TV-Spektakel "Big Brother" Der Körper als letzte Kampfzone

Es ist kalt geworden in Deutschland, jeder muss zusehen, wo er bleibt: Zehn Kandidaten bleiben nun für ein Jahr im Wohncontainer der fünften "Big Brother"-Staffel. Sie sollen sich im Klassenkampf beweisen und sich dabei möglichst oft entblößen. Gestern Abend zeigte RTL2 den Einzug der TV-Gladiatoren.


"Big Brother"-Kandidatin Sandra: "Ich habe kein Problem, mich nackt zu zeigen"
DDP/ Endemol

"Big Brother"-Kandidatin Sandra: "Ich habe kein Problem, mich nackt zu zeigen"

Eines muss man den geübten Container-Baumeistern und begnadeten Quotengrabschern von RTL lassen: Sie haben ein Händchen für den Zeitgeist - und sie haben keine Hemmungen, ihn konsequent, live und lebensecht umzusetzen.

So startete gestern Abend die 5. Staffel der "Big-Brother"-Show (RTL 2) exakt zur gleichen Zeit, da Angela Merkel, Edmund Stoiber und Guido Westerwelle in dessen Berliner Privatwohnung, von der Außenwelt vollständig abgekapselt, zusammensaßen, um den nächsten Bundespräsidenten auszuwürfeln. "Das ganze Leben ist ein Quiz, und wir sind nur die Kandidaten", sang einst Hape Kerkeling. Diese bittere Wahrheit bekommt nun auch Wolfgang Schäuble zu spüren.

Moderatorin Moschner: "Ruft nicht die Zeitungen an, sondern uns!"
DPA

Moderatorin Moschner: "Ruft nicht die Zeitungen an, sondern uns!"

Doch die "Mutter aller Reality-Shows" setzte, logisch, noch eins drauf. Als die neue Moderatorin Ruth Moschner, eine Kreuzung aus leicht übergewichtigem Gebiss-Model und einer etwas überdrehten Verkäuferin in der Parfümabteilung von Karstadt, zur rhetorischen Trompete griff, konnten Millionen Deutsche genüsslich ihr zweites Bierchen aufmachen: "Das Original ist härter, spektakulärer und länger" versprach sie der versammelten Voyeursgemeinde mit lasziv gedehntem äää. Lääänger! Noch lääänger. Au ja.

Tatsächlich zog sich die Einzelvorstellung der neun Kandidaten arg in die Länge, doch dafür wurden die "BB"-Watcher sogleich im Übermaß entschädigt. "BB" 5, das wurde rasch klar, ist eine rabenstramme Dreiklassengesellschaft. "Reich", "Normal" und "Survivor" heißen die von einander strikt getrennten Wohnbereiche - und das Schönste dabei: Gitterstäbe wie im Gefängnis trennen die Insassen. Ein sozialer Austausch findet nicht statt, es sei denn, dem einen oder anderen gelänge es, durch harte Auslese im Existenzkampf ("Match", "Challenge") vom "Survivor" zum "Reichen" aufzusteigen. Allerdings ist auch der umgekehrte Weg eingeplant - ein derzeit brisantes Thema in großen Teilen der Gesellschaft.

"Big Brother"-Wohnzimmer: Darwin wird zur obersten Maxime
DDP

"Big Brother"-Wohnzimmer: Darwin wird zur obersten Maxime

Es ist großartig, wie subtil und feinfühlig hier die Programmmacher bereits auf die Agenda 2010, Pisa 1, Hartz 1, 2, 3, 4 und 5 sowie Gerster 1, Ackermann 2 und Esser 5 - 10 reagiert haben. Die Botschaft ist unmissverständlich: Es ist kalt geworden in Deutschland, und jeder muss schauen, wo er bleibt. Charles Darwins "Survival of the fittest" ist hier zur obersten Maxime geworden, und so könnte es passieren, dass ein unglücklicher Kandidat über die Dauer eines kompletten Jahres (so lange sendet "BB" 5, ab heute jeden Abend von 19 bis 20 Uhr) in jenem drittklassigen Bereich überleben müsste, der praktisch in der frischen Luft liegt und den Komfort eines gehobenen Pfadfinderlagers bietet. Nur die Aussicht auf den - noch eiskalten - Pool würde hier die Erinnerung an bessere Zeiten wach halten.

Sascha, 26, Model und der Typ des cool verstrubbelten Atlantik-Surfers, schien all das nicht zu schrecken. Der weitgereiste Luxusbengel will sowieso "seine Grenzen kennenlernen" und lässt dafür schon mal seine italienische Freundin ein Jahr lang schmoren. Er hatte Schwein und wurde fürs Erste in der Abteilung "Reiche" eingeschlossen. "Mein Leben war immer ein 'Big Brother'", berichtete dagegen stolz Stylistin Silvia, 34, aus Heilbronn im rückenfreien Outfit. In der Schule muss sie da etwas missverstanden haben. "Big Brother" heißt für sie Party machen mit netten Leuten, deren Make-up verbesserungsfähig ist. Aber egal. Sie kam in die Haftzelle für "Normale".

Kandidat Achim: Millionenschwerer Selfmademan
DDP/ Endemol

Kandidat Achim: Millionenschwerer Selfmademan

Klar auch, dass Michael, 34, arbeitslos, aber mit ganzen Tattoo-Landschaften bestückt, von Außenmoderator Oli P. ins "Survivor"-Camp geleitet wurde, wo er sogleich den Schlafsack auspackte und den Bestand an Kernseife und Feuerholz sondierte. Und dann stöckelte Kader, 28, herein, Miss Penthouse '99, augenscheinlich mit Silikonbrüsten und aufgespritzten Lippen ausgestattet, aber ohne Mann.

Jetzt trifft sie erst mal auf Surfer-Sascha und sucht die "Herausforderung" im Bezirk für "Reiche". Als einzige scheint sie nachhaltig schockiert angesichts der hohen Gitterstäbe, die auch ihren einjährigen Gefängnisaufenthalt allzu sinnlich vorausahnen lassen. Immerhin steht die Flasche "Veuve Cliquot" zur ersten Linderung bereit, während Jerry, 23, Industriemechaniker aus Stuttgart, mit schwäbischem Optimismus ins Haus zieht, in den "Mikrokosmos unserer Gesellschaft", wie Moderatorin Moschner soziologisch präzise und kenntnisreich formulierte.

Später wird sie die Zuschauer eifrig zur Denunziation auffordern: "Wenn Sie irgendetwas über einen der Kandidaten wissen, was wir nicht wissen, rufen Sie nicht die Zeitungen an, sondern uns!", mahnt Moschner am Ende der Sendung.

Kandidatin Kader: Nachhaltig schockiert
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Kandidatin Kader: Nachhaltig schockiert

"Ich habe kein Problem, mich nackt zu zeigen", schwört indes die strippende Tabledancerin Sandra, 22, und artikuliert dabei das zweite "BB"-5-Motto neben dem der sozialen Auslese. Es heißt: Mach Dich nackig! Zeige Dein Fleisch wie ich Dir zeige mein Fleisch, so wahr mir die Sonnenbank helfe! Der Körper als letzte Kampfzone.

Für die Freuden des sich Nackigmachens lässt Sandra gerne auch ihr zweijähriges Kind ein Jahr bei den Großeltern. Maliziös versprach sie schon eine erste Privatvorstellung ihrer Entkleidungskünste fürs Warm-up und gewährte den Fernsehzuschauern einen ersten Blick auf ihren Megamini-String-Tanga, den eine der unzähligen Kameras mit feiner Körnung und pobackengerecht ins Bild setzte. Da kommt noch was auf uns zu.

Die Rolle des Mega-Fieslings wurde mit Achim, 39, aus dem hessischen Rödermark kongenial besetzt. "Es gibt nichts auf der Welt, was ich nicht schaffe", blafft der offenkundig millionenschwere Selfmademan in die Kamera, der sich im zarten Alter von 21 Jahren angeblich sein erstes Haus baute und eins genau weiß: "Im Haus kriegst Du bei mir keine zweite Chance!" Gleichgültig, wen er damit meinte: Achim wird entweder siegen und die Million Euro Preisgeld einstreichen, alle anderen versklaven oder einer blutigen Gefängnisrevolte zum Opfer fallen.

Die 24-jährige Promoterin Franziska, die auch keine Probleme hat, "mal die Hose runterzulassen", und der 29-jährige, unterlippengepiercte Späthippie Sascha aus einer sozialen Einöde namens Eberbach komplettierten den Mikrokosmos des neuen Deutschland, der wie eine trashige Reprise der siebziger Jahre wirkt. Damals hatte das Programm einen schönen Namen: "Sex und Klassenkampf". Na dann legt mal los.



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