TV-Serie "Sleeper Cell" Terrorkämpfer beim Barbecue

Der Heilige Krieg tobt zwischen Baseballtraining und Grillparty: Die US-Serie "Sleeper Cell", jetzt auch in Deutschland zu sehen, zeigt islamische Terroristen, die sich scheinbar perfekt in die westliche Gesellschaft eingefügt haben. Das ist spannend, komplex - und ziemlich beunruhigend.

Eins vorweg: Falafelbüdchen und Moscheen, bärtige Araber und verschleierte Frauen sucht man in dieser Serie vergeblich. Zur Gründung einer islamistischen Terrorzelle in Los Angeles hat sich stattdessen in "Sleeper Cell" ein multikultureller Haufen zusammengefunden.

Da ist zum Beispiel ein bosnischer Mathelehrer, der auf HipHop steht. Oder ein hübscher französischer Busfahrer, der auf seinen Sightseeing-Touren durch Los Angeles europäische Touristinnen anflirtet. Oder ein blonder Bilderbuchamerikaner und Bowling-Fan, der am liebsten jüdisches Fastfood verdrückt.

Teuflische Glaubensfragen

Eine Serie über den Dschihad, in dem kaum Saudis und Syrer, kaum Pakistaner und Iraker mitspielen: Geht das? Das geht nicht nur – das muss wohl so sein, wenn man seine Geschichte um die These herum baut, dass der islamistische Terror längst in der Mitte der westlichen Gesellschaft Unterstützung gefunden hat. John Doe im Heiligen Krieg – so könnte das Motto dieser höchst komplex angelegten Serie lauten, die zugleich als Paranoiathriller und als US-Gesellschaftsabbild funktioniert.

Schon die beiden Hauptfiguren beweisen, wie brüchig ethnische und religiöse Codes geworden sind. Auf der einen Seite haben wir den Strippenzieher der Schläferzelle, einen Araber namens Farik (Oded Fehr), der in Los Angeles unter jüdischer Scheinidentität ein Sicherheitsunternehmen leitet – und auf der anderen den muslimischen schwarzen FBI-Agenten Al-Sayeed (Michael Ealy, "Never Die Alone"), der als angeblich radikalisierter Nation-of-Islam-Aktivist in die Terrorgruppe eingeschleust wird.

In dieser schizophrenen Konstruktion liegt das aufreibende Drama, das in der ersten Staffel geschickt auf zehn Folgen aufgefächert wird: "Diese Leute haben nichts gemein mit meinem Glauben", sagt V-Mann Al-Sayeed gleich in der ersten Folge seinem FBI-Vorgesetzten. Und doch ist es eben seine streng gelebte Religiosität, die ihn zum perfekten verdeckten Ermittler innerhalb der islamistischen Szene macht. Al-Sayeed kann den Fundis in theologischen Fragen Paroli geben, in Sachen Koran macht ihm keiner etwas vor.

Aber wie soll der muslimische Agent der Homeland Security mit den Verbrechen umgehen, die von den Kämpfern in der "Sleeper Cell" im Namen seines Glaubens begangen werden? Wie soll er die Steinigung eines Kombattanten hinnehmen, der sich als unzuverlässig erwiesen hat? Und wie kann er auch nur zum Schein die mexikanischen Kinderbordelle ertragen, aus deren Einnahmen zum Teil die Terrorplanungen finanziert werden?

Der Bart ist ab

Penibel zeichnen die beiden Chefautoren Ethan Reiff und Cyrus Voris in "Sleeper Cell" die Verkehrswege und Umschlagplätze des islamistischen Terrors nach – und zeigen dabei, dass deren Zerschlagung kaum mit "ethnic profiling", also mit der kriminalistischen Katalogisierung nach Herkunftsmerkmalen, gelingen dürfte.

Den bärtigen Mudschahidin sucht man in dieser hoch gerüsteten und kompliziert vernetzten Terroreinheit umsonst. Zu unterschiedlich ist die kulturelle Identität der sogenannten Gotteskrieger, zu unterschiedlich ihre Motivation.

Das ist ein zusätzliches Dilemma für den Agenten Al-Sayeed: Bei aller mörderischen Gewaltbereitschaft der von ihm ausspionierten Terroristen erwachsen im Kontakt mit ihnen aberwitzige Verbindlichkeiten.

Kaltschnäuzig kann zwar jeder von ihnen die effizientesten Anschlagsmöglichkeiten samt potentiellen Opferzahlen aufzählen, doch irgendwie verlieren sie - trotz trocken artikulierter Vernichtungswut - nach und nach ihre bestialische Aura.

Der rappende Bosnier, so stellt sich bald heraus, wurde zum Beispiel radikalisiert, als seine gesamte Familie während des Jugoslawien-Krieges von Serben ermordet wurde. Der blonde Ami-Bub indes stemmt sich mit dem fundamentalistischen Regelwerk gegen seine liberale Mutter, eine Universitätsprofessorin aus San Francisco. In einer späteren Folge geht es dann um einen jungen Afghanen, der erst durch seinen Aufenthalt in Guantanamo zum terrorbereiten Fundamentalisten mutierte.

In welchem Maße also wurde die religiös motivierte Gewalt von außerhalb ins Land gebracht – und in welchem Maße wurde sie vom amerikanischen "War against Terror" gar noch verstärkt? Die erste Staffel von "Sleeper Cell", die RTL II mit einiger Verspätung ausstrahlt, wurde schon von 2004 auf 2005 konzipiert, also auf halber Strecke zwischen dem 11. September und heute. 2008 hat auch der patriotischste Amerikaner seine Zweifel an Bushs Anti-Terror-Krieg.

Erstaunlich zeitgemäß wirkt also dieses Verschwörungsszenario, das bedrohlich die Auswüchse religiöser Gewaltbereitschaft nachzeichnet, ohne auch nur einmal den Pauschalverdächtigungen von Islamhassern zu folgen. Der Heilige Krieg, hier tobt er zwischen Baseballtraining und Barbecue-Party.


"Sleeper Cell", heute und morgen 20.15 Uhr, danach mittwochs 20.15 Uhr, RTL II

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