Wechsel-Theater bei den Uffizien Wie ein deutscher Museums-Chef Österreichs Regierung verärgert

Was war da los? Der Deutsche Eike Schmidt ist Direktor der Uffizien in Florenz, sollte aber nach Wien wechseln. Nur einen Monat vor Amtsantritt hat er jetzt abgesagt und bleibt in Italien. Hier schildert er die Hintergründe.

Eike Schmidt, deutscher Direktor der Uffizien-Galerie:
Luca Bruno/ AP/ DPA

Eike Schmidt, deutscher Direktor der Uffizien-Galerie:


Seit 2015 leitet der Deutsche Eike Schmidt, 51, die weltberühmten Uffizien in Florenz. 2017 wurde er zum neuen Direktor des Kunsthistorischen Museums in Wien berufen und sollte im November 2019 antreten. In dieser Woche sagte er ab und löste in Wien enorme Empörung aus.

SPIEGEL: Herr Schmidt, zwei Jahre lang schien klar, dass Sie nach Wien an die Spitze des Kunsthistorischen Museums gehen würden. Nun haben Sie abgesagt, einen Monat vor Amtsantritt - warum?

Eike Schmidt: Aus persönlichen und vor allem aus fachlichen Gründen. Nach den jüngsten politischen Umwälzungen in Italien sehe ich nun doch eine Chance, die Erneuerung der Uffizien weiter vorantreiben zu können. Wir sind da auf Hochtouren dabei, etwa die Säle zu restaurieren, die Hängungen zu modernisieren, vieles mehr.

SPIEGEL: In Österreich hat man dafür wenig Verständnis. Außenminister Alexander Schallenberg, der auch für Kultur zuständig ist, nannte Ihr Vorgehen "beispiellos".

Schmidt: Ich habe nicht gepokert, niemanden gegeneinander ausgespielt. Ich bin in der vergangenen Zeit mehrfach nach Wien gereist, um den Übergang vorzubereiten. Das war nun eine schnelle, aber tief durchdachte Entscheidung, ich habe sie nicht getroffen, ohne an die Situation dort zu denken.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Schmidt: 2017 wurde ich zum neuen Generaldirektor berufen. Doch ich konnte rasch feststellen, dass meine Vorgängerin Sabine Haag keinen neuen Posten außerhalb des Museums angenommen hat, wie es zu erwarten gewesen wäre. Meines Wissens hat sie sogar einige Angebote ausgeschlagen.

SPIEGEL: Sabine Haag führte das Haus weiter, weil Sie als ihr Nachfolger erst Ende 2019 anfangen wollten.

Schmidt: Sie war bereit zu bleiben, das bewundere ich. Es war deutlich, dass sie Projekte hatte und hat, die sie vorantreiben wollte. Vergangene Woche habe ich ihr gegenüber die Karten auf den Tisch gelegt und ihr vorgeschlagen, auf mein Amt zu verzichten.

SPIEGEL: Wollen Sie damit andeuten, dass Ihre Vorgängerin ohnehin nicht vorhatte, Macht abzugeben - auch nicht unter einem Generaldirektor Schmidt?

Schmidt: Es geht nicht um Macht. Aber sie war zehn Jahre Generaldirektorin. Sie auf eine zweite Ebene herunterzustufen, wäre unwürdig gewesen. Für mich wurde immer deutlicher, dass sie gern ihre Stelle behalten würde, und es kann nicht zwei Direktoren geben. Ich befürworte, dass sie es nun auch tatsächlich bleibt. Meiner Meinung nach ist es für beide Häuser das Beste, für das in Wien und das in Florenz.

SPIEGEL: Der neue italienische Kulturminister, der Sozialdemokrat Dario Franceschini, hatte dieses Amt schon einmal inne - damals hat er Sie geholt. Nun soll er irritiert sein, weil Sie die Regierung in Wien gegen sich aufgebracht haben.

Schmidt: Der Verzicht auf das Kunsthistorische Museum war unzweifelhaft eine Vorbedingung, um mich um die Erneuerung meines Mandats an den Uffizien zu bemühen. Es ist aber tatsächlich noch alles in der Schwebe und gar nicht sicher, ob ich Direktor der Uffizien bleiben kann.

SPIEGEL: Besteht wirklich die Gefahr, dass Ihr Vertrag in Florenz nicht verlängert wird?

Schmidt: Ja, es ist durchaus möglich. Ich denke aber, dass sich der Staub bald legt. Die Lösung ist für beide Häuser einfach logisch.

SPIEGEL: In Österreich heißt es, Sie hätten gar nicht wirklich kommen wollen.

Schmidt: Das stimmt aber nicht. Es gab auch Spekulationen, ich hätte mich aus finanziellen Gründen umentschieden - allenfalls das Gegenteil trifft zu. Ich war regelmäßig in Wien, habe das Programm für 2020 vorbereitet und auch bereits an dem für 2021 gearbeitet, habe mich da sehr engagiert eingebracht.

SPIEGEL: Es bleibt dabei: Sie haben eine Institution düpiert, weil Sie nun öffentlich zeigen, dass Sie eine andere Institution für bedeutender halten. Tatsächlich haben die Uffizien mit über zwei Millionen Besuchern mehr als doppelt so viele Gäste wie das Kunsthistorische Museum in Wien.

Schmidt: Ich glaube nicht, dass es zwischen den großen Museen der Welt ein Wettrennen gibt oder geben sollten, wir sind ja nicht in der Formel 1. Kultur ist ein Mittel der Verständigung, der Erkenntnis, kein Gegenstand eines Konkurrenzkampfes. Wer das eine Museum schätzt, schätzt auch das andere. Ohnehin muss es uns um solche Leute gehen, die bisher gar keine Museen besuchen. Und zwischen den Uffizien und dem Kunsthistorischen Museum findet eine enge Zusammenarbeit statt, wir leihen uns gegenseitig wichtige Werke.

SPIEGEL: Sie sind der erste ausländische Direktor der so traditionsreichen Uffizien. Italien hat vor einigen Jahren gleich mehrere Kulturschaffende aus dem Ausland auf wichtige Posten berufen - dann setzte unter einer neuen Regierung eine Gegenentwicklung ein, man kündigte etwa der erfolgreichen deutschen Direktorin der Galleria dell' Accademia in Florenz. Diese Einrichtung gehört seit Kurzem zum Verantwortungsbereich der Uffizien.

Schmidt: Und soll wieder eigenständig werden, doch das dauert aus gesetzlichen Gründen noch etwas.

SPIEGEL: Andere Direktoren haben Italien verlassen, weil sie Probleme mit dem zunehmenden Nationalismus im Land haben. Der hat sich nicht erledigt, wie stehen Sie dazu?

Schmidt: Der wachsende Nationalismus ist tatsächlich ein gesamteuropäisches Problem und zugleich eines, das sich in jedem einzelnen Land anders darstellt, und differenzierter gesehen werden muss, als das oft getan wird. Der neue Leiter der Mailänder Scala, der im Juni berufen wurde, ist ein Franzose. Der Nationalismus bleibt ein Problem, dem wir uns überall stellen müssen - als Kulturschaffende eben auch inhaltlich - und es hat keinen Sinn, die Flucht zu ergreifen.

SPIEGEL: Sie sind heute nach Wien gereist, nehmen an einer Tagung teil - werden Sie während Ihres Aufenthalts auch Minister Schallenberg aufsuchen?

Schmidt: Wir haben noch keinen konkreten Termin gefunden, aber wir werden uns in den nächsten Tagen persönlich treffen.



insgesamt 4 Beiträge
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dunnhaupt 03.10.2019
1. Würdige Lösung
… wenn sich die erfahrenen Kunsthistoriker nicht am unwürdigen Gerangel der Politiker beteiligen.
jujo 03.10.2019
2. ...
Die Österreichische Regierung kann doch nur sauer sein wenn sie die bisherige GD loswerden wollte, danach sieht es dem Interview nach aber doch nicht aus. Es bleiben Fragezeichen.
quark2@mailinator.com 03.10.2019
3.
Da scheint jemand eine wichtige Vertragsklausel vergessen zu haben, oder man war sich einig, daß die Option bestehen soll, daß der Mann den Posten nicht antritt. Wenn das so vereinbart ist, dann kann er sein Recht auch wahrnehmen. Sogar wenn er es nur getan hätte, um eine günstige Verhandlungsposition zu haben, wäre das OK, solange eben niemand verlangt, daß er sich endgültig bindet; und dafür bezahlt. Aus meiner Sicht ein Sturm im Wasserglas, zumal offenbar eine kompetente Person vorhanden ist, um das Museum weiter zu leiten. Ein sehr sehenswertes Wiener Museum übrigens.
Newspeak 03.10.2019
4. ....
Ich finde so ein Verhalten kritisch. Man macht sich mit solcher Unzuverlässigkeit keine Freunde. Es ist allerdings leider so, dass es auch umgekehrt hätte passieren können. Dann wäre der Aufschrei wohl kleiner ausgefallen. Aber wenn sich einer gegen die Politik stellt, dann ist es anders. Es wäre allgemein gut, wenn es bei diesen Postenbesetzungen weniger um Politik ginge, aber faktisch geht es immer mehr um Politik, als um Fachliches, nicht nur in Museen, sondern auch an Universitäten.
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