TV-Serie "FlashForward" Zeitarbeiter der Katastrophe

Ein Blackout von rund zwei Minuten - und schon versinkt die Welt im Chaos. Wenn dann noch alle Zukunftsvisionen haben, wird es kompliziert. Und spannend. Die US-TV-Serie versucht sich am superkomplexen Erzählen - und will die Kult-Reihe "Lost" beerben.

Darsteller Joseph Fiennes: Jede Sekunde zählt
ABC Studios

Darsteller Joseph Fiennes: Jede Sekunde zählt

Von Sven Stillich


Menschen brennen, Hubschrauber rasen gegen Wolkenkratzer, überall Autowracks und Rauch: Als FBI-Agent Mark Benford am 6. Oktober 2009 aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht, ist in Los Angeles die Hölle los. "War das ein Erdbeben?", fragt einer. Die Antwort lautet: Nein. Was Benford sieht, sind die Folgen eines Blackouts. Für zwei Minuten und 17 Sekunden sind fast alle Menschen auf der ganzen Welt in Ohnmacht gefallen. Und sie haben in diesen 137 Sekunden ihre Zukunft gesehen: Was sie in einem guten halben Jahr tun werden, am 29. April 2010.

Die amerikanische Fernsehserie "FlashForward" beginnt mit einer Katastrophe und vielen Fragen: Wie ist es zu dieser kollektiven Ohnmacht gekommen? Wer oder was hat sie ausgelöst? Benford macht sich daran, nach Antworten zu suchen - und er ist der beste Mann dafür: Er hat in seiner Zukunftsvision gesehen, wie er an dem Fall arbeitet.

Er hat auch gesehen, dass er wieder angefangen hat zu trinken, aber das ist jetzt nicht sein größtes Problem. Millionen Menschen sind tot, alleine in den USA sind 877 Flugzeuge abgestürzt. Die Jagd auf die Schuldigen beginnt.

Das FBI richtet eine Website ein, auf der Visionen gesammelt werden sollen, um sie miteinander abzugleichen. Eine Person steht bald im Brennpunkt der Ermittlungen: Überwachungskameras zeigen einen Menschen, der nicht in Ohnmacht gefallen ist, während alle anderen um ihn herum am Boden liegen. Ist das ein Terrorist?

Rätselhaftigkeit ist Programm

Der amerikanische Fernsehsender ABC setzt große Hoffnungen in "FlashForward". Er will die Reihe als Nachfolger seiner Erfolgsserie "Lost" aufbauen, die in diesem Jahr ausläuft. Das gilt auch für ProSieben, wo die Serie jetzt zu sehen ist. Die Verbindung zwischen "Lost" und "FlashForward" ist entsprechend deutlich: Mehrere Darsteller treten in beiden Reihen auf (Sonya Walger, Dominic Monaghan). Zudem ist Rätselhaftigkeit Programm: Immer wieder werden neue Fragen aufgeworfen - und erst einmal nicht beantwortet.

Nur einige Beispiele: Einige Figuren, wie Mark Benfords Kollege Demetri Noh (gespielt von John Cho aus "Star Trek"), hatten in "FlashForward" keine Visionen. Bedeutet das, dass sie in einem halben Jahr tot sind? Eine lesbische Frau sieht sich an diesem Tag schwanger im Krankenhaus liegen. Kann sich ihr Leben in sechs Monaten so stark ändern? Oder richten die Menschen vielleicht sogar ihr Leben nach dem aus, was sie gesehen haben? Sind all die Visionen also selbsterfüllende Prophezeiungen? Und was würde geschehen, wenn einer versucht, die Zukunft radikal zu ändern - indem er sich zum Beispiel umbringt?

Bei so vielen Rätseln ist es kein Wunder, dass ABC alles versucht, um den Plot geheim zu halten. Auch die Buchvorlage von Robert J. Sawyer zu lesen, wird wohl kaum Antworten liefern. In dem Roman geht der Blick rund 20 Jahre in die Zukunft, und die Produzenten betonen immer wieder, dass die Handlung der Serie nur sehr vage auf dem Buch basiert.

Die größte Gefahr, sich zu verplappern, geht also von den Schauspielern aus. Deswegen bekommen sie nur spärliche Informationen über die Entwicklung ihrer Figur. "Wir wissen so wenig wie die Zuschauer", sagt Joseph Fiennes, "und mussten deswegen lernen, täglich zu improvisieren und offen für jede Veränderung unserer Rolle zu sein." Sonya Walger fügt hinzu: "Auf jeder Seite der Drehbücher befinden sich Wasserzeichen mit unseren Namen. Wenn eine davon irgendwo gefunden würde, wäre sofort klar, dass ich daran schuld bin."

"Lost" im Quotentief

ABC hofft, dass "FlashForward" fünf Jahre lang erfolgreich läuft. Man kann leider nicht in die Zukunft schauen, ob sich diese Hoffnung erfüllt. Man kann aber sagen: Es sieht nicht besonders gut aus. Das Zuschauerinteresse für die erste Staffel ist im Heimatland USA bisher nur mittelmäßig, die Quoten sinken sogar. Dazu hat die Reihe auch intern mit Problemen zu kämpfen. Erfunden und anfangs auch produziert wurde die Serie von Brannon Braga ("24", "Star Trek") und David S. Goyer, einem der Autoren des Drehbuchs zu "Batman: The Dark Knight". Der hat die Leitung der Serie inzwischen allerdings abgegeben.

Und er ist nicht der erste: Bereits Marc Guggenheim, Goyers Vorgänger als Chefautor, hatte das Handtuch geworfen. Es gibt bessere Voraussetzungen für den Erfolg einer Fernsehserie, von der selbst in Amerika erst 10 von 22 Folgen der ersten Staffel gelaufen sind. Am 18. März geht es dort mit Folge elf weiter.

Auch in Deutschland könnte es "FlashForward" schwer haben - wie jede Serie, die eine zusammenhängende Geschichte präsentiert und nicht einzelne, voneinander unabhängige Episoden. ProSieben ist nicht bekannt dafür, einen langen Atem zu haben bei Serien, die nicht auf Anhieb Quoten einfahren. Die landen zumeinst schnell auf wenig prominenten Sendeplätzen.

Ein weiteres Problem sind legale wie illegale Kopien im Internet. ABC versucht dem digitalen Klau gegenzusteuern, indem die Serie möglichst rasch international verkauft wird. ProSieben kann nur darauf hoffen, dass die Zuschauer, die sich für "FlashForward" interessieren könnten, die Folgen nicht bereits im Original gesehen haben. Oder gar auf Deutsch. Denn auch die synchronisierte Fassung ist bereits im Netz zu finden.

Ansehen sollte man sich die Pilotfolge von "FlashForward" aber auf jeden Fall. Obwohl die bereits gesendeten Episoden der ersten Staffel nicht einmal im Ansatz an den großartigen Auftakt von "Lost" heranreichen, ist die Grundidee spannend umgesetzt. Wenn sich das Produktionsteam nicht noch hoffnungslos zerstreitet, sollte die Serie zumindest in den USA für eine oder zwei Staffeln eine Zukunft haben.



"FlashForward", ProSieben, montags, 20.15 Uhr



insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
takeo_ischi 01.03.2010
1. .
Zitat von sysopEin Blackout von rund zwei Minuten - und schon versinkt die Welt im Chaos. Wenn dann noch alle Zukunftsvisionen haben, wird's kompliziert. Und spannend. Die US-TV-Serie versucht sich am superkomplexen Erzählen - und will die Kult-Reihe "Lost" beerben. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,680923,00.html
Schön zusammengefasst. Lost wird nicht erreicht werden. Es lohnt aber auf jeden Fall der Serie trotzdem eine Chance zu geben.
ccmehil 01.03.2010
2. Meine Vision
Während des Lesens des Artikels fiel ich 137 Sekunden in Ohnmacht. In meiner Vision sah ich mich im April 2010 ein gutes Buch lesen.
Nothing is irreversible 01.03.2010
3. BragaBackward
Brannon Braga ist untalentiert und humorlos. Was immer er anfaßt, scheitert am Ende an der Durchschnittlichkeit seiner immer wiederkehrenden Handlungsstränge. Momentan stellt er das zusammen mit Manny Coto in der achten Staffel von 24 unter Beweis. Er wäre perfekt für eine deutsche Mystery/Crime-Serie in ZDF: FDP: Projekt 18 FlashForward wird jedenfalls keine zweite Staffel schaffen.
erna_p 01.03.2010
4. Mal sehen...
Das klingt ja alles ganz spannend! Allerdings vergeht mir fast schon wieder die Lust überhaupt mit der Serie anzufangen, wenn ich jetzt schon lesen muss, dass sie in den USA evtl. bald wieder abgesetzt wird. Ich werde sowieso auf die DVD warten (die Sychronisationen gehen meistens gar nicht) und dann weiß man ja vielleicht schon mehr...
berufszyniker, 01.03.2010
5. Keine Chance gegen LOST, weil:
... Die Serie bereits eingestellt wurde. Schlechte Recherche SpOn.
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