Über 70 Stellen gestrichen Jahreszeiten Verlag entkernt Redaktionen

Ein Radikalumbau, wie ihn selbst die gebeutelte Medienbranche noch nicht erlebt hat: Der Jahreszeiten Verlag ("Petra", "Merian") will in den Redaktionen seiner zehn Magazine alle Redakteure entlassen, die keine leitende Funktion haben. Stattdessen sollen freie Mitarbeiter Texte und Grafiken liefern.

Hamburger Jahreszeiten Verlag: Künftig Heimat von "Blattmacherteams" statt Redaktionen
Jahreszeiten Verlag

Hamburger Jahreszeiten Verlag: Künftig Heimat von "Blattmacherteams" statt Redaktionen


Hamburg - Redaktionen ohne Redakteure - so stellt sich der Hamburger Jahreszeiten Verlag die Zukunft vor. "Blattmacherteams" übernehmen die Leitung der zehn Magazine des Verlags (u.a. "Prinz", "Für Sie", "Der Feinschmecker", "Petra"), freie Mitarbeiter sollen Texte zuliefern. Ein ähnliches Modell ist auch für die Grafikabteilungen sowie für die Schlussredaktionen vorgesehen. Die Leitung der einzelnen Titel soll künftig aus Chefredakteur, Art Director, Textchef sowie den Ressortleitern und ihren Stellvertretern bestehen. Insgesamt sollen über 70 Vollzeit-Stellen wegfallen, das entspräche über 15 Prozent der bisher rund 420 Mitarbeiter. Der Verlag informierte Beschäftigte und Betriebsrat am Dienstagmorgen über die "Jahreszeiten Verlag 2010" genannten Pläne.

"Wir müssen zwei Probleme zur gleichen Zeit bewältigen: den strukturellen Wandel der Medienwelt und die anhaltende wirtschaftliche Krise", sagte der Sprecher der Geschäftsleitung Jan Klage. Bisherige Einsparmaßnahmen wie Kurzarbeit hätten den Rückgang der Umsätze nicht ausgleichen können. "Wir werden leider betriebsbedingte Kündigungen aussprechen müssen." Das Outsourcing von redaktionellen Aufgaben wie der Schlussredaktion, die die Korrektur und Gegenrecherche von Texten vornimmt, habe man bereits bei vier Titeln erfolgreich ausprobiert, hieß es im Verlag. Jetzt wolle man diese Organisationsstrukturen auf alle Zeitschriften übertragen. "Der Verlag definiert seine Rolle neu", sagte Klage. "Wir übernehmen Produktion, Marketing und Vermarktung für hoch qualifizierten Journalismus in Wort und Bild."

Das Sparprogramm soll eine Arbeitsgruppe aus Redakteuren, Geschäftsführung sowie der Unternehmensberatung Schmidt Grund und Partner entwickelt haben. Es soll bereits zur Mitte des Jahres umgesetzt werden. Ob der Betriebsrat den Plänen zustimmt, ist ungewiss. Mit ersten Gesprächen zu betriebsbedingten Kündigungen und Abfindungen soll nach Informationen von SPIEGEL ONLINE bereits am Mittwoch begonnen werden. Wahrscheinlich ist, dass Redakteuren angeboten wird, ihre bisherigen Aufgaben nun als Selbstständige zu erfüllen - allerdings zu schlechteren Konditionen und niedrigeren Honoraren. Laut Jahreszeiten Verlag wolle man zumindest das Budget für den Einsatz freier Journalisten erhöhen.

Erst am Montag wurde bekannt, dass bei der Münchner "Abendzeitung" mindestens 22 Stellen gestrichen werden sollen.



insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 23.03.2010
1. einem vom Pferd
Aber dann bestimmt wieder einen vom "Qualitätsjournalismus" daher reden, der dem Netz doch so überlegen ist...
unente, 23.03.2010
2. keine Verluste
Zitat von DJ DoenaAber dann bestimmt wieder einen vom "Qualitätsjournalismus" daher reden, der dem Netz doch so überlegen ist...
Bei "Petra", "FÜR SIE" usw.? Keine Bange, das gab es da noch nie.
ocinator 23.03.2010
3. neu
Das ist tatsächlich eine - mir persönlich - neue Dimension. Alle Redakteure bis auf die Leitenden? Jesus Christ.
Newspeak, 23.03.2010
4. ...
Zitat von DJ DoenaAber dann bestimmt wieder einen vom "Qualitätsjournalismus" daher reden, der dem Netz doch so überlegen ist...
Irgendwann wird man hoffentlich einsehen, daß man investieren muß, auch in seine Mitarbeiter, wenn man wirtschaftlichen Erfolg haben will. Hungerlöhne zahlen, miese Produkte herstellen und Kundenservice abzubauen (oder gar Kundenbeschimpfung wie bei der Musikindustrie) führt eben einfach (und zu Recht) in die Versenkung. Man kann sich halt nicht ewig auf früheren Erfolgen und früherer Marktmacht ausruhen und glauben, man besäße eine Firma vor allem als Lizenz zum Geldabgreifen und für "leistungslosen Wohlstand" und "spätrömische Dekadenz". Letzteres zumindest war schon vor einigen Jahren ein Kennzeichen eines großen Teils der Medienindustrie. Zum Glück ändert das Internet auch das mal.
caligerman 23.03.2010
5. Mitarbeiter die leitende Funktion haben müssen entlassen werden
Typisch. Man müsste doch die entlassen, die leitende Funktionen haben. Schliesslich sind sie doch dafür verantwortlich, dass die Sache nicht gut läuft. Einfach pervers.
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