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16. März 2009, 17:40 Uhr

TV-Serie "Fringe"

LSD-Rausch fürs Vaterland

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Fernsehen als Trip: TV-Visionär J.J. Abrams präsentiert nach "Lost" und "Alias" eine Serie, in der eine FBI-Agentin eine Verschwörung aufdecken soll. Ihr Helfer ist ein moderner Frankenstein - der sie auf irre Reisen in die Welt der Grenzwissenschaften schickt.

Wenn es nach dem US-Fernsehproduzenten J.J. Abrams geht, ist es um die menschliche Selbstbestimmung nicht gut bestellt. Wie Versuchstiere jagt er seine Figuren durch seine ausladenden Serien, in denen sich hinter kurzen, prägnanten Titeln wie "Alias" oder "Lost" labyrinthische Erzählsysteme auftun. Die Welt ist eine einzige große Versuchsanstalt, die Menschen sind ihr hilflos ausgelieferte Laborratten. Man hechelt hier durchs Leben, und hat man sich dann endlich mal einen Sinnzusammenhang konstruiert, fällt er im nächsten Moment auch schon wieder zusammen.

"Fringe" lautet der Titel von Abrams' neuem Fernsehexperiment, und es beginnt wieder mal mit einer Horrorlandung: Dank Autopilot konnte Flug 627 vom Bodenpersonal des Logan International Airport Boston heil auf die Landebahn runtergeholt werden. Von Passagieren und Mannschaft in der Maschine aber sind nur noch mit Glibber überzogene Skelette übrig. Die Maskenbildner haben sich für die mit schreckhaft aufgerissenem Kiefer an den Sitzen klammernden Knochenreste offenbar von Munchs "Schrei" inspirieren lassen.

Wie "Lost", jene Survivor-Mystery-Show mit Südseeflair, beginnt also auch diese von Serienjunkies sehnlich erwartete Produktion mit einem Landemanöver alter Horrorschule. Doch diesmal gibt es keine Überlebenden. Das Rätsel müssen andere klären.

Eine Sondereinheit des FBI nimmt sich des Falles an. Mit Hilfe des Patriot Acts werden die üblichen Untersuchungen eingeleitet. Schließlich muss es sich um einen Anschlag mit einer neuen Art von Massenvernichtungswaffe handeln. Dass der Flug aus Hamburg, Germany kam, lässt Düsteres erahnen, planten hier doch Mohammed Atta und seine Komplizen die Attentate des 11. September 2001.

Doch der Verdacht einer islamistischen Bedrohung hat sich bald erledigt. Die Spur führt direkt ins Herzland von Corporate America. Agentin Olivia Dunham (Anna Torv), die den Fall mit besonderer Inbrunst recherchiert, klopft bald an die riesigen Pforten eines Konzerns namens Massive Dynamic, der irgendwo im einträglichen Grenzbereich zwischen Pharmazie und Waffentechnik zu agieren scheint.

Zweifelhafte Selbstversuche

So legen Produzent Abrams und seine beiden Chefautoren Alex Kurtzman und Roberto Orci, mit denen er auch schon für "Alias" und seinen "Star Trek"-Film zusammengearbeitet hat, den Grundstein für ein unübersichtliches Verschwörungsszenario. Die Bedrohung erwächst hier aus dem Land und seiner außer Rand und Band geratenen Industrie. Rechtstaatliche Instanzen scheinen machtlos.

Da verwundert es nicht, dass Special Agent Dunham sich bald mit einer selbst zusammengetrommelten Truppe selbständig macht, für die eigentlich kein Vorgesetzter Forschungsgelder locker machen würde: Aus einer Nervenheilanstalt lässt sie ein nervös zuckendes Wrack namens Walter Bishop (John Noble) überführen, um mit ihm in einem Kellerlabor der altehrwürdigen Harvard-Universität zweifelhafte Selbstversuche anzustellen.

Dr. Bishop ist das, was man einen Parawissenschaftler nennt: Im Bereich der Telepathie ist er ebenso zu Hause wie bei der Erweckung von Toten zu neuem Leben. Dass er 17 Jahre in der Geschlossenen saß, macht ihn nicht eben vertrauenswürdiger. Zu Versuchszwecken lässt sich der Wissenschaftler eine Kuh in den Keller stellen, denn das Tier besitze eine dem Menschen ziemlich ähnliche DNA, und was dieses liebe Vieh aushält, könne also auch einen Homo sapiens nicht töten.

Bald zischt und brodelt es im Gruselkabinett des Dr. Bishop, und wie einst LSD-Erfinder Albert Hofmann kocht er in seinem staatlichen finanzierten Laboratorium auch die eine oder andere bewusstseinserweiternde Substanz zusammen. Agentin Dunham wird dabei die liebste Laborratte dieses Victor Frankenstein des Genforschungszeitalters.

Plausibel ist hier erst mal gar nichts

"Fringe" operiert also genau an der Schnittstelle von Gothic Novel und Politthriller. Der Titel bezieht sich auf die fringe science, auf die Grenzwissenschaften. Unheilvolle Menschenversuche treffen hier auf noch viel schlimmeres Machtstreben. Als Allegorie auf eine Industrienation, die zwecks Expansion sämtliche ethische Schranken hinter sich lässt, taugt die Serie trotzdem nur bedingt. Plausibel ist hier erst mal gar nichts, jeder mögliche politische Ansatz versinkt in praller Pulp fiction - wobei diese auf technisch höchstem Niveau vorangetrieben wird. Grandios, wie zum Beispiel Ortsangaben als gespenstische Hologramme über den Bildern schweben.

Doch so virtuos Abrams und sein Team die herkömmliche TV-Ästhetik weiten und mit zeitaktuellen Bezügen spielen - im Grunde genommen sind sie sehr herkömmliche Erzähler. Denn je weiter sie bei "Fringe" mit jeder Folge ausholen, je unübersichtlicher sich die Verschwörung verästelt und je abstruser die parawissenschaftlichen Abenteuer von Agent Durnham und ihrem Frankenstein werden - desto tiefer steigt der Zuschauer mit der FBI-Frau in deren wüste und verwinkelte Biografie hinab.

Wie einst die Heldin von "Alias", diesem als Agententhriller getarnten Familiendrama, führt auch jeder zum Gemeinwohl eingeschmissene LSD-Trip von Special Agent Dunham zurück in ihre eigene Geschichte. Mit welcher Anteilnahme das Fernsehpublikum in den USA die Selbstfindung der FBI-Frau verfolgt, kann man an den hohen Quoten und den wild wuchernden Internet-Blogs ablesen.

Denn auch davon handeln ja die grausam unübersichtlichen Versuchsanordnungen des Fernsehexperimentator J.J. Abrams: Wie die getriebenen Figuren zu sich selber zu finden versuchen. Wie die Laborratten um ihr Menschsein kämpfen.


"Fringe - Grenzfälle des FBI", montags 20.15 Uhr, ProSieben

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