Überlebensbibel für WM-Fans Vatertags-Exzesse in Deutschland

Es klingt so unschuldig: "Vatertag". Doch in Deutschland kann der Tag schnell in alkoholschwangeres Chaos umschlagen. Machen Sie den Bollerwagen startklar. Es ist Zeit, mit betrunkenen Teutonen durch die Wälder zu ziehen.

Von Siobhán Dowling


An einem bestimmten Donnerstag Ende Mai sollte man sich in Deutschland auf einiges gefasst machen. Seien sie nicht überrascht, wenn sie ausgewachsene Männer gegen Laternenpfähle torkeln sehen. Oder ganze Kerle, die labernd und lallend in Bollerwagen durch die Gegend gefahren werden, während sie sich an Bierfässer klammern. Es ist Vatertag - nach deutscher Art. Während in vielen Ländern die Rituale dieses Ehrentags kaum mehr umfassen als das Schreiben von Karten und das Schenken von Socken, haben die Deutschen daraus einen wahren Festtag für Landburschen gemacht. Ein Freischein, um sich restlos randvoll zu saufen.

Prosten am Vatertag: Festtag der Bierbäuche
DDP

Prosten am Vatertag: Festtag der Bierbäuche

Das Vollrausch-Ereignis fällt immer auf Christi Himmelfahrt, ein landesweiter Feiertag in Deutschland, der jeweils 40 Tage nach Ostern kommt. Weil die Supermärkte an Christi Himmelfahrt geschlossen sind, kann man zur frühen Morgenstunde Trauben von absturzwilligen Männern vor Tankstellen treffen. Für den langen, harten Rauschmarsch horten sie Bier und andere Alkoholika. Der Bollerwagen wird mit Schnaps beladen - eine äußerst praktisch gedachte Doppelnutzung. Denn wenn der Sprit aus ist und die ersten Mannen in die Knie gehen, dient der Handwagen als Transportvehikel für die gefallenen Vatertagshelden.

Nicht alle deutschen Männer nehmen daran teil. Und man muss auch nicht Vater sein, um bei Vatertagswanderungen mitzumachen. Aber diejenigen, die es tun, sind meistens mittleren Alters und tragen T-Shirts mit politisch höchst inkorrekten Slogans - die man meistens gut lesen kann, weil sie sich straff über die prall gefüllten Bierbäuche spannen. Manche verfügen über spezielle Spazierstöcke mit kleinen Schnapsfässchen an der Oberseite.

Der Brauch schreibt vor, dass die so ausgestatteten Rauschbolde sich an lauschigen, dicht belaubten Orten im Wald treffen. Sie rezitieren Gedichte, trällern Lieder, erzählen sich schlechte Witze und versuchen, so betrunken wie möglich zu werden. Wenn die eigenen Vorräte verbraucht sind, setzt der Sturm auf die Kneipen ein. Und genau das ist der Augenblick, in dem die unbeteiligte Öffentlichkeit am wahrscheinlichsten mit den Resultaten der Promille-Trecks konfrontiert wird. Eine ganze Gruppe von teutonischen Wanderburschen kann eine ganz schön alarmierende Erfahrung sein. Besonders für Frauen.

Notrufzentralen in Alarmbereitschaft

Die Tradition des Vatertags, der auch "Herrentag" genannt wird, geht auf das 18. Jahrhundert zurück. Schon seit dieser Zeit wird der Vatertag immer an Christi Himmelfahrt gefeiert. Ursprünglich wurden Männer in hölzernen Wagen zum Dorfplatz gefahren und mussten dort demjenigen Vater huldigen, der die meisten Kinder gezeugt hat. Der wiederum bekam dann einen Preis vom Bürgermeister verliehen, meistens einen großen Schinken. Im 19. Jahrhundert fanden dann immer mehr farbenprächtige Paraden zu Christ Himmelfahrt statt, mit Pferdewagen und Umzügen von Frauen und Männern, die an den Zug der Apostel erinnern sollten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als die Religion an Einfluss verlor, wandelte sich der Vatertag zum Wandertag - speziell in den städtischen Gebieten. Schon damals zogen Männer in die Wälder, machten Picknicks und tranken Bier. Im 20. Jahrhundert wurde der Vatertag das, was er heute noch ist: Der Tag des Trinkens.

Nicht alle Vatertags-Wanderer gehen sternhagelvoll nach Hause. Für ein Land, das dem Klischee nach zu hohen Alkoholkonsum neigt, sind viele Deutsche erstaunlich geschickt im Kontrollieren ihrer Trinkgewohnheiten. Für manche ist der Tag nichts weiter als eine gute Gelegenheit, um Freunde zu treffen und mit ihnen Rad zu fahren. Manchmal dürfen Frauen teilnehmen.

Trotzdem: Sogar wenn die umherziehenden Säufer-Gruppen unter all den Maiwanderern in der Minderheit wären - der naturverbundene Vatertagsspaß kann jedes Jahr schnell in schreckliche Aggression umschlagen, oder sogar in Gewalt. Die Notrufzentralen sind am Vatertag immer in erhöhter Alarmbereitschaft. Und es gibt allgemein weit mehr Schlägereien und andere Fälle von Gewalt und schlechtem Benehmen. Der Feiertag hat einen schlechten Ruf bekommen. Einige radikallinke Feministengruppen haben deswegen schon gefordert, ihn zu abzuschaffen. Ein weiterer unschöner Aspekt ist, dass verschiedene Nazi-Gruppen den Vatertag als Gelegenheit nutzen, um Ärger zu machen.

Was für die einen eine gute, alte Tradition ist, ist für die anderen nur noch Chaos und Absturz. Der beste Ratschlag für den Vatertag in Deutschland könnte sein, sich den Vatertagsjüngern mit Vorsicht zu nähern. Oder, noch besser, vielleicht ganz zu Hause zu bleiben. Warum nicht gleich auf dem Balkon Platz nehmen, ein kühles Bier nippen und vor all dem Leid da draußen sicher sein? Von dort aus kann man die Bestie in seiner natürlichen Umgebung beobachten. Wie sie selig schwankend die Straße entlang taumelt, auf der Suche nach dem nächsten Bier. Oder bewusstlos zusammengesunken in einem hölzernen Bollerwagen liegt.

Übersetzt aus dem Englischen von Sebastian Christ



insgesamt 231 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
UlliK 24.05.2006
1.
---Zitat von sysop--- Millionen Fans werden zur WM nach Deutschland reisen - und auf seltsame Menschen mit seltsamen Gewohnheiten treffen. Wie skurril sind die Deutschen wirklich? ---Zitatende--- Leider überhaupt nicht!
columbo 24.05.2006
2.
---Zitat von UlliK--- Leider überhaupt nicht! ---Zitatende--- Ach, wieso. Ich finde, Schrebergartensiedlungen, Dauercampingplätze, Gartenzwergidyllen (die leider immer seltener werden), Vatertagsrituale oder das samstägliche Autowaschen haben doch eine gewisse liebenswerte Skurrilität.
UlliK 24.05.2006
3. Kann man ...
---Zitat von columbo--- Ach, wieso. Ich finde, Schrebergartensiedlungen, Dauercampingplätze, Gartenzwergidyllen (die leider immer seltener werden), Vatertagsrituale oder das samstägliche Autowaschen haben doch eine gewisse liebenswerte Skurrilität. ---Zitatende--- ... so sehen, zugegeben. Ich hatte bei 'skurril' eher den Monty-Python-artigen Briten vor Augen, der im Hyde-Park (Speaker's Corner) steht und die Welt verbessern will. Man läßt ihn gewähren, aber hier in Deutschland würde er nach 30 Min. (spätestens) wegen 'Störung der öffentlichen Ordnung' abgeführt.
arbusto 24.05.2006
4.
---Zitat von UlliK--- ... so sehen, zugegeben. Ich hatte bei 'skurril' eher den Monty-Python-artigen Briten vor Augen, der im Hyde-Park (Speaker's Corner) steht und die Welt verbessern will. Man läßt ihn gewähren, aber hier in Deutschland würde er nach 30 Min. (spätestens) wegen 'Störung der öffentlichen Ordnung' abgeführt. ---Zitatende--- Glaube ich eher nicht ... In Deutschland kann man doch sogar splitterfasernackt durch die Fußgängerzone laufen ohne daß viel passiert ...
UlliK 24.05.2006
5.
---Zitat von arbusto--- Glaube ich eher nicht ... In Deutschland kann man doch sogar splitterfasernackt durch die Fußgängerzone laufen ohne daß viel passiert ... ---Zitatende--- ...solange Sie dabei keine Reden halten und die Obrigkeit angreifen...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.