TV-Schlager Ärzteserien Dr. med. Kotzbrocken

Bye-bye, Professor Brinkmann! Der deutsche Fernsehzuschauer scheint endgültig kuriert von zuckriger Heldenverehrung à la "Schwarzwaldklinik". Er steht auf Doktorspiele made in USA. Deren Erfolgsgeheimnis: entzauberte Halbgötter in Weiß.

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"Dr. House" boomt, "Grey's Anatomy" floriert, selbst das schönheitschirurgische Gemetzel bei "Nip/Tuck" entzückt eine verschworene Fangemeinde. Die mitunter unappetitliche und blutgetränkte Erlebniswelt der Körperflicker ist heutzutage außerordentlich beliebte und - dank innovativer US-Importe - höchst bekömmliche TV-Kost. Ein Heer von Experten berät die Produzenten der US-Serien, um die Gier der verwöhnten Zuschauer nach immer kurioseren Fällen zu befriedigen. In den Autorenteams sitzen ausgebildete und sogar praktizierende Mediziner.

David Foster ist Co-Produzent des Quotenwunders "Dr. House", dessen knifflige Plots zumeist auf wahren Fällen beruhen. "Einer unserer Autoren sah mal ein Foto von einer OP an einem Fötus", sagte Foster der "Los Angeles Times". "Der Fötus hatte plötzlich die Hand ausstreckt und die Finger des Chirurgen berührt. Das haben wir dann sofort zu einer House-Geschichte gemacht."

Doch so verzwickt, medizinisch abseitig und daher quotenträchtig ein Fall auch sein mag: "Characters come first", sagt Foster. Eine Serien-Praxis kann immer nur so gut sein wie ihr personelles Inventar. Die Figur des kauzigen Diagnostikers Dr. Gregory House, kongenial dargestellt vom britischen Comedy-Spezialisten Hugh Laurie, verkehrt das Bild des gütigen Mediziners, das Generationen von Zuschauern durch Weißkittel-Gottgestalten wie "Dr. Marcus Welby" oder "Dr. Kildare" verinnerlicht hatten, in sein Gegenteil.

House ist grantig, hasst seine Patienten und kommt der Ursache seiner komplizierten Fälle lieber am Flipchart denn durch hautnahe Anamnese auf die Spur. Er ist brillant, autistisch, gehbehindert, tablettenabhängig und fachlich wie menschlich fehlbar - und deshalb für wahre Heldentaten prädestiniert.

Die Hirnmasse quoll direkt in die Chipstüte

Die Hauptgeschichte jeder Folge zu konzipieren sei kompliziert, so Co-Produzent Foster: "Jeder Autor trägt pro Folge den Kern einer Idee bei. Das kann eine Figur oder eine überraschende Wendung im vierten Akt sein. Ein Patient zum Beispiel, für den House ausnahmsweise Respekt empfindet, weswegen er sich noch verrückter aufführt als üblich."

Ermöglicht wurde ein realistisches Ärztebild auf dem Bildschirm durch ein Projekt, das so erfolgreich und dramaturgisch so innovativ war wie wohl keine Mediziner-Serie davor oder danach: "Emergency Room".

"ER", auf Sendung seit 1994, bot damals Fernsehen, das die Grenzen seines Genres zielstrebig und provozierend übersprang. Fortan floss, sprudelte und spritzte im TV das Blut. Die Eingeweide zuckten, austretende Hirnmasse quoll dem geneigten Betrachter via Bildschirm sozusagen direkt in die Chipstüte, Därme entleerten sich - und dem Doc schmeckte trotzdem noch sein Mocca latte.

"ER" war nach dem Saurier-Blockbuster "Jurassic Park" die zweite Kollaboration zwischen Steven Spielberg, Chef der "ER"-Co-Produktionsfirma "Amblin Entertainment", und Bestseller-Lieferant Michael Crichton als Autor. Der hatte seit dem Medizinstudium den Traum gehabt, eine auf seinen Erfahrungen basierende, realistische Serie über den Ärzte-Alltag zu schreiben - über Schlafmangel und Stress, handwerkliches Don’t-Know-how und die unendliche Faszination des versehrten menschlichen Körpers .

Bei "ER" wurden verschiedene Erzählebenen nicht durch Schnitte gebrochen, sondern durch minutiös choreographierte Kamerafahrten, die Handlungsstränge parallel erfassten, innerhalb einer Szene miteinander verwoben. Erstmals wurden am Set einer TV-Serie Steadycams eingesetzt. Die ungebundene Kamera folgte der atemlosen Hektik der Notaufnahme und machte den Plot schnell, der Zuschauer blieb dem Patienten auf den Fersen, von dessen Einlieferung in die Klinik per Helikopter bis zum Hineinsenken der Gefäßschere in seine Herzarterie.



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