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Fotografie: U-Bahn-Zauber

Foto: Nick Frank

U-Bahn-Fotos Wellness in der Käseglocke

Ach, so schick und sauber können die sein? Nick Frank fotografiert für die Bilderserie "Subways" U-Bahnhöfe, die bei ihm aussehen wie "Star Trek"-Kulissen. Im Interview verrät er, wo die Bahn wirklich mit der Zahnbürste geputzt wird - und warum sie in Berlin viel öder ist als in München.

SPIEGEL ONLINE: Herr Frank, Sie haben gerade in Dubai U-Bahnhöfe fotografiert. Ich wusste nicht einmal, dass es dort eine U-Bahn gibt.

Frank: Keine im klassischen Sinn, zum Großteil verläuft die Metro überirdisch. Der Zugang zu den Stationen ist dennoch gleich, die Rolltreppen sehen gleich aus, die Beschilderung ist gleich, die Automaten stehen an der gleichen Position, alles ist klinisch weiß. Wenn man da seinen Kaugummi fallen lässt, kann man sicher sein, dass der nach drei Sekunden aufgehoben wird. Da rennen tatsächlich Leute rum, die mit der Zahnbürste die Fugen putzen. Kein Witz.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland sind viele U-Bahnhöfe überfüllt, vermüllt und stinken. Ihre Fotos aus München zeigen aber menschenleere und blitzsaubere Räume, die als Science-Fiction-Kulissen dienen könnten, für "2001 - Space Odyssey" oder für "Star Trek".

Frank: Das ist meine Interpretation des Ortes. Ich versuche, die Motive bis zur Essenz dessen zu reduzieren, was ich zeigen will: Formen, Farben, Strukturen, Symmetrien - die Architektur also.

SPIEGEL ONLINE: Macht dieses Formale und Gradlinige für Sie die Faszination der U-Bahn und ihrer Bahnhöfe aus?

Frank: Ja, das sehr Symmetrische hat mich immer angezogen. Und für mich ist die U-Bahn auch ein Ort der Kreativität. Ich arbeite als Art Director und dort kommt mir ein Großteil meiner Ideen. Ich kann trotz des Trubels wunderbar abschalten und nachdenken. Vermutlich geht das vielen so. Eine weitere spannende Komponente ist, dass in U-Bahnen soziale Schichten aufeinandertreffen. Dann gibt es andererseits verschiedene Zeitzonen: zwischen 6 und 7 Uhr gehört sie Servicekräften und Fabrikarbeitern, von 7 bis 8 Uhr den Schülern, von 9 bis 10 Uhr den Angestellten auf dem Weg ins Büro.

SPIEGEL ONLINE: Um die U-Bahnhöfe möglichst leer vorzufinden, haben Sie sonntagsfrüh vor 7 Uhr fotografiert. Welche Atmosphäre herrscht dann?

Frank: Wie unter einer Käseglocke, die man über den Kopf gestülpt bekommt. Es ist still, die Betriebsamkeit ist raus, alles ist entschleunigt. Hier und da liegt noch ein Partygänger oder ein Obdachloser in einer Ecke, oder ein Arbeiter dreht auf der Putzmaschine einsam seine Kreise. Das hat etwas sehr Meditatives.

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Foto: seen.by

SPIEGEL ONLINE: Zum Fotografieren bleibt Ihnen aber nicht allzu viel Zeit.

Frank: Ab 7 Uhr zieht der Betrieb wieder an, das merkt man dann sofort deutlich. Ich habe meist zehn bis 30 Minuten Zeit für die Aufnahmen mit meiner Leica S2. Die Motive plane ich im Vorfeld. Es gibt ja inzwischen Internetseiten, auf denen Privatleute alle möglichen U-Bahnhöfe genau dokumentieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Arbeit stecken Sie in die Bearbeitung der Bilder?

Frank: Das ist der intensivste Teil. Ich weiß vor Ort schon relativ genau, wie ich mir das finale Bild vorstelle: Welche Farben ich anheben, welche Kontraste ich verstärken will. Für ein Foto investiere ich im Schnitt sechs bis acht Stunden, manchmal aber auch zwei Tage. Das hängt vom Zustand der Bahnhöfe ab. In München fehlte an der Station Brudermühlstraße zum Beispiel ein großer Teil der Deckenverkleidung, die ich dann digital nachbauen musste.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn im Hintergrund mal einer durchs Bild läuft, retuschieren Sie ihn weg?

Frank: Genau, da kommt der Photoshop-Stempel zum Einsatz.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in München, Berlin, Frankfurt und Dubai U-Bahnstationen fotografiert. Über Dubai haben wir gesprochen, worin unterscheiden sich die deutschen Städte?

Frank: In München wurden ab den Achtzigern renommierte Architekten für die Gestaltung der Bahnhöfe engagiert, was das Niveau extrem gehoben hat. In Berlin stand stets die Funktion im Vordergrund. Neue Architektur gab es dort 30, 40 Jahre lang gar nicht: Die Stationen sind sehr simpel gehalten, sehr monoton, haben kaum spannende Strukturen. Lediglich die neue Linie U55, die vom Brandenburger Tor über den Bundestag zum Hauptbahnhof führt, war fotografisch interessant.

SPIEGEL ONLINE: War Frankfurt ergiebiger?

Frank: Meine Ausbeute betrug auch dort nur drei Stationen. Es gibt zwar einige neu gebaute und manche alte haben markante Elemente - und einen futuristischen Aspekt. Das heißt: extremes Weiß, extremes Schwarz, extrem lang, extrem groß, sehr viel Metall, sehr glänzend. Aber im Vergleich zu München gab auch Frankfurt wenig her.

SPIEGEL ONLINE: Sie planen, noch weitere U-Bahnhöfe zu fotografieren und haben versucht, für einen Bildband zu Ihrem Projekt "Subways" online finanzielle Unterstützung zu bekommen. Erfolgreich?

Frank: Leider nicht besonders. Für mich war es das erste Crowdfunding-Projekt. Die Resonanz auf die Fotos von der Münchner U-Bahn war wahnsinnig gut, aber auf der Spendenplattform hat es nicht funktioniert. Ich denke, es fehlte der Faktor Mensch, etwas Soziales. Die erfolgreichen Projekte dort haben zehn Mal mehr Besucher. Anscheinend haben sich die Leute auf den Portalen meine Bilder angeschaut, das hat dann aber gereicht. Sie haben nicht mehr den Link angeklickt, um das Projekt vielleicht mitzufinanzieren. Ich gebe aber nicht auf und trete jetzt mit der Buchidee direkt an Verlage heran.

SPIEGEL ONLINE: Und welche Städte sind als nächstes dran?

Frank: Stockholm und Barcelona sind geplant. Dann London, wobei mich da eher die Zugänge zu den Stationen interessieren, die ihre ganz eigene Architektur haben: Alles ist da softer, runder, verspielter. Moskau, St. Petersburg und international New York und Tokio reizen mich. Und wenn ich wahnsinnig sein darf, sage ich: Pjöngjang. Die U-Bahnhöfe sehen dort aus wie die in Moskau, aber mit morbidem DDR-Charme. Das wäre ein Traum.

Homepage von Nick Frank 

Das Interview führte Daniela Zinser für das Fotoportal seen.by
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