Georg Diez

TV-Talkshows Zurück in die Zukunft

Die TV-Talkshows stecken in der Krise - und spiegeln damit die Probleme der politischen Debatte. Zeit für neue Ideen und neue Formate in den feierabendlichen Sprechstunden.
ARD-Talksendung Maischberger am 12.07.2017

ARD-Talksendung Maischberger am 12.07.2017

Foto: WDR/Melanie Grande

Jetzt, wo die Redaktionen der großen deutschen Talkshows bald in die Sommerpause gehen und sich auf die Schultern klopfen können für das, was sie in den vergangenen drei Jahren geleistet haben - den Rechtsruck herbeigetalkt, die Spaltungen in der Gesellschaft vertieft, das AfD-Reden im Alarmmodus reproduziert - sollte man mal überlegen, wie es danach weitergeht. Denn das Beste wäre, wenn es nicht ein Jahr Pause gäbe, sondern das Alte beendet und etwas Neues begonnen würde.

Schluss also mit Anne Will, Maybrit Illner, Sandra Maischberger und Frank Plasberg. Wobei vor allem die letzten beiden in der vergangenen Woche wieder gezeigt haben, wie Ängste für sie vor allem dazu da sind, Quote zu machen. Wie der Islam als mediale Waffe genutzt wird, um Feindbilder zu schaffen. Wie Geflüchtete pauschal abgeurteilt werden im deutschen Talk-Tribunal, wo meistens gestritten wird, ohne dass man sich zuhört, und am Ende niemand klüger ist als zuvor, aber natürlich alle Recht haben.

Format aus den Neunzigern - aus einer anderen Welt

Die Probleme der Talkshows sind vielfältig. Es beginnt damit, dass es ein Format ist aus den Tiefen der Neunzigerjahre, als die Welt noch eine andere war. Die repräsentative Demokratie war "the only game in town". Und so verstand es sich von selbst, dass man diejenigen in die Sendung einlud, die auch ihre politische Karriere vor allem darauf aufgebaut hatten, dass sie viel redeten und wenig zuhörten. Auf die Krise der repräsentativen Demokratie im 21. Jahrhundert reagierten diese Sendungen, indem sie sie ignorierten.

Sie sind damit Spiegelbild des Fernsehens generell, das ja auch so tut, als sei es ewig 1990. Eine Generation von Redakteuren und Moderatoren schaukelt da gemeinsam gemütlich durch die Weltgeschichte und will nicht sehen, wie inzestuös die politische und die mediale Krise miteinander verbunden sind.

Da ist zum einen die eher theoretische Krise: Wie soll eine Demokratie, die auf Diskurs gebaut ist und auf das Vertrauen, dass dieser Diskurs rational geführt wird, Stichwort Jürgen Habermas, mit der Tatsache umgehen, dass auf einmal Feinde der Demokratie in den Parlamenten und in den Talkshows sitzen, deren Hauptinteresse es ist, genau diesen Diskurs, diese Parlamente, diese Talkshows zu zerstören? Gleichzeitig traut man sich selbst nicht, ganz diskurs-ethisch, Feinde Feinde zu nennen und auch so zu behandeln.

Die Frage also, ob man mit Rechten reden soll, stellt sich gar nicht mehr, wenn die meisten eh schon wie Rechte reden . Jedenfalls die, die in den Talkshows sitzen oder eben eingeladen werden, um das Overton-Window dessen, was gesellschaftlich gesagt werden darf, in einen Krater zu verwandeln. Vogelschiss-Gauland könnte da eine Wende bedeuten. Er soll erst einmal nicht wieder eingeladen werden. Die Ächtung eines Bürgers ist ja tatsächlich eine seit Aristoteles klassische demokratische Praxis und Grundlage einer wehrhaften Demokratie, die ihre Prinzipien verteidigen kann und will.

Eingeladen sind die ewig gleichen Chef-Schwadroneure

Womit wir beim zweiten Problem der politisch-medialen Krise sind: das Personal. Wer stets die ewig gleichen Chef-Schwadroneure einlädt, reduziert Politik auf Politiker und Parteien und einen krawalligen Blick auf die Welt. Er entpolitisiert damit die Gesellschaft, die keine Lust mehr hat, Politik ständig zu delegieren. Und er entmündigt letztlich die Bürger, die nur als Zuschauer und Steuerzahler geduldet sind, aber keine Mitsprache haben, was Themen, Gäste, Argumente angeht.

Im digitalen Zeitalter, und das ist das dritte Problem, ist das fatal. Die digitale Logik hat den Einzelnen emanzipiert. Das spüren die Menschen, das ändert ziemlich viel - für die organisierte Politik, die sich bislang diesem Druck weitgehend verschließt, genauso wie für die etablierten Medien, die so tun, als seien sie diejenigen, die darüber entscheiden, was und wie diskutiert wird. Die Talkshows mit ihrem übersteigerten Diskurs-Anspruch und ihrer destruktiven Gesprächspraxis sind hierfür besonders gute Beispiele.

Wie also könnte es anders gehen? Es wäre schon einmal viel gewonnen, wenn das Internet als Realität akzeptiert werden würde, politisch wie medial. Das hat aber direkte Konsequenzen. Es würde bedeuten, andere Leute einzuladen als nur Berufspolitiker, weil sie nur in einem bestimmten Bereich die Gesellschaft repräsentieren. Es würde bedeuten, eine andere Generation zu sehen, mit anderen Werten und anderen Themen, denen weniger daran gelegen ist, im Streit vor allem Rechthaberei zu erzeugen, sondern mehr Wahrheit und Erkenntnis.

Wie geht Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert, wie geht Nachhaltigkeit?

Wie also geht Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert, nachhaltiges Wachstum, ein anderer Kapitalismus, das Leben mit der Klimakatastrophe? Eben all die Themen, die nicht nur, aber speziell die Jungen interessieren, die auch hier, bei den Talkshows, weitgehend vom gesellschaftlichen Gespräch ausgeschlossen sind. Und was wären andere Formate als die ewigen Fünfer-Runden, in denen es auch mal um Einigung gehen könnte und nicht nur Streit, in denen Menschen wirklich interessiert sind an dem, was die anderen sagen, und nicht nur ihre eigenen Punkte machen wollen?

Das alles würde bedeuten, dass man auch andere Formate erfindet, die sich etwa am Townhall Meeting orientieren, wo die Bürger zu Wort kommen und es um ganz konkrete Fragen geht. Oder am Hackaton, wo Menschen aus verschiedene Bereichen gemeinsam an der Lösung von gesellschaftlichen Problemen arbeiten. Oder, wenn es diskursiv sein soll, etwa das Vorbild Intelligence Squared nehmen, wo die Argumente direkt und pur vorgetragen werden und das bessere Argument vom Publikum gewählt wird. Verbindend ist all diesen Formaten, und es gibt noch viele mehr, dass sie wegkommen von der Repräsentationslogik des 20. Jahrhunderts.

Es gibt eben eine Sehnsucht nach Ernsthaftigkeit und Engagement, die sich nicht spiegelt in den bisherigen Talk-Formaten. Es fehlen die Orte, an denen gesellschaftliche Verständigung anders möglich ist als in Form einer Abwehrschlacht gegen rechte Vorurteile. Die mediale Verengung der Gegenwart auf die Themen Islam, Islamismus, Terror, Flucht, Integration, Leitkultur produziert nicht nur rechte Wahlsiege. Sie schließt eben auch weite Teile der Bevölkerung aus, die sich nicht mehr repräsentiert fühlen von dieser Talk-Republik und sich abwenden. Und das sind nicht die Wähler der AfD.

Der Egoismus also - persönlich, national, "wir" gegen "die" -, den die großen Talkshows schon in der Euro-Krise gefördert haben, verbunden mit der berufsbedingten Kälte, dem strukturellen Rassismus und der Schneidigkeit der Argumente haben eine gesellschaftliche Atmosphäre geschaffen, in der die "Bild" immer noch ein menschenverachtendes Medium ist - nur mittlerweile umgeben von einem medialen Hallraum, der Menschenverachtung feierabendlich normalisiert hat.