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05. Februar 2018, 18:06 Uhr

Uma Thurmans Vorwürfe gegen Quentin Tarantino

Was hat das mit #MeToo zu tun?

Eine Analyse von

Schauspielerin Uma Thurman belastet Harvey Weinstein schwer - und berichtet auch, wie Quentin Tarantino sie beim Dreh in Gefahr brachte. Die Formen des Machtmissbrauchs unterscheiden sich, wurzeln aber im selben System.

Nach der gemeinsamen Arbeit an "Pulp Fiction" habe er sie Mitte der Neunzigerjahre in einer Londoner Hotelsuite bedrängt, versucht, sich zu entblößen und sich auf sie zu legen: Am Wochenende hat Uma Thurman in der "New York Times" schwere Vorwürfe wegen sexueller Gewalt gegen Harvey Weinstein erhoben. Es ist eine weitere Aussage, die den systematischen Machtmissbrauch des einst einflussreichsten Produzenten Hollywoods aufdeckt.

Thurman bringt in dem Gespräch aber zudem auch eine andere Form der Übergriffigkeit ins Spiel: Quentin Tarantino wirft sie laut "NYT" vor, bei den Dreharbeiten zu den "Kill Bill"-Filmen in einigen Szenen selbst die Rollen der Schauspieler übernommen zu haben und sie mit einer Kette gewürgt und bespuckt zu haben.

Obwohl sie sich mehrfach geweigert habe, habe sie zudem einen Autostunt selbst vollführen müssen und sich dann bei einem Unfall am Set an Nacken und Knien verletzt. "Das meiste, das ich mit mir machen ließ und bei dem ich mitmachte, war immer eine schreckliche Schlammschlacht mit einem sehr wütenden Bruder", sagt Thurman über ihre frühere Arbeit mit dem Regisseur. "Aber damals hatte ich wenigstens noch etwas zu sagen, wissen Sie?" Sie habe sich dadurch nicht entmachtet gefühlt. "Bis zu dem Unfall."

Selbstverständlich Hoheit beanspruchen

Thurmans Vorwürfe gegen Tarantino zeigen, auf welch unterschiedliche Weise Grenzüberschreitungen in Erscheinung treten: Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe oder Vergewaltigung sind etwas anderes, als das Leben seiner Schauspielerin aufs Spiel zu setzen oder sie am Set zu demütigen - aber all diese Verhaltensweisen werden ermöglicht durch bestimmte Denkstrukturen, die von Einzelnen ausgenutzt und von Unzähligen für selbstverständlich genommen werden: Thurman war ja bewusst, dass Tarantino eine Grenze überschritten hatte. Dennoch sagt sie gleichzeitig: "Es hat 47 Jahre gedauert, bis ich aufhörte, Menschen, die mich schlecht behandeln, als solche wahrzunehmen, die mich lieben."

Warum ist das so?

Weil etwa, wie Thurman sagt, bereits kleine Mädchen darauf getrimmt werden, dass Grausamkeit und Liebe miteinander verbunden sind. Weil der narzisstisch gestörte Mann sich noch immer als Krone der Schöpfung versteht, wie am Wochenende die "Süddeutsche Zeitung" analysierte. Vielleicht auch, weil bestimmte männlich geprägte Denkmuster noch immer als allgemeingültiger Standard gesetzt werden: Derzeit wird etwa häufig argumentiert, die #MeToo-Debatte würde die Kunstfreiheit einschränken, denn diese benötige die Grenzüberschreitung - wenn Übergriffe, die für große Teile fast jeder Gesellschaft seit Jahrtausenden Alltag sind, als Grenzüberschreitung wahrgenommen werden, zeigt es aber auch, schlicht, dass bestimmte Deutungen den Diskurs dominieren.

All diese Strukturen produzieren Männer, die kein Nein ertragen - und natürlich kann sich das auf unterschiedlichen Ebenen manifestieren. Es ist deshalb auch kein Widerspruch, dass sich Tarantino - nach Zögern, aber dennoch - im Oktober von seinem einstigen Förderer Weinstein distanzierte und einräumte, von sexuellen Übergriffen gewusst und nichts getan zu haben - gleichzeitig aber selbstverständlich die Hoheit über Thurman beanspruchte.

"Ein kaputtes Werkzeug"

Man kann sich gegen Gewalt an Frauen aussprechen und sie gleichzeitig selbst ausüben. Und man kann auch einen Film machen, der von Kritikern häufig als Emanzipationsgeschichte einer Frau, die ihre Rache blutig auslebt, gelesen wird - und gleichzeitig seine Hauptdarstellerin würgen.

In den Vorwürfen gegen Tarantino zeigt sich so auch, wie wenig klarsichtig die Einteilung in "gute" und "schlechte" Männer ist, die in der #MeToo-Debatte so häufig angeführt wird, weil die Schuldigen so als Einzelverirrte in einem Tipptopp-System abgetan werden können. Thurman hingegen fängt mit ihrem Interview auch bei sich selbst an - mit dieser Korrektur des eigenen Selbstbilds muss sie jetzt umgehen: Sie selbst habe zum Problem beigetragen, indem sie mit Weinstein Filme gedreht habe, war Nutznießerin des Systems, machte Karriere mit und auch durch Förderung von Weinstein und Tarantino. Seit "Pulp Fiction" stand das Trio für den Mythos des Indie-Kultfilms; später entwickelte sie mit Tarantino die Idee der blutigen Braut in "Kill Bill".

Tarantino selbst beschrieb seine Beziehung zu Thurman häufig als die des Autorenfilmers zu einer Muse. Thurmans Äußerungen machen klar, dass ihr selbst klar geworden ist, wie eng der Handlungsspielraum in dieser Rolle tatsächlich ausfällt: "Als ich nach dem Unfall von Tarantino angegriffen wurde, wurde aus mir, dem kreativen Beitragenden, ein kaputtes Werkzeug."

Und Tarantino? Direkt nach dem Unfall habe er sich für sein Verhalten entschuldigt, sagt Thurmans Ex-Mann Ethan Hawke laut "NYT"; er konfrontierte den Regisseur damals. Und heute? Bislang schweigt Tarantino.

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