Überbevölkerung Nichts gegen Kinder, aber...

Verstopfte Straßen in London, Wohnungsknappheit in Berlin: Die Welt ist jetzt schon viel zu voll. Und wir? Machen nur noch mehr von allem - und fressen uns am Ende der Nahrungskette gegenseitig auf.

Kinder beim Schaukeln
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Kinder beim Schaukeln

Ein Kolumne von


Wie befriedigend wäre es, wenn sich all die verschiedenen Wahrheiten auf der Welt - 7.368.335.526 in dieser Sekunde des Schreibens - der eigenen Logik unterordnen würden. Tun sie aber nicht. Und das verwirrt den Durchschnittsgeist, mich, kolossal.

Nehmen wir zum Beispiel das Thema Kinder. Kinder sind großartig. Sie schenken Freude, sind sinnstiftend für die Eltern, sie zu beobachten macht glücklich, und bevor Kinder von diversen Einflüssen versaut werden, kann man behaupten, dass sie die angenehmsten Menschen auf der Erde sind.

Ihr einziger Nachteil: Es sind zu viele. Seit ich mich erinnere, wird vor den Folgen einer sogenannten Überbevölkerung gewarnt. Überbevölkerung, ein Schlagwort wie saurer Regen und Klimawandel. Schlagwörter, die mich und die meisten, die ich kannte, nichts angingen. Bis vor einigen Jahren, als der träge Geist die materialisierte Form des Schlagworts auch in Europa spürte: Verstopfte Straßen in London, Wohnungsknappheit in Berlin, Arbeitslosigkeit in Italien. Die Erde ist, außer in Dresden, zu voll geworden. Der Stand unserer Technologien zur Gewinnung von Energie und Nahrungsmitteln - oder besser: deren Einsatz - bleibt hinter der Realität der Bedürfnisse zurück.

Und was machen wir? Richtig! Wir machen mehr Kinder. Nichts gegen Kinder, sie sind... (hier Allgemeinplätze einfügen). Aber nun kommen wir eben zu der aus meiner Sicht unlogischen Haltung von Religionsvertretern, Konservativen und rechtslastigen Parteien und Vereinen, die Ehe zwischen Mann und Frau mit dem Argument der Kinderherstellung als einzig richtige zu propagieren.

Das europäische Kind als Bollwerk gegen einwandernde afrikanische und arabische Kinder. Ich sehe sie vor mir stehen, auf Sandsackwällen, die europäischen Kinder, mit Mistgabeln. Leider gab es gerade eine Atomreaktorexplosion, möglicherweise haben sie also zwei Köpfe. Aber egal. Denken war noch nie die Kernkompetenz der Reaktionäre. Denn wenn es darum geht, den neu erzeugten Kindern eine sichere Zukunft herzustellen, versagen sie. Denn die Vermittlung von Zukunftsszenarien ist zu kompliziert für Parolen. Die zielen nach wie vor auf die Angst und die Gier der Menschen ab. Alles soll so bleiben, wie es schon lange nicht mehr war. In einer mäßig besiedelten, patriarchalen Welt. Aber bitte mit Sushi.

So schön es ist, die eigenen Gene weiterzugeben...

Ist das sinnvoll? Was haben sich viele über die Einkindpolitik Chinas aufgeregt. Unmenschlich, diktatorisch - ja, vielleicht. Es ist sicher etwas Wunderbares, in einer wohlhabenden Situation mehrere Kinder zu haben. Als Mann und Frau, so wie früher. Vergessend, dass jeder Einzelne nur ein kleiner Teil der Gesamtheit ist. Wenn man sich überlegt, dass es nach Schätzung der Vereinten Nationen ungefähr 13 Millionen Kinder ohne Eltern gibt, dass 15 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren zu wenig Nahrung bekommen, um sich gesund zu entwickeln, dann wird es doch irgendwie albern, Europäer zur ausufernden Vermehrung anzuhalten. So schön es ist, die eigenen Gene weiterzugeben, so erfüllend für das Ego es ist, sich in einem neuen Menschen wiederzuentdecken.

Was spricht also gegen die Öffnung der Ehe und das Recht auf Adoption, bei Millionen Nicht-eindeutig-Heterosexuellen in Europa? Gibt es ein einziges logisches Argument in der zwanghaften Beschwörung von hehren Werten wie der Ehe zwischen Mann und Frau? In der Verklärung der Mutterschaft zum einzigen Sinn einer weiblichen Existenz und dem Bejubeln der steigenden Geburtenrate (hey, 1,5 Kinder je Frau in Deutschland)? Ich lasse die Fragen wirken und wende mich neuen, mir nicht sinnvoll erscheinenden Fakten auf der Welt zu.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 224 Beiträge
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Seite 1
maxi.koch99 22.10.2016
1. Weitsicht
Die niedrige Geburtenrate in Deutschland wird zum Problem werden. Ganz unabhängig wie man dazu steht ob Deutschland irgendwann nur noch eine Minderheit Deutsche beinhaltet. Es geht um unsere Sozialsysteme Zu wenig Beitragszahler (noch Kinder) werden den Überschuss an Leistungsnehmnern (noch Arbeitende) nicht mehr zahlen können Ist es nicht deutlich effizienter die enorm hohen Geburtenraten in ärmeren Ländern (6kinder+) versuchen zu senken bzw. anreiz zur senkung zu geben? Oder zumindest die notwendigkeit dieser hohen Kinderzahl zu nehmen? Wenn sie wirklich Angst vor Überbevölkerung haben dann wäre ein Ansatz in Europa wie das bekämpfen des Klimawandels durch ein Verbot an Duftkerzen
sojetztja 22.10.2016
2.
Na, das ist nicht unbedingt der pfiffigste Text, den S.B. bisher geschrieben hat. Die Wohnungsnot in Berlin ist ja nun nicht in erster Linie auf die Bevölkerungszahl zurückzuführen, sondern darauf, dass heute im Durchschnitt jeder ein Mehrfaches des Wohnraumes für sich in Anspruch nimmt als noch vor einigen Jahrzehnten. Man darf getrosst davon ausgehen, dass GRoßstädte wie Berlin, London, Paris... früher sogar dichter besiedelt waren, wenn es um die Kopf-Quadratmeter-Relation geht. Und die verstopften Straßen in XY sind keine Folge einer Überbevölkerung, sondern der Tatsache geschuldet, dass jeder Haushalt mindestens ein Auto besitzt. Was Frau Berg anspricht, sind also ganz klassische Luxusprobleme und haben eben nicht primär mit Kindern zu tun. Ganz im Gegenteil, wer Kinder hat, muss vielfach den Gürtel enger schnaller, da reicht es dann oft nicht für zwei SUV und die fette Altbauwohnung. Also insgesamt zu schnippisch formuliert und zu kurz gedacht. Eine andere Frage ist, wie es mit humanitären Problemen aussieht, die Überbevölkerung in der Dritten Welt mitverursacht oder verschärft. Was wäre denn da Frau Bergs Vorschlag? DAS wäre interessant!
kingdoener 22.10.2016
3. super!
liebe frau berg, Sie haben echt einen genialen schreibstil und inhaltlich kann ich Ihnen auch nur voll und ganz zustimmen
wolle0601 22.10.2016
4. Und ich dachte schon
Frau Berg hätte etwas Wichtiges verstanden. Der letzte Teil ded Artikels spricht leider gegen diese Annahme. Das Problem sind nicht die Kinder in Europa. In gewisser Weise ist natürlich trotzdem "der Westen" schuld. Ohne den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, den die Aufklärung möglich gemacht hat, wären die aktuellen Bevölkerungs- und Vermehrungsraten nicht möglich gewesen. Vielleicht wäre von daher ein Zurück zu einer von Religiosität beherrschten Welt das beste.
Ishibashi 22.10.2016
5. falches Thema
die Überbevölkerung wird nicht bei uns in Deutschland entschieden. Selbst wenn jeder in Deutschland völlig auf Kinder verzichtet hat das Null Einfluss auf die weltweite Geburtenrate. Globale Ansätze funktionieren da nun mal nicht. Früher dachte ich auch mal man muss was dagegen tun und nicht einfach ins Verderben rennen. Inzwischen denke ich die Natur wird das Problem der Überbevölkerung irgendwann lösen.
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