Langeweile in der Provinz Nichts tun, alles hassen

Keine Arbeit, kein Geld, kein Sommer: Wer in kleineren oder mittleren Orten aufwächst, kennt den Moment, in dem Langeweile körperlich wird. Er ist die Keimzelle von Hass - und muss deshalb bekämpft werden.

Ludwigslust, Mecklenburg-Vorpommern
Jens Büttner/ DPA

Ludwigslust, Mecklenburg-Vorpommern

Eine Kolumne von


Und, nein, es regnet nicht einmal. Das Licht ist nur ein wenig fahl da draußen. Und nichts zum Hingehen. Nichts. Diese unendliche Langeweile in mittleren und kleinen Städten Europas. Wenn sie nicht aus Versehen am Meer liegen. Wenn sie nicht aus Versehen über Nacht wachsen und Los Angeles sind. Oder etwas Putziges in Italien oder - Sie wissen schon. Sondern einfach nur Nester irgendwo, ohne Naturspektakel.

Ein Moped fährt die Straße runter. Ende der Aktion. Zwei Kneipen, da sitzen die, die immer da sitzen. Ein paar Läden mit Mittagspause, ein Supermarkt, ein Restaurant. Hat aber zu. Vielleicht ein Klub. Hat aber dichtgemacht. Vielleicht ein Kino. Zeigt aber denselben Film. Wochenlang. Die nächste größere Stadt ist 40 Minuten entfernt. Geht eigentlich aber - was wenn du zu jung bist für ein Moped oder kein Geld hast oder einfach nur in deinem Ort hockst und die Wand anstarrst und denkst: So, das war es jetzt.

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20.05.2019, 05:00 Uhr
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Im Netz sieht man, wie andere leben, mit Motorbooten und Partys und Läden. Alter, Läden, fast alles, was einen von der Langeweile ablenkt, kann man kaufen: Urlaub, Häuser, Essen, Menschen. Dafür wurde das System perfektioniert. Zur Ablenkung. Aber: Da gibt es verdammt nichts zum Kaufen außer Alkohol. Und vielleicht Drogen. Na, dann halt das. An der Bushaltestelle stehen, fünf Busse am Tag, um 20 Uhr ist Schicht, und dann Alkohol trinken, die Leute ansehen, die kennt man alle, eine Bierbüchse schießen und dann besoffen heim.

Und Jahreszeiten helfen nicht. Nicht mal ein Baggersee in der Nähe im Sommer. Im Sommer Fenster auf, im Fenster sitzen, rauchen, Musik hören oder onanieren. Im Winter ist es übel. Die Straßen wie grau gefroren, der Bus ist ausgefallen, im Supermarkt nur Kohl. Vielleicht eine Schule, die man besucht, oder eine Lehre und immer die Hoffnung auf ein Wunder. Dass einer kommt und einem aus dieser Tristesse rettet, die man Leben nennt.

Nichts, was einen entzündet

Das Leben: Aufstehen, Füße kalt, raussehen, vielleicht arbeitslos oder doch arbeiten, da aber auch nichts Gescheites machen, dann ab ans Fenster oder die Bushaltestelle. Vielleicht arbeitslos. Na, Mahlzeit. Wenn Langeweile körperlich wird, kribbelt alles, das Außen passt nicht mit Innen überein - und aus dem Kribbeln wird Wut oder Hass. Auf den Ort, auf das Wetter, die Regierung, auf sich selbst. Die Frauen ziehen weg, wenn sie können, und die Jungs bleiben übrig. Werden Männer, besser macht es die Sache auch nicht. Vielleicht gibt es ein Fitnessstudio. Na super.

Und nichts, was einen entzündet. Was soll einen entzünden hier, ohne jedes Vorbild, was soll einen in eine Rage bringen, dass man endlich wieder etwas spüren kann. Sich spüren, laut und gefährlich und endlich lebendig. So ist das in den meisten kleinen und mittleren Orten, in denen man ohne jede Ablenkung spürt, worum es in diesem Leben geht. Um nichts.

Keinen Wert hat man, in dieser Welt, die nicht auf einen wartet. Die Langeweile. Warum sagt keiner, dass sie der Hauptgrund für grölende Menschen ist. Die gegen die Ödnis anschreien, und nichts mehr wollen, als dass endlich was geht. Sie endlich eine Wichtigkeit haben, ein Ziel, eine Gemeinschaft, eine Stimme.

Ich weiß nicht, wie es wäre, wenn die Menschen, die in diesen Orten leben, ihre Heimat komplett selbst verwalten würden. Selbst über das Budget entscheiden. Sie wüssten wohl am besten, was sie bräuchten, um zufriedener zu sein. Kultur, Schulen, Ärzte, Läden, Internet, Verkehrsverbindungen, Gärten, Klubs, vielleicht würden sie leer stehende Häuser an Menschen abgeben, die Ideen für ihren Ort haben, oder an junge Familien.

Vielleicht würden Menschen, die in Großstädten keine Wohnungen mehr finden, gern in so einen ehemals öden Ort ziehen, wenn sie dort ein Unternehmen starten könnten, gefördert mit einem staatlichen Budget. Es ist sicher keine originelle Idee, die ich habe, aus einem Ort stammend, der vor Ödheit fast implodierte. War nur so eine Idee. Ein erfreuliches Wochenende Ihnen.

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insgesamt 194 Beiträge
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Seite 1
frank-xps 11.05.2019
1. Siegmund Freud hätte seine Freude an ihr
Da schreibt sie sie nieder all ihre Vorurteile all ihren Hass auf das eigene, und natürlich sind die Linken tollen alle viel viel besser und so dolle gebildet vor allem ein. Ansonsten ist es immer dasselbe was hier gespiegelt wird. Wenn der selbe genug zahlende Leser vergrault hat zieht der Heuschreckenschwarm weiter denn selber gebacken bekommen die Verbalmoralartisten natürlich nicht. Wie fühlt es sich eigentlich an von Monat zu Monat immer mehr zahlende Leser zu verlieren seit Jahren? mal sehen wann der Point of no return erreicht ist. Aber in der altenpflege ist eine Menge Personalbedarf, aber sie lebt ja edel in der Schweiz die selbsternannte Aposteline. Aber bedenke das Ende sagen die Lateiner, einen Spiegel kaputt machen bringt sieben Jahre Pech.
nobody_incognito 11.05.2019
2.
Tja, ist so die Frage - macht das Internet uns einsam oder umgekehrt. In der Einsamkeit / Isolation liegt die Freiheit des Geistes und bei der körperlichen Nähe wird es mit dem "so nah und doch so fern" wohl seine Richtigkeit haben. Wie schrieb Jim Morrison "music is your only friend until the end" - bessere Freunde gibt's nicht außer Nervensägen, mit denen man "Zerstreung" und emotionale Abenteuer fragwürdiger Sinnhaftigkeit teilen kann. Aber vllt. kommt ja einer und holt die "Einsamen" ab, per Befehl in verständlicher Sprache natürlich. ;-) Aber so allmählich scheint sich das Ganze für die Betroffenen zu einem "Warten auf Godot" auszuwachsen. :-D
Cpt. Miller 11.05.2019
3.
Wer kann, zieht weg. Wer nicht kann, knallt sich zu. Ist zumindest das, was ich so gut wie immer beobachte. Zum Kinder groß ziehen oder sich selbst von der Welt abschotten reichts vielleicht gerade noch, aber das ist schon alles.
Breakwater-Lodge 11.05.2019
4. Jeder ...
... ist seines Glückes Schmied. Oder mach Lektüre der Kolumne dann lieber pessimistisch: Jeder ist seines Sarges Zimmermann. Es gibt also keine andere Option für diese armen Teufel, als zu warten oder nichts zu tun? Nee, das kann und will ich nicht glauben ...
Mehrleser 11.05.2019
5. Alles klar
"Es ist sicher keine originelle Idee, die ich habe, aus einem Ort stammend, der vor Ödheit fast implodierte." Na jetzt wird mir einiges klar zur Berg'schen Kolumne - mein herzliches Mitgefühl! Fühle mich im übrigen gut aufgehoben in meinem 30.000 Seelen-Nest. Vielleicht liegt es daran, dass es im Winter in den Supermärkten auch Kartoffeln gibt...
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