Margarete Stokowski

Umgang mit rechter Gewalt Brauchen wir Naziroboter?

Deutschland im Sommer 2017 als Fotoalbum: Angela Merkel posiert auf der Gamescom, Jens Spahns Mutter trinkt keinen Kaffee mit Hipstern, und "linksunten.indymedia" wird verboten.
Zur Erinnerung und zur Abschreckung: Roboter

Zur Erinnerung und zur Abschreckung: Roboter

Foto: ISAAC LAWRENCE/ AFP

Das erste Foto zeigt das Lächeln einer Rechten. Im ZDF-Morgenmagazin plaudert AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel über die Aussage ihres Parteikollegen Gauland, man solle die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, gern "in Anatolien entsorgen". Da findet Weidel die Wortwahl zwar "Geschmackssache", würde die Aussage aber trotzdem so unterschreiben - und lächelt dabei, als wäre es irgendeine Art von Fortschritt, dass man heute zu zauberhaften Sendezeiten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen drüber sinnieren kann, ob man Leute, deren Meinungen einem nicht passen, schön weit weg verschwinden lassen kann, und ob es wohl guter Geschmack ist, dabei direkt das Vokabular der Nationalsozialisten zu übernehmen, wenn diese über "lebensunwertes Leben" sprachen. Guten Morgen, was zur Hölle ist passiert, dass das okay wurde?

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Daneben kleben wir das Bild eines Mannes in einem T-Shirt mit "HKN KRZ"-Aufdruck. Lässig hängt er an einem AfD-Stand ab. Hat aber nix mit nix zu tun, war wohl Zufall, vielleicht.

Auf der nächsten Seite sind drei Fotos, das eine zeigt die Neonazi-Attacken von Rostock-Lichtenhagen im Sommer 1992, und die anderen beiden zeigen die Bundeskanzlerin und den Bundespräsidenten zum Zeitpunkt der Gedenkveranstaltungen in der letzten Woche: Angela Merkel auf der Gamescom, tolle Bilder mit Cosplayern, und Frank-Walter Steinmeier irgendwo auf Besuch im Baltikum, klar, Sommerzeit, Reisezeit, kein Ding. Sommerloch ist, was ihr draus macht.

Merkel auf der Gamescom

Merkel auf der Gamescom

Foto: Martin Meissner/ AP

Nun ein Foto, das ein Screenshot ist. Es zeigt die Seite "linksunten.indymedia", die vom Innenministerium verboten wurde. Angeblich hätten dort "nahezu täglich" Linksextreme zu Straftaten aufgerufen. Nach Durchsuchungen in diesem Zusammenhang heißt es, man habe Waffen gefunden, die Meldung steht überall. Erst später wurde deutlich, dass die Gegenstände, um die es geht, wohl nicht direkt bei den Betreibern gefunden wurden, sondern in zum Teil offen zugänglichen Räumen, in denen diese regelmäßig verkehrten. Egal. Im öffentlichen Gedächtnis bleibt erst mal das Bild einer diffusen Bedrohung von links , auch wenn die Gefahr, die von Linksextremen ausgeht, doch eher abstrakt zu sein scheint und man Gewaltaufrufe sicher löschen muss, aber ganze Projekte zu verbieten, die auch wertvolle Recherchearbeit leisten, ist - gelinde gesagt - etwas krass. Derweil wird ein 21-jähriger G20-Randalierer, der zwei Flaschen geworfen hatte, zu zwei Jahren und sieben Monaten Haft verurteilt.

"Aber gegen rechte Gewalt wird doch sicher genauso hart vorgegangen?", wird man fragen, mit Blick aufs nächste Bild. Da werden gerade zwei Verdächtige festgenommen - ach, nee, stimmt gar nicht. Da sitzen zwei Männer irgendwo in der Landschaft rum, sie werden verdächtigt, Mordanschläge auf Linke geplant zu haben, aber man muss sie deswegen ja nicht gleich festnehmen, als hätten sie Autos angezündet oder so. Wir sind doch ein freies Land, nicht wahr. Einer der beiden Terrorverdächtigen ist Polizist.

Polizisten in Banzkow in Mecklenburg-Vorpommern

Polizisten in Banzkow in Mecklenburg-Vorpommern

Foto: Jens Büttner/ dpa

Das nächste Bild zeigt den Gemüsehändler Habil Kilic. Er wurde heute vor 16 Jahren vom NSU erschossen.

Dann wieder etwas Ablenkung: Ein Bild mit der Mutter von Jens Spahn, wie sie keinen Kaffee trinkt. Sie steht in einem veganen Pop-up-Café in Berlin, und sieben Hipster lachen sie aus. Das ist so ungefähr das Horrorszenario, das CDU-Politiker Spahn in seinen Wort- und Textbeiträgen zum Thema englischsprechende elitäre Hipster angeregt hat und an dem sich seither eine Debatte entspinnt: Welche Gefahr für die Demokratie geht von Hipstern in Berlin aus? Das Ganze wirkt so niedlich bescheuert , aber im traurigen Kern geht es nicht nur um die Frage, wie viel Vielfalt in Deutschland gewollt ist und wie viel Deutschness erzwungen werden soll, sondern um klare Feindbilder, die neue Aushandlung von Fronten und um vermeintliche Bedrohungen für unser Zusammenleben, während es offensichtlich ein massives Problem mit rechter Gewalt gibt, die ernsthaft Menschen bedroht.

Jens Spahn (CDU)

Jens Spahn (CDU)

Foto: Michael Kappeler/ dpa

Dieser eigenwillig mechanische Ausdruck "Rechtsruck" trifft die Sache so schlecht. Als wenn ein paar Leute an einem Esstisch ihre Stühle umrücken - und als wenn nicht das Leben von Leuten bedroht ist, wenn rechte Gewalt nicht hinreichend skandalisiert wird und weiterschwürt und als Fantasie im Morgenfernsehen verplaudert wird.

Und dann sitzt Merkel im "taz"-Interview und sagt: "Ja, dies ist mein Land."  Und ich kriege einen Woody-Guthrie-Ohrwurm , this land was made for you and me, und suche das letzte Foto raus, es zeigt einen wahnsinnig hässlichen Wolfsroboter aus Japan. Dort versuchen sie gerade, Rehe und andere Tiere von Reisfeldern wegzuhalten, indem sie Roboterwölfe einsetzen.

Roboterwolf

Roboterwolf

Foto: DPA

Ich weiß, es wäre etwas bizarr, aber wenn es den Leuten offenbar so schwerfällt zu sehen, wie rechtes Gedankengut sich in der Gesellschaft breitmacht und nicht hinreichend bekämpft wird, dann könnte ich mir Folgendes vorstellen: Wir bauen zur Erinnerung und Abschreckung Tausende hässliche kleine Roboter, sie tragen zufällig braune Hemden und ein Gesicht, das entfernt an Alexander Gauland erinnert, und rollen über die Gehwege dieses Landes, um rechtes Zeug zu brabbeln. Kinder bilden Menschenketten um sie, Leute reden auf sie ein, dann gehen die Roboter aus, und über dem kleinen Roboterkopf blinkt nur noch ein Warnschild mit leuchtenden Buchstaben: Kein Vergessen.