Umstrittene TV-Produktion Contergan-Film geht doch auf Sendung

Das juristische Tauziehen um den umstrittenen WDR- Zweiteiler "Eine einzige Tablette" ist beendet. Der Film über den Contergan-Skandal darf im November ausgestrahlt werden - das Bundesverfassungsgericht wies mehrere Klagen dagegen in einer Eilentscheidung ab.


Karlsruhe - Die Karlsruher Richter begründeten ihren Spruch damit, dass es sich bei dem Beitrag um den Medikamentenskandal Anfang der sechziger Jahre um einen Spiel- und Unterhaltungsfilm und nicht um eine Dokumentation handele. Die Figuren des Films um die schädigende Wirkung des Medikaments Contergan und ihre beruflichen und privaten Handlungen seien alle frei erfunden. Die Persönlichkeitsrechte der Beschwerdeführer und damaligen Betroffenen seien deshalb nicht verletzt.

Das Drama wird nun voraussichtlich am 7. und 8. November ausgestrahlt. Der WDR wählte den 50. Jahrestag der Markteinführung des Medikaments als Sendetermin, um eine größere publizistische Wirkung zu erzielen.

Geklagt hatten der Contergan-Hersteller Grünenthal und ein Anwalt, der sich in einer Person in dem Film wiedererkennt. Durch seine Klagen hatte der Pharmakonzern zu verhindern versucht, dass die Diskussion um den von ihm einst produzierten Wirkstoff wieder auflebt.

Kritiker sahen in dem Vorgehen gegen den TV-Zweiteiler einen Eingriff in die künstlerische Freiheit, das Verfassungsgericht teilt diese Auffassung. Laut Urteilsbegründung wäre ein Verbot ein "schwerwiegender Eingriff" in die Programmfreiheit des WDR. Die Ausstrahlung zum zeitgeschichtlich wichtigen Jahrestag könne wichtige Anstöße zur öffentlichen Meinungsbildung geben - auch bei einem unterhaltend aufgemachten Film.

Regisseur Adolf Winkelmann betonte bereits Anfang 2006, dass er einen Spielfilm, keine Dokumentation drehe: "Ich erzähle erfundene Geschichten. Auch dies ist eine durch und durch erfundene Geschichte. Sie ist lediglich angelehnt an Ereignisse, die sich damals so zugetragen haben. Meine Figuren sind alle erfunden", sagte er damals in einem Interview.

Der Spielfilm "Eine einzige Tablette" beschreibt den Contergan-Skandal anhand der persönlichen Geschichte des jungen Rechtsanwalts Wegener und seiner Frau. Deren Tochter kommt mit rätselhaften Missbildungen zur Welt. Zusammen mit Ärzten geht Wegner der Sache auf den Grund. Nachdem der Zusammenhang zwischen Medikament und körperlicher Missbildung hergestellt wird, vertritt der Anwalt die Interessen der betroffenen Familien vor Gericht.

Zum Schauspielerensemble des Zweiteilers gehören mehrere prominente Darsteller: Benjamin Sadler, August Zirner, Katharina Wackernagel und Sylvester Groth.

Der bisherige Rechststreit glich einem juristischen Tauziehen: Grünenthal und der Anwalt hatten zunächst vor dem Hamburger Landgericht auf der Grundlage des Drehbuchs mehrere einstweilige Verfügungen gegen den Film erwirkt. Diese hob das Hamburger Oberlandesgericht (OLG) im April weitgehend auf. Der Pharmakonzern reichte daraufhin Verfassungsklage ein und stellte Eilanträge auf Erlass einstweiliger Anordnungen.

"Contergan ist und bleibt Teil unserer Firmengeschichte", zitierte das "Deutsche Ärzteblatt" im Juni Grünenthals geschäftsführenden Gesellschafter Sebastian Wirtz. "Wir setzen uns daher für eine historisch korrekte Aufarbeitung des Themas ein. Bei diesem Film wird der Zuschauer allerdings nicht unterscheiden können, was wahr ist und was unwahr."

Der im Schlafmittel Contergan vorkommende Wirkstoff Thalidomid sorgte für den größten Arzneimittelskandal der Bundesrepublik Deutschland. Bis zu 4000 Menschen starben durch Einnahme des Mittels, 3000 wurden schwer geschädigt. Das Medikament wurde 1961 in Deutschland vom Markt genommen. Ein Strafverfahren gegen Mitarbeiter des Unternehmens wurde 1970 eingestellt, nachdem das Unternehmen 100 Millionen Mark zur Entschädigung der Opfer bereitgestellt hatte.

Nach Angaben der "Wirtschaftswoche" leben noch heute rund 2800 Contergan-Opfer mit missgebildeten Gliedmaßen in Deutschland.

Az: 1 BvR 1223/07, 1224/07, 1225/07 u. 1226/07

ssu/dpa/AFP



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