Erotik-Künstlerin Iannone So eine schamlose Frau

Die Schönheit des männlichen Körpers und eine selbstbewusste weibliche Sexualität - das sind Dorothy Iannones Themen. In ihren Werken gibt sie auch intime Einblicke in ihr eigenes Liebesleben. Berlin zeigt nun eine Gesamtschau der großen Erotik-Avantgardistin.


Henry Miller war entzückt. Da hatte diese bildhübsche junge Frau etwas erreicht, was jahrelang unmöglich schien. Nach einem Europaaufenthalt hatte sich Dorothy Iannone bei der Wiedereinreise in die USA Millers indiziertes Buch "Wendekreis des Krebses" abnehmen lassen. Sie hatte auf Rückgabe geklagt, Recht bekommen und so eine Reihe weiterer Prozesse initiiert, an deren Ende die Freigabe des Romans stand. Bei einem Abendessen prophezeite der Autor ihr, dass sie es "weit bringen" werde.

Miller sollte recht behalten. Iannone machte als Künstlerin eine mutige, Konventionen sprengende Karriere. Obwohl sie heute 80 Jahre alt ist, sind ihre Werke vor allem im Kontext junger Kunst zu sehen. Und ab Donnerstag gibt die Berlinische Galerie einen Überblick über ihr Gesamtwerk.

1961, zur Zeit der Buchbefreiungsaktion, war Iannone seit einigen Jahren mit dem malenden Millionär James Upham verheiratet. Sie führte ein unbekümmertes, luxuriöses Leben mit längeren Aufenthalten in Japan, in Frankreich oder der Türkei. Iannone trug avantgardistische Kleider etwa vom Monokini-Erfinder Rudi Gernreich. Eines hatte an den Hüften so raffinierte kreisrunde Ausschnitte, dass ihr der Beat Poet Allen Ginsberg bei einer Party in die Taille gebissen haben soll.

Mit Schimmel und Schokolade

Sie hatte zu malen begonnen, machte Collagen, sie war mit New Yorker Künstlern befreundet, und alles hätte so weitergehen können, wenn sie nicht im Sommer 1967 zusammen mit ihrem Mann und dem Fluxus-Künstler Emmett Williams einen Frachter in Richtung Island bestiegen hätte. Am Anleger in Reykjavik wartete ein Mann auf das Künstlertrio, der unterm Arm einen frischen Fisch trug, eingewickelt in Zeitungspapier.

Es war der Schweizer Künstler Dieter Roth, der mit Form- und Materialexperimenten mit Schimmel und Schokolade damals schon Furore machte. Blitzartig verliebten sich die beiden ineinander. Wenige Tage nach der Ankunft in Island trennte sich Dorothy von ihrem Mann, holte ihre Sachen aus New York und begann mit dem charmanten Querkopf ein abenteuerliches Leben zwischen Reykjavik, wo Roth damals im Keller einer Wäscherei lebte, Basel und Düsseldorf.

Künstlerisch ging es bei beiden um Entsublimierung: bei Roth um den Einbezug des Belanglosen, um Zersetzung und Verwesung als ästhetische Strategie, bei Iannone um einen offenen Umgang mit Liebe und Sexualität. Während Roths Formensprache dem Verfall und der Entgrenzung freien Lauf ließ, kleidete Iannone ihren vermeintlich anstößigen Gegenstand in buntes, florales bis psychedelisches Dekor, das von Comic-Ästhetik und Volkskunst beeinflusst war.

Nach der Begegnung mit Roth radikalisierte sich ihre Kunst. War es ihr schon vorher darum gegangen, verdrängte Erotik freizulegen, hatte sie jetzt den Mut, ihre eigenen sexuellen Freuden, die Amour fou mit Roth, zum Gegenstand zu machen. Wenn sie die Schönheit des männlichen wie weiblichen Körpers, selbstbewusste weibliche Sexualität und die vielen Spielarten der Lust in Bild und Text pries, tat sie es explizit anhand ihrer eigenen Erfahrungen.

Kampf mit der Zensur

1968 etwa, nachdem sie ihr Geliebter nach ihren früheren Liebhabern gefragt hatte, schrieb sie eine Liste mit dreißig Namen, zeichnete je ein Blatt zu den intimen Begegnungen und fertigte daraus ein Künstlerbuch, das heute als Vorläufer der berühmten Arbeit von Tracey Emin "Everyone I Have Ever Slept With 1963-1995" gilt.

Ende der Sechziger hatte Iannone dann selbst mit Zensur zu kämpfen. Ihre Pop-Art-Variante mit dem Anti-Prüderie-Drive wurde als "pornografisch" gebrandmarkt: Arbeiten wurden bei einer Ausstellung in Stuttgart konfisziert, in Bern erst überklebt, dann abgehängt, in Düsseldorf vandalisiert.

1974 dann - nach sieben Jahren Liebe und Leidenschaft - trennte sich das Künstlerpaar. Zwei Jahre später bekam Iannone eine Einladung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Berlin. Sie blieb und lebt heute in einer großen Altbauwohnung am Olivaer Platz. Ihre neuesten Gemälde in der Retrospektive der Berlinischen Galerie stammen von 2013. Seit 1985 aber, als Iannone den tibetanischen Buddhismus für sich entdeckte, kreist ihre Kunst weniger um die körperliche und mehr um eine spirituelle Form "ekstatischer Vereinigung".

Seit einigen Jahren nimmt das Publikum vor allem ihre frühen Arbeiten verstärkt wahr. 2006 etwa wurde sie zur Berlin Biennale und zur New Yorker Whitney Biennale eingeladen. Kurz davor war in der Londoner Tate Modern ihre Arbeit "I Was Thinking of You" von 1975 zu sehen gewesen. In die Installation - eine Box, bemalt mit einer Liebesszene - ist ein Videomonitor eingelassen, der Iannones Gesicht beim Masturbieren zeigt.

Noch immer ist eindrucksvoll, wie Iannone voller Furchtlosigkeit und Würde das Intimste ihres Lebens, Begehrens und ihrer Sehnsüchte nach außen kehrte und damit zu einer Vorläuferin von radikal subjektiven Ansätzen in der Gegenwartskunst wurde.


Dorothy Iannone: This Sweetness Outside of Time, vom 20.2. bis zum 2.6. in der Berlinischen Galerie



insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
HerbertVonbun 18.02.2014
1. Omnia
Esther Vilar und Iannone, was wäre ein Paar, welches zusammen gearbeitet haben sollte und als Gegenwelt Exemplare aus der ZickenGenWelt! Ein Spass und Erfahrung für die Frauen liebenden Männer dieser Welt!
friedberta 18.02.2014
2. das ist naive Malerei, oder ?
das einzige Besondere sind die Motive, aber Kunst ist sowas nicht.
oberleuris 18.02.2014
3. jede....
Krankenschwester und jeder Strassenkehrer leistet in 5 Minuten ihrer/seiner Tätigkeit mehr Sinnvolles als diese überdrehte Trulla während ihres gesamten "Künstler"lebens.
VoxRatio 18.02.2014
4.
Zitat von sysopRolf WalterDie Schönheit des männlichen Körpers und eine selbstbewusste weibliche Sexualität - das sind Dorothy Iannones Themen. In ihren Werken gibt sie auch intime Einblicke in ihr eigenes Liebesleben. Berlin zeigt nun eine Gesamtschau der großen Erotik-Avantgardistin. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/ueberblick-ueber-das-schaffen-von-dorothy-iannone-in-berlin-a-953996.html
Für mich persönlich gehört Liebe, Erotik und ähnlich geartete paarungs-relevante Themen eher in die musische Kunst. Abstrakte Gemälde in diesem Bereich haben den Charme einer wissenschaftlichen Abhandlung über die Vorzüge von Schweinebraten. Sorry.
hornisse.04 18.02.2014
5. Meine Zustimmung
Zitat von oberleurisKrankenschwester und jeder Strassenkehrer leistet in 5 Minuten ihrer/seiner Tätigkeit mehr Sinnvolles als diese überdrehte Trulla während ihres gesamten "Künstler"lebens.
haben Sie. Und nun wünsche ich Ihnen noch viel Spaß mit all den "Kunstsachverständigen", die jetzt gleich kommen werden, um die unwissenden Wilden zu bilden.
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