Udo Kier Der böse Deutsche von Hollywood

Für die Kinozuschauer ist er die Inkarnation des Bösen und der Niedertracht: Udo Kier hat Adolf Hitler, Dracula und den Teufel gespielt, hat in Filmen Blut gesaugt und Frauen vergewaltigt. Seine perfekte Verkörperung des Bösen macht ihn zum meistbeschäftigten deutschen Schauspieler Hollywoods.

Von Helmut Sorge


Ab Februar steht er in "Dogville" mit Nicole Kidman vor der Kamera - als Gangster. "Zurück in die Normalität", meint Kier, denn in etwa 125 Produktionen hat Kier zumeist diabolische Charakter dargestellt. Mit Christoph Schlingensief ist er einmal in einen verlassenen Bunker in Mülheim an der Ruhr gestiegen, und in einer Nacht und einem Tag haben sie "Die letzte Stunde im Führerbunker" nachempfunden, schwarzweiß und überdreht: Kier als alkoholisierter Hitler, der Trost im Weinkeller sucht und dann, ermutigt, weil noch besoffener, vor der Weltkarte lallt: "Die ganze Welt gehört mir". Nun, zwölf Jahre danach, hat der 57-Jährige wieder einmal Vergangenheitsbewältigung zu betreiben. In "All The Queen's Men", der voraussichtlich im Dezember in die deutschen Kinos kommt, spielt er einen dekadenten General.

Er hat zwar in Hollywood-Hits wie "Armageddon" oder "End Of Days - Nacht ohne Morgen" vor der Kamera gestanden, er ist mit Madonna im Videoclip "Erotica" aufgetreten, aber er ist nicht einer jener Stars, die unter Paparazzi leiden müssen. Seine Fans sind nicht die Massen, die sich über Marketing verführen lassen, sondern die Künstler unter den Regisseuren wie Lars von Trier, der "Frankenstein"-Regisseur und Warhol-Freund Paul Morrissey oder auch Rainer Werner Fassbinder, der die Homosexualität aus den "Closets" holte und mit Kier während der Dreharbeiten für "Lili Marleen" in einem Münchner Penthouse zusammenlebte.

Allein in diesem Jahr stehen mehr als ein halbes Dutzend Filme auf dem Verleihprogramm, in denen der Name Kier erscheint, darunter der von den Kritikern zerrissene Herzog-Film "Invincible", in dem Kier den Polizeichef von Berlin spielt, allerdings im grauen Zivil. Zwei Tage vor Drehbeginn hatte er sich geweigert, noch einmal eine Naziuniform anzuziehen. "Was sollen denn meine jüdischen Freunde über mich denken", hatte er dem Regisseur gesagt.

Deutsche sind wie Indianer

Kier, keine Frage, unterzeichnet in Hollywood häufiger Verträge als jeder andere deutsche Schauspieler. Nur - die Hauptrolle in einer aufwendigen Hollywoodproduktion ist ihm noch nie angeboten worden. Ein Deutscher, der hier Karriere macht, bis zum Weltruhm? Ohne Muskeln, nur mit schauspielerischem Talent? Kaum denkbar. Die Geschichte. Das Image. Die Erinnerung der Emigranten und ihrer Nachfahren - verdrängt, aber nicht vergessen. Deutsche sind wie Indianer - Symbole des Bösen. Oder auch nicht. Vielleicht lösen Araber nun die Germans ab. Und Kier wird Osama Bin Laden. Weil er so böse spielt, wie der andere ist. "Um einen Teufel spielen zu können", weiß Kier inzwischen, "muss man ein Engel sein."

Er hat sich ein Haus in der Wüste gegönnt, draußen in Palm Springs, und eine "kleine Hütte" in Echo Park - nicht in Malibu, nicht in Pacific Palisades oder Beverly Hills. Echo Park, eine Gegend östlich von L.A., in der die Miete schon mal mit der Pistole kassiert wird, allerdings nicht von den Vermietern, sondern von "Gang"-Mitgliedern. Häufig kreisen Polizeihubschrauber über das Viertel und lassen ihre Suchscheinwerfer über die Bambushecke des Schauspielers streichen, der seiner Nachbarschaft "Charakter" attestiert. Da Kier in seinem Haus keinen Trockner (und auch keine automatische Kaffeemaschine) installieren will, geht er an seinen freien Tagen gelegentlich in den Waschsalon, und während die Trockenschleuder rattert, plaudert Kier mit den Nachbarn, mehrheitlich Latinos. Berührungsängste hat er nicht, er konnte schon damals gleichzeitig mit Helmut Berger oder Luchino Visconti Champagner trinken und "mit einem Obdachlosen auf der Straße sitzen und Bier saufen."

"Als Embryo die ersten Psycho-Schläge"

Obgleich Kier derzeit in einem Werbespot der Biermarke "Miller Light" als Teufel herumhüpft, erkennen die Wäscher an den Münzmaschinen den Deutschen nicht - Hollywood-Typen wie Kier wohnen eben nicht in Echo Park, vor allem nicht solche, die über der Spüle in der Küche ein gerahmtes Schwarzweißfoto aufstellen, neben dem ewig eine Kerze brennt: das Porträt seiner Mutter, abgelichtet im Stil der vierziger Jahre. Die Mutter ist seine Heldin. Sie hat ihm das Leben gerettet, damals am 14. Oktober 1944 in Köln, nur eine Stunde nach seiner Geburt. Alliierte Bomben hatten die Entbindungsstation getroffen und Mutter und Kind verschüttet. Sie grub ihren Udo aus, dann rettete sie sich selbst. "Der Schock" sitzt noch immer tief, sagt Kier. Als Embryo bereits "habe ich die ersten Psycho-Schläge hinnehmen müssen".

Der Vater entpuppte sich als Schuft. Er war nicht Junggeselle, wie die Geliebte glaubte, sondern verheiratet und hatte drei Kinder. Die Gram der Mutter hatte Folgen: Sie liebte nur noch Udo. Nach ihrem Wunsch absolvierte er die kaufmännische Lehre, denn "etwas Anständiges" sollte aus dem Jungen werden, der als Teenager die engsten Hosen und die spitzesten Schuhe trug und sich das Haar mit Birkenöl oder Bryl-Creme glatt legte. Schließlich war Elvis Presley "in", der Sänger, der es wagte, mit den Hüften zu wackeln. Ermüdet vom Büroleben, stellte Kier sich bald darauf bei Ford ans Fließband. Er wollte schnell Geld verdienen, dem häuslichen Schrankbett entkommen und hinaus in die weite Welt.

Seine Kölner Bekanntschaft mit Rainer Werner Fassbinder führte ihn im Alter von 19 Jahren nach London. Auf dieser ersten Station bei der "Wanderung durch die Exzesse der dekadenten Society", geriet er durch Zufall in eine Nebenrolle, weil man für die Produktion des Films "Straße nach St. Tropez" einen dunkelhaarigen Franzosen suchte. In späteren Filmen wie dem Sex- und Gewaltstreifen "Schamlos", oder dem Sex-Horror-Produkt "Hexen bis aufs Blut gequält", dokumentierte Kier, zu welchen Charakterrollen Darsteller fähig sind, die bereits im Mutterleib psychologisch gestört wurden: Für die "Hexen" erhielten die Kinogänger gleich eine Spuck-Tüte zugesteckt, weil "ihnen zwangsläufig das Kotzen kam".

Udo Kier war ein "Enfant terrible", oder, wie die Gazetten damals notierten: "The new Face". Intensiv, durchgeknallt und mit stechenden Augen, die zwischen grün und blau zu changieren scheinen. Von Fassbinder trennte sich Kier, weil der Cineast selbst ihm "zu exzessiv" war. Kier hatte "keine Lust darauf, sich moralisch zu vernichten." Er war mit Joseph Beuys befreundet, und mit dem französischen Beau Jean Marais drehte er seine erste Fernsehserie "Joseph Balsamo".

In seinem Haus in Echo Park hängt ein Foto an der Wand, Udo Kier mit Madonna, ganz in Leder, dazu die Peitsche, ein Plakat auch zu "Andy Warhols Dracula", jenem Film von Paul Morrissey, der Kier vor drei Jahrzehnten den Durchbruch zum Bösewicht ermöglichte. In diesem Monat wird der Deutsche - der noch nie für einen Oscar, noch nicht einmal für einen "Bambi" nominiert war, im brasilianischen São Paulo anlässlich der nationalen Filmfestspiele für sein "Life Achievement" geehrt. Über die Pläne von Produzenten, tatsächlich einen Film über Osama Bin Laden zu entwickeln, hat er in der Fachpresse gelesen. Den Terroristen darzustellen, das wäre für Kier "ein Klacks." Schließlich hat er schon Hitler auferstehen lassen. Und den Teufel.



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