TV-Sender Chicken poppen

Mit dem Start der "sexy night" ist der Umbau von TM3 zum "Impulsfernsehen" 9 live vollendet. Ein Impuls wird schon deutlich: Die Zuschauer zappen weg.


"La notte"-Moderatorinnen: Dana Heidner, Nadine Tschanz (M.), Andrea Lamàr (r.)
TM3

"La notte"-Moderatorinnen: Dana Heidner, Nadine Tschanz (M.), Andrea Lamàr (r.)

Wahrscheinlich hat sich Andrea Lamàr von der Aussicht locken lassen, mit der "längsten Erotik-Show der Welt" eine neue Verona zu werden, vielleicht hat sie auch auf den guten Namen ihrer Senderchefin gesetzt. Die heißt Christiane zu Salm, war mal MTV-Managerin und wurde im März zur "Mediafrau des Jahres" gekürt. So schlimm, wird sich Andrea Lamàr gedacht haben, so schlimm kann es schon nicht werden.

Doch nun ist es kurz nach Mitternacht am Premierenabend von "la notte", vor ihr liegen sechs Stunden Live-Fernsehen im Nachtprogramm von TM3, "salonfähige, erotische Unterhaltung" hat der Sender versprochen. Und Andrea Lamàr spielt mit ihren ersten Anrufern "Chicken poppen", ein stupides Computerspiel, bei dem die Telefonkandidaten ("rechts, links, pop, pop") mit einem dürren Hahn möglichst viele Hennen beglücken müssen. Sie kündigt eine "Sabine" an, die sich ungelenk entblättert und dabei stammelnd "Sexy News" verliest, stellt Fragen wie "Was ist ein Blowjob?" und rettet sich dann wieder zum "Chicken poppen".

"Mein Lieblingsspiel", sagt die gelernte Schauspielerin Lamàr, sie sagt es vor jeder neuen Runde, und davon gibt es viele in den nächsten Stunden. Und weil das alles so schrecklich peinlich ist, lacht sie dazu, viel zu laut und viel zu oft. Sie lacht sich durch die ganze Nacht. Irgendwann verspricht sie ihren Zuschauern noch die Chance auf eine Million: "Ich hoffe, dass wir damit Fernsehgeschichte schreiben."

TM3-Managerin Christiane zu Salm: "kein Arte sein"
DPA

TM3-Managerin Christiane zu Salm: "kein Arte sein"

Gut möglich. Immerhin sind Andrea und ihre Kollegen Vorreiter eines TV-Geschäftsmodells, das der neue TM3-Miteigner Georg Kofler "Transaktionsfernsehen" nennt. Statt wie bisher bei den Werbekunden will der Ex-ProSieben-Chef nun bei den Zuschauern kassieren. Möglichst viele von ihnen müssen, damit die Rechnung aufgeht, zum Hörer greifen und über Sondernummern wie "01379" und "0190" für mindestens 96 Pfennig pro Anruf simpelste Fragen beantworten oder sich an Spielchen wie "Chicken poppen" beteiligen.

Gelegenheiten gibt es genügend: Kofler und seine Geschäftsführerin Salm haben den Minisender, auf dem zuletzt vor allem alte Kirch-Serien und -Filme liefen, mit ihrer Euvia Media AG seit Ende April radikal zu einem "interaktiven Unterhaltungskanal" umgebaut. Mit dem Start der "sexy night" am vergangenen Montag ist die Programm-Umstellung vorerst abgeschlossen, in Kürze folgt der finale Schritt: TM3 wird umbenannt. Dann wird der Sender, auf dem jetzt praktisch rund um die Uhr Anrufsendungen laufen, "9 live" heißen.

Morgens versucht derzeit ein Markus Lürick in "Wow TV" mit Fragen wie "Was ist glatt, ein Aal oder ein Frosch?" und Gewinnen von 100 bis 10 000 Mark für ein hohes Telefonaufkommen zu sorgen. Minutenlang wiederholt er die Frage, damit genügend Anrufe zusammenkommen, Sendelöcher stopft er mit Zoten wie "Verona, kannst du mir mal einen Blasen- ... und Nierentee holen?"

Moderieren kann man es kaum nennen, was Lürick und seine Kollegen treiben, sie sind reine Anrufanimateure. Mühsam überbrücken die neuen und ­ tragischerweise ­ auch einige altbekannte Gesichter wie Wolf-Dieter Herrmann ("greif an") und Uwe Hübner ("Plattenteller") die Sendeminuten. Wie Goofy Förster, der im abendlichen Reiseshopping-Fenster wichtig von "interessanten Destinationen" spricht, wenn er Pauschaltrips verschachert und verzweifelt nach Argumenten für einen Abstecher in die Ägäis sucht: "Der Türke an sich ist supernett."

Christiane zu Salm kennt ihr Programm und ist deshalb auf Anfragen vorbereitet. Fast trotzig sagt sie, niemand habe behauptet, aus TM3 etwas pädagogisch Wertvolles zu machen: "Wir wollen kein Arte sein, sondern ein Unterhaltungsgebrauchsartikel." Den Vormittag, den derzeit noch eine externe Produktionsfirma zuliefert, werde man von Herbst an selbst produzieren. Und im Übrigen sei sie guten Mutes, das Unternehmen in drei Jahren profitabel zu machen, erstmals in dessen wechselvoller Geschichte zwischen Frauensender (bei der Gründung 1995) und Champions-League-Kanal (1999/2000).

Nicht nur ehemalige TM3-Manager bezweifeln, dass das gelingt. Seit dem Start des "Impulsfernsehens" (Salm) hat sich bei den Zuschauern vor allem ein Impuls verstärkt ­ der zum Umschalten. Lagen die Quoten Anfang des Jahres an Wochentagen noch bei rund 1 Prozent, sind sie nun auf durchschnittlich 0,3 Prozent gesackt, einige Sendungen sind kaum mehr messbar. Entsprechend wenige Leute greifen zum Hörer, im gesamten Juni gab es laut einer internen Statistik 4,5 Millionen Anrufe. Weil nur etwa die Hälfte der Gebühren beim Sender bleibt, lagen die unmittelbaren "Transaktionserlöse" damit lediglich bei rund zwei Millionen Mark.

Das wird trotz billigster Produktionsmethoden nicht reichen, zumal zwischen "Wow TV" und "Time Out" kaum ein Markenartikler mehr werben will; stattdessen laufen Spots für Enthaarungscremes und Messersets. Ganz gut gebucht sind indes die Werbepausen von "la notte". Wie in der Sendung bitten dort leicht bekleidete Damen um einen Anruf, auch ihre Nummern beginnen mit "0190". Schon berichten die ersten Telefondienstleisterinnen deshalb von verwirrten TM3-Zuschauern, die mit ihnen "Chicken poppen" spielen und 200 Mark gewinnen wollten.

MARCEL ROSENBACH



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