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Kunstzerstörung durch Stümperei Wisch und weg

Die Welt schmunzelt über eine Rentnerin, die ein Jesus-Fresko auffrischen wollte - und es dabei völlig verunstaltete. Die über 80-Jährige ist mit ihrem Unglück nicht allein. Stümper oder Unwissende haben schon öfter Kunst zerstört. Manchmal vernichteten sie dabei Millionenwerte.

Nichts gegen Elías García Martínez. Bis vor kurzem allerdings hatte der Künstler nicht einmal einen Wikipediaeintrag. Sehr wahrscheinlich, dass einzig die Zerstörung seiner Arbeit, die Übermalung seines Kirchenfreskos "Ecce Homo" im spanischen Borja durch eine Rentnerin, dafür sorgen wird, dass der Name des 1934 gestorbenen Spaniers in die Geschichte eingeht.

Er ist nicht der erste Künstler, dessen Werk durch Ungeschick verunstaltet wurde. Martínez' Landsmann Pablo Picasso war bereits weltberühmt, als ein von ihm gefertigtes Fresko 1952 vernichtet wurde - mit amtlicher Erlaubnis. Vier Jahre zuvor hatte Picasso als Abgesandter der französischen Kommunisten eine polnische Arbeitersiedlung besucht und dort spontan ein Werk mit dem Titel "Sirene mit Hammer" an eine Wohnungswand gemalt. Es könnte sein, dass die Immobilie mit dem Kunstwerk heute einen beträchtlichen Wert hätte. Den Werktätigen in der Wohnung allerdings ging das Interesse des kunstsinnigeren Teils der Bevölkerung - es gab ständig Besuch - derart auf die Nerven, dass sie die Picasso-Malerei übertünchten.

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Kunstbanausen in Aktion: Der Picasso ist futsch

Foto: AP/ Centro de estudios Borjanos

Ein anderes Werk Picassos, das Gemälde "La Reve" nahm Schaden, als sein Besitzer, der US-amerikanische Milliardär Steve Wynn, es 2006 Reportern vorführte. Kurz zuvor hatte er es für 139 Millionen Dollar verkauft. Vielleicht war Wynn dieser Summe wegen noch etwas aufgeregt und bewegte sich fahrig. Fest steht: Mit dem Ellbogen riss er ein Loch in das Bild - und der Verkauf war geplatzt. Immerhin besaß Wynn danach das teuerste Loch der Kunstgeschichte.

"Sauberes Frankfurt"

Material- und Marktwert klaffen in der Kunst oft auseinander; der Marktwert ist höher, das dürfte fast jedem bekannt sein. Bis auf ein paar Kunstdieben in England: Bereits zweimal, 2005 und 2012, wurden aus dem Garten der Henry-Moore-Foundation in der Grafschaft Herfordshire Skulpturen des neben Giacometti bedeutendsten Plastikers der Moderne gestohlen. In einem Fall hielt die Überwachungskamera des Museums die Täter im Bild fest: Sie waren mit einem Kranwagen gekommen. Wie die Polizei vermutet, keineswegs, um die rund vier Meter lange und zwei Meter hohe "Zurückgelehnte" später unauffällig auf dem Schwarzmarkt zu versetzen - sondern, um die auf gut drei Millionen Pfund geschätzte Bronzeplastik ihres Metallwerts wegen einzuschmelzen: 5000 Pfund.

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Foto: seen.by

In Deutschland bedienen sich Rohstoffräuber ja eher bei der Bahn. Vielleicht, weil Kunst im öffentlichen Raum hierzulande allzuoft aus minderwertigen Materialien besteht? In Kassel jedenfalls war es die Stadtreinigung,die kurz vor der Documenta 2007 eine Arbeit der Chilenin Lotty Rosenfeld zerstörte: Die Künstlerin hatte Fahrbahnmarkierungen mit Klebestreifen zu Kreuzen ergänzt und damit an eine Aktion während der Herrschaft des chilenischen Diktators Pinochet erinnert.

In Frankfurt am Main war es der Leiter von Petra Roths Stabsstelle "Sauberes Frankfurt" persönlich, der 2005 ein Kunstwerk des Städelschulabsolventen Michael Beutler entfernen ließ. Einem Zeitungsbericht zufolge meinte er, bei dem im öffentlichen Raum aufgestellten gelben Plastik-Draht-Gehäuse handele es sich um einen Unterschlupf für die Prostituierten des Straßenstrichs.

SPD-Putzgruppe

In Dortmund zerstörte eine Putzfrau 2011 Martin Kippenbergers Installation "Wenn's anfängt durch die Decke zu tropfen". Sie hatte einen weißlichen Kalkfleck als störend empfunden. Ein ähnlicher, deutlich berühmterer Fall ist die Vernichtung von Joseph Beuys' "Fettecke" in der Düsseldorfer Kunstakademie 1986. Auch sie wurde einfach weggeputzt.

Ähnlich erging es 1973 Beuys' 1960 entstandenem Werk "Unbetitelt (Badewanne)". Als bei einer Feier des SPD-Ortsvereins Leverkusen-Alkenrath ein Spülbecken gesucht wurde, reinigten zwei zupackende Genossinnen die Installation kurzerhand von Fett- und Heftpflasterresten - und verursachten dem Besitzer des Kunstwerks so einen Schaden von 40.000 D-Mark.

Ein Fernsehwerbespot für ein Scheuerpulver machte die Affäre wenig später, leicht verfremdet, bundesweit bekannt. Darin treffen zwei Putzfrauen auf einen am weißen Schal unschwer als den Künstler selbst erkennbaren Museumsbesucher: "Da muss mal gründlich gescheuert werden", entfährt es ihnen beim Anblick von dessen schlierigem Werk - einer Badewanne.

Wer allerdings glaubt, nur typisch deutscher Sauberkeitswahn könne zur Zerstörung von Kunstwerken führen, hat noch nie von der Putzfrau der Londoner Tate Britain gehört. Sie warf 2005 ein Objekt des Künstlers Gustav Metzger einfach in den Müll. Und das Reinigungsteam der Londoner Verkehrbetriebe putzte 2005 eine Arbeit des Grafitti-Weltstars Banksy einfach weg. Ähnliches widerfuhr Werken Banksys in Bristol und im australischen Melbourne.

Und auch die über 80-jährige Hobby-Restauratorin aus dem spanischen Borja, die gerade mit ihrer ungewollten Neugestaltung des "Ecce Homo" weltweit Schlagzeilen macht, ist nicht allein: 2004 führte die laienhafte Übermalung eines Altarbilds aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg zu einem vergleichbaren Fiasko. Nicht in Spanien, sondern in Sachsen-Anhalt.

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