Design-Ausstellung in Köln Die deutsche Mülltonne

Im Kölner Museum für Angewandte Kunst hinterfragt Designer Rolf Sachs mit Gartenzwergen, Aquarien und Gasthausstühlen typisch deutsche Tugenden: Ein kreativer Beitrag zur Internationalen Möbelmesse.

Vor dem Eingang des Kölner Museums für Angewandte Kunst stehen sechs bunte Mülltonnen. Für die Müllabfuhr sind sie nicht gedacht, denn auf den Tonnen steht nicht "Papier und Pappe" oder "Wertstoffe", sondern zum Beispiel "Schadenfreude", "Taktlosigkeit", "Intoleranz", "Spießigkeit", "Sturheit" oder "Neid" - alles also, was wirklich in den Müll gehört.

In die Tonne geklopft hat das der ausstellende Designer Rolf Sachs, ältester Sohn von Gunter Sachs, dessen Ausstellung "Typisch deutsch?" ab diesem Dienstag im Museum für Angewandte Kunst zu sehen ist. Sachs will sich den übergeordneten, vermeintlich deutschen Werten mittels einfacher Dinge des alltäglichen Gebrauchs zuwenden. Sind die preußischen Tugenden wie Pünktlichkeit, Präzision, Pflichtbewusstsein oder Begriffe wie Geselligkeit, Romantik und Sehnsucht heute immer noch Teil deutscher Identität - oder doch nur mehr eine effiziente Arbeitsmoral mit hohem Wettbewerbsvorteil? Das ist die Frage, die sich hier aufdrängt.

In der Tat spiegelt Sachs' erste große Einzelausstellung in einem deutschen Museum einen kreativen Unternehmer- und Erfindergeist wider, für den seine Industriellenfamilie steht - wenn auch unter ganz eigenen künstlerischen Vorzeichen. Denn die Kunst-und Design-Produkte, die Sachs kreiert, haben etwas pragmatisch Symbolhaftes, sie sind so etwas wie erfindungsreiche Anschauungsapparate und originelle Reflexionsobjekte - eben darüber, was deutsche Werte heute noch ausmachen, was Pünktlichkeit, Fleiß und Sorgfalt in einer multikulturellen, globalisierten Gesellschaft noch verrichten können.

Gasthausstühle mit herzigen Lehnen

"Ich empfinde mich als eine internationale Person und lebe seit 1994 in London. Aufgewachsen bin ich als Deutschfranzose in der Schweiz, und je älter ich werde, desto mehr wird mir bewusst, dass meine Wurzeln deutsch sind und meine Arbeiten durch diese Vergangenheit geprägt werden", sagt Sachs über den persönlichen Hintergrund seiner Ausstellung. "Da ich in London lebe, spüre ich seit einiger Zeit, wie sich die Stimmung zu und das Ansehen von Deutschland im Ausland zum Besseren gewendet haben." Deutschland müsse sich mal "den Krawattenknoten lockern", hat Sachs vor kurzem in einem Interview gesagt. Und das tut er dann auch als künstlerischer Mentalitätsexperte überaus vorbildlich in seiner Kölner Ausstellung mit viel Humor und Ironie.

Zum Beispiel mit seinen sechs bunten Mülltonnen, die deutsche Gründlichkeit und Pflichtbewusstsein mit einem ausgeklügelten und differenzierten urbanen "Entsorgungssystem" an der Schnittstelle von privatem Konsum und kollektiver Verpflichtung markieren. Oder mit den Gasthausstühlen mit herzigen Lehnen, die als Archetypen für regionales Brauchtum stehen. Sachs hat Schützenvereine gebeten, die herzförmigen Aussparungen in der Rückenfläche zum besseren Greifen einfach herauszuschießen und stellt die Ergebnisse der nur bedingt treffsicheren Schützen aus.

Sachs zeigt aber auch blaue Tinte, die in ein Aquarium tropft, pittoresk verfließt und sich verliert. So ziehen die romantischen Gedanken sehnsüchtig davon. Und die funktionale und leichtgewichtige Bierbankgarnitur, Synonym deutscher Geselligkeit, hat Sachs in Bronze gegossen mitsamt den vorhandenen Gebrauchsspuren. So archiviert die Materialtransformation das subjektive Moment im Objekt.

Schublade auf und Stempel drauf

Zum Glück hat Sachs offenbar selbst ein ironisches Verhältnis zu dem, was deutsche Werte bedeuten. So macht er sie sich selbst zur Methode und handelt einen nach dem anderen ordentlich ab. Ob nun deren klischeehafte Reproduktion - auch heute noch - wirklich den Kern trifft, ist eine Frage. Aber ihre Schattenseiten immer noch präsent zu halten, ist eine andere, vielleicht noch dringlichere Angelegenheit.

Doch einen klassisch deutschen Wert lässt Sachs seltsamerweise komplett außer Acht - dabei ist er selbst ihm doch am meisten verpflichtet: künstlerischer, wissenschaftlicher und intellektueller Erfindungsgeist, heute schlicht und einfach Kreativität genannt. Deutschland als das Land der Dichter und Denker - und heute auch der Designer und Künstler.


"Rolf Sachs, typisch deutsch?". Museum für Angewandte Kunst,  Köln, 14.1.-21.4.,;
Internationale Möbelmesse IMM Cologne,  Publikumstage 17.-19.1. und Passagen,  Interior Design Week.

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