bringen. "Wenn ich nicht genau wüsste, dass es nicht so war, wäre das eine gute Idee", sagt Ulmen.

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