TV-Sender RTL II Mehr Provokation, bitte!

Mit "Big Brother" und "Popstars" kam einst der Quotenerfolg für RTL II. Heute sind viele Programme zur Konkurrenz gewandert und der Sender versucht, sein Schmuddel-Image loszuwerden. Dabei täte dem harmlos gewordenen Programm gerade jetzt ein bisschen Moralwächter-Empörung gut.

Von Peer Schader


Werteverfall! Voyeurismus! Verletzung der Menschenwürde! Was war das für eine Diskussion, als RTL II im März 2000 13 Kandidaten in einen Container sperrte, wo sie hundert Tage rund um die Uhr von Kameras beobachtet werden sollten – beim Duschen, Streiten, Liebe machen. Eine Grenzüberschreitung, darin waren sich Politik und Medien einig: SPD-Ministerpräsident Kurt Beck forderte, die Sendung zu verbieten, die Feuilletons der Zeitungen füllten ganze Seiten mit schlimmsten Befürchtungen – und "Big Brother" wurde zu einer der populärsten Sendungen, die es je im deutschen Fernsehen gegeben hat.

Sechseinhalb Jahre später mag sich über das Containerfernsehen niemand mehr so recht aufregen. Wer war noch mal dieser Zlatko? Die letzte Staffel "Big Brother – Das Dorf", die ursprünglich ohne festes Ende laufen sollte, ist Anfang des Jahres nach gerade mal einem Jahr beendet worden, weil die Quoten so mies waren. Und kürzlich hat RTL II die siebte Runde, deren Start eigentlich für den Herbst geplant war, auf Februar 2007 verschoben. Die Bewerbungsfrist läuft noch.

Dass sich zuletzt kaum jemand mehr für die "Big Brother"-Neuauflagen interessierte, hat dem Sender ziemlich geschadet. Nicht nur deshalb steckt RTL II gerade in der schwierigsten Phase seit dem Start vor dreizehn Jahren. Reihenweise sind zuletzt die Macher abgesprungen, trotz respektabler Programmideen gab es einen Flop nach dem nächsten, und als nachmittags plötzlich fünf Folgen der US-Comedyserie "Immer wieder Jim" nacheinander liefen, fürchtete man schon, dem Sender sei endgültig das Programm ausgegangen.

RTL II – der Name klingt eigentlich eher nach kleinem Bruder. Und tatsächlich war der Sender eigentlich gegründet worden, um als Zweitverwertungsstation für RTL zu funktionieren. Doch unter der Führung von Ex-ORF-Mann Josef Andorfer entwickelte RTL II sich Ende der Neunziger stattdessen zum Rowdy des deutschen Privatfernsehens. Mit Reality-TV und Ballermann-Reportagen sorgte Andorfer dafür, dass die Quoten stiegen, gleichzeitig aber auch das Image litt. Noch heute erinnern sich viele Zuschauer bei RTL II zu allererst ans Erotik-Schmuddelfernsehen, das längst Vergangenheit ist.

Andorfer übrigens auch. Im Januar 2005 setzte der Sender seinen eigenen Chef vor die Tür. So was hat es in der deutschen Medienbranche bis dahin noch nicht gegeben. Andorfer polarisierte, weil er als Bad Guy ohne Rücksicht auf den RTL-Senderverbund stets den eigenen Kopf durchsetzen wollte und öfter mal wohl mehr versprach als er halten konnte. Schließlich bekam er von den Gesellschaftern Hausverbot. Noch immer streitet der Ex-Chef vor Gericht für eine saftige Entschädigung.

Sein Sender schlidderte derweil in die Krise – aber daran ist man in München, wo gerne Unabhängigkeit vom Kölner Hauptgesellschafter RTL demonstriert wird, längst gewöhnt. Weil der Sender eben nicht nur Bertelsmanns RTL Group gehört, sondern auch den Verlagen Bauer ("TV Movie") und Burda ("Bunte") sowie der Tele München Gruppe (Tele 5), und sich die Besitzer gegenseitig nicht immer ganz grün sind, geht es bei RTL II traditionell etwas turbulenter zu.

Nach dem Rauswurf Andorfers übernahm Jochen Starke die Geschäftsführung, der bisher alle Spekulationen, bloß eine "Zwischenlösung" zu sein, überstanden hat, wenn auch als leisester Senderchef aller Zeiten. In anderthalb Jahren hat sich der Mann kein einziges Mal öffentlich zu seiner Strategie geäußert. In der lauten TV-Branche fällt das besonders auf. Neulich wurde Neun-Live-Chef Markus Wolter als Nachfolger gehandelt, allerdings ohne dass es dafür bisher eine offizielle Bestätigung gibt.

In jedem Fall ist es kein gutes Zeichen, wenn öfter über die Führungsprobleme eines Senders gesprochen wird als über dessen Programm. Dabei strengt sich RTL II seit gut zwei Jahren mächtig an, das Schmuddel-Image endgültig loszuwerden. Dem Rivalen ProSieben ist das Wissensmagazin "Welt der Wunder" weggeschnappt worden, mit "100 Tage" wurde ein spannendes Reportageformat etabliert und die Reality-Doku "Das Experiment" hat in diesem Jahr sogar den ARD-Medienpreis Civis gewonnen.

Ausgerechnet das Programm in den wichtigsten Sendezeiten steht aber immer wieder auf wackligen Füßen. Im zurückliegenden Winter sollte der Vorabend mit Wissens- und Kochsendungen aufgemöbelt werden – ohne Erfolg. Die Zuschauer waren um diese Zeit Sitcoms gewöhnt und schalteten weg. Doppelt ärgerlich für RTL II: Rivale Vox fährt mit einer ähnlichen Genre-Kombination gerade Top-Quoten ein.

Am Abend hat sich der Sender nach Flops wie der eigentlich unterhaltsamen Fußball-Reality "Borussia Banana" und Tatjana Gsells drögem "Aschenputtel wird Prinzessin" wieder etwas gefangen – und probt die neue Harmlosigkeit: Bei "Glück-Wunsch!" hilft Ex-Sat.1-Talkerin Vera Int-Veen Menschen, nach Schicksalsschlägen wieder auf die Beine zu kommen. In "Du bist was du isst" kriegen Übergewichtige einen Diätplan verpasst, um ihr Leben zu ändern. Und in "Suche Familie" organisieren sich rüstige Opis und Omis Ersatzenkel.

Dazu läuft ein bisschen US-Science-Fiction und am Freitag öfter mal ein Bollywood-Schmachtfetzen aus der indischen Massenproduktion. Für große Skandale reicht das nicht mehr. Selbst die etwas martialisch betitelte Diätshow "Liebling, wir bringen die Kinder um", bei der Eltern per Computersimulation gezeigt bekamen, wie ihre Kinder verfetten, wenn sie nicht deren Ernährung umstellen, versendete sich kürzlich ohne Aufregung. RTL II ist zahm geworden. Eigentlich schade.

Dabei sind die unruhigen Zeiten noch nicht vorbei. Anfang Oktober ging Programmchefin Katja Hofem-Best nach zehn Jahren bei RTL II zum neuen Discovery-Sender D-MAX und nahm Unterhaltungschef Marc Rasmus mit. Das war ein schwerer Schlag für die Münchner, weil Hofem-Best lange Zeit als Management-Gesicht des Senders galt – jung, sympathisch und motiviert, ihr Programm gegen all die Trash-TV-Hasser zu verteidigen, die RTL II seit jeher vorwerfen, zur Verwahrlosung des Fernsehens beizutragen.

Im November kommt Axel Kühn von der Produktionsfirma Tresor TV ("Super Nanny") als neuer Programmchef – und muss sich möglichst schnell entscheiden, wo er hin will. Denn so richtig weiß man derzeit noch nicht, für was RTL II stehen wird. Für US-Serien? Dazu fehlt ein Hit wie "CSI". Für Wissen? Das macht ProSieben genauso gut. Für sanfte Reality-Dokus? Das ist auf Dauer ein bisschen lau. Die Highlights kommen in nächster Zeit eher sparsam. In Kürze startet "Projekt Chor", bei dem Straßenkinder eine eigene Sängertruppe auf die Beine stellen sollen und im Dezember feiert die Musikshow "The Dome" Jubiläum. Viel mehr ist dieses Jahr nicht – die meisten Neuerungen liefen schon im Sommer.

Sich bloß auf Revivals alter Erfolgsformate zu verlassen, wird kaum ausreichen – selbst wenn "Big Brother" im nächsten Jahr doch wieder einschlagen sollte. Denn die RTL-II--Castingshow "Popstars", die vor fünf Jahren die Erfolgsband No Angels hervorbrachte, läuft inzwischen bei ProSieben, das mit der Star-Suche gerade richtig gute Quoten holt. Und die Comedy "King of Queens" zeigt jetzt ausgerechnet Konkurrent Kabel 1. RTL II braucht schleunigst ein paar gute Ideen, um gegen die großen Kanäle bestehen zu können. Den TV-Gemischtwarenladen können RTL und Sat.1 besser, weil da mehr Geld drinsteckt.

Ein frecher Gegenentwurf zum Harmlosigkeitsfernsehen käme da schon eher an. Dafür könnte ein bisschen Provokation sicher nicht schaden – selbst wenn Moraldiskussionen längst aus der Mode gekommen sind.



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