TV-Prügelknabe Pocher hurra!

Er ist der Lieblings-Punchingball der Mediennation: Es ist cool, auf Oliver Pocher einzudreschen - jetzt trat er zum letzten Mal vor der Sommerpause an Harald Schmidts Seite auf. Höchste Zeit für eine Hymne auf einen unterschätzten TV-Titanen, findet Wolfgang Höbel.

Mit Oliver Kahn verbindet Oliver Pocher viel mehr, als man gemeinhin vermutet. Die beiden bilden eine Schicksalsgemeinschaft. Nicht, weil Pocher den Kahn nahezu perfekt nachmachen kann; nicht, weil beide über eine ähnliche Haarfarbe verfügen oder über die exakt gleiche Anzahl von Gesichtsausdrücken in dramatischen Situationen (zwei). Nein, Oliver Kahn und Oliver Pocher haben den gleichen Feind. Auf der Höhe ihres Schaffens stellt sich ihnen die Spießerfratze der schwäbischen Arbeitsethik entgegen.

Im Fall von Oliver Kahn trug diese Fratze die Gesichtszüge von Jürgen Klinsmann. Im Fall von Oliver Pocher trägt sie die Stirnfalten von Harald Schmidt. Klinsmann hat Kahn aussortiert, weil er ihm nicht unterwürfig genug war; der Bäckersohn aus dem Schwabenland fand Kahn zu egomanisch, zu langsam, zu alt. Schmidt hat Pocher zuletzt mehrfach gerüffelt, weil der nicht unterwürfig genug rackerte ("beim nächsten Mal hat er's begriffen"), und offenbar zu selbstverliebt war (Egomanie), nicht schlagfertig genug (die Langsamkeit) uns sowieso zu unreif (das Alter).

Wohin Klinsmanns Abneigung gegen Kahn die deutsche Nationalmannschaft gebracht hat, wissen wir: Bangen Herzens sehen wir dem langen EM-Elend mit Jens Lehmann entgegen. Muss es mit dem deutschen Fernsehhumor wirklich ähnlich schlimm kommen?

Aber der Reihe nach: Es gibt derzeit kaum einen böser gehassten, hämischer niedergemachten, entschlossener in den Verlierersumpf gerammten Fernsehunterhalter als Oliver Pocher. Der Kerl reihe "eine Unterleibsgroteske an die andere" und zeige "keinen Esprit, nirgends", schmäht die allzeit espritsprühende "Frankfurter Allgemeine Zeitung" den Entertainer. "Sein Blick wirkt blond" motzt "Focus online". "Dämlich glucksend" nennt ihn der SPIEGEL.

Als "kleine miese Type" und als "uncool" beschimpft Harald Schmidt vor laufender Kamera den Kollegen Pocher in Anwesenheit der sogenannten Skandalrapperin Lady Bitch Ray. Als "überhaupt nicht lustig" und "schleimig" verhöhnt der Schauspieler Jürgen Vogel Pocher mitten in der Sendung. Und als "Drecksack" geifert der singende Emanzipationsvorkämpfer Mark Medlock bei der live übertragenen "Comet"-Preisverleihung Pocher an, weil er angeblich mit "Scheiß-Schwulenwitzen" sein Geld verdiene.

Lieblings-Punchingball der Mediennation

Schon wahr, Pocher ist derzeit so was wie der Lieblings-Punchingball der Mediennation: Ihn zu dreschen, findet demnächst vermutlich sogar die "Bunte" cool. Das muss einem nicht leid tun. Aber bizarr ist es doch. Denn verletzt Pocher, den viele deutsche Schwule seit Jahren als Pin-up-Helden verehren, mit seinen Sketchen und Witzen tatsächlich die Regeln einer korrekt toleranten Gesellschaft? Verstört er unsere verzärtelte Jugend wirklich mit ekligen Zoten, die alles im öffentlich-rechtlichen Humorgeschäft bisher Dagewesene unterbieten? Und senkt der Mann, dem Freund und Feind ständig seinen 2,9-Mittlere-Reife-Schulabschluss vor- und zugutehalten, Deutschlands Humorpegel endgültig ins intellektuell Niederflurige ab?

Das ist natürlich Quatsch. Man muss gar nicht Pochers tollste Späße loben, um das zu belegen, zum Beispiel den zum Schreien komischen Auftritt beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest in Hamburg, wo Pocher den künftigen ARD-Programmchef Volker Herres das Etikett seiner Bierflasche in die Kamera halten ließ und blaffte, die ARD habe die Moderatorin Andrea Kiewel doch "ins Grab gebracht mit so 'ner Nummer".

Klar, manchmal guckt Pocher wie jener Vollidiot, den er im gleichnamigen Film gespielt hat; manchmal hackt er auf den falschen Leuten herum; manchmal benimmt er sich so schweinisch wie in dem Augenblick, als er die des Deutschen nicht mächtige Mariah Carey vor der Kamera "Presswurst" nannte. Aber mehr noch als alle Quoten (die er für die Schmidt-Show vor allem dank vieler junger Zuschauer nach oben trieb) und Fußball-Gesänge ("Bringt ihn heim" heißt sein Song zur EM) sprechen Pochers Feinde für Oliver Pocher. Es sind frisurproblembeladene Oberlehrer und durch gefühlte tausend Jahre ARD-"Scheibenwischer"-gestählte Schreckenslangeweiler, die Oliver Pocher aus Schmidts Show verbannen möchten.

Schlimmer Schulmeister Schmidt

Der schlimmste aller Schulmeister allerdings ist Harald Schmidt selbst, wenn er den Oliver-Pocher-Basher spielt: Mit verzerrter Spießerfratze fordert da ein Arbeitgeber Leistung ein, wie das bei ihm daheim in Württemberg ein unerbittlicher, aufs Schaffen erpichter Chef halt so macht - von nix kommt in Schwaben nix.

Pochers größte Momente sind aber gerade die, in denen er jede Leistung verweigert. Wie in jenem Moment, als Schmidt gerade von Martin Walser redete und Pocher mit absolut unbewegter, super ahnungsloser Miene sagte: "Was macht der?" Ein Glanzlicht deutscher Fernsehunterhaltung.

Die einzig richtige Antwort auf Pochers Frage, speziell für die Moralwächter der "Frankfurter Allgemeinen" formuliert, lautet übrigens so: Martin Walser reiht schon seit Jahren eine Unterleibsgroteske an die andere.

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