Umstrittene ZDF-Reportage "Ich kann nichts machen, Digger!"

Das ZDF machte die Entstehung seiner umstrittenen Reportage über Jugendgewalt in Mümmelmannsberg in einer eigenen Sendung zum Thema. Die Analyse des Filmmaterials legt nahe: Eine Inszenierung von Gewaltszenen fand nicht statt. Einen Stempel hat man dem Stadtteil dennoch aufgedrückt.

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Am Ende der gestrigen Sendung standen zwei Fragen: Wurde die Reporterin, die letzte Woche für das ZDF in Mümmelmannsberg drehte, Opfer der Schauspielkünste der Jugendlichen? Und: Was lösen Kameras bei Jugendlichen aus?

ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender: "Mehr Zeit nehmen"
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ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender: "Mehr Zeit nehmen"

Rückblick: Es ist eine Woche her, dass eine Sendung des ZDF-Magazins "Reporter" vom 29. März für Aufregung gesorgt hatte. Angeblich war den Schülern Geld dafür gezahlt worden, dass sie sich vor laufender Kamera prügelten und sogar Messer zückten. Ein Lehrer hatte die Sendung gesehen, seine Schüler am nächsten Tag auf ihr Verhalten angesprochen und die Antwort bekommen: Die Fernsehteams haben uns zu Schlägereien aufgefordert. Um den Vorwurf auszuräumen, recherchierte das ZDF die Geschichte des eigenen Drehs.

Gestern, 21 Uhr: Wie zwei Angeklagte sitzen die beiden jungen Frauen, Nikola Graef und Barbara Bessler von der Produktionsfirma, die den Beitrag produzierte, vor der Kamera des ZDF. "Ja, es ist Geld gezahlt worden." Ein Jugendlicher habe 200 Euro dafür bekommen, dass er die Reporter "in die Szene" eingeführt habe und dass man ihn einige Tage lang begleiten konnte. Ein anderer, "ein eher positives Beispiel", habe 100 Euro erhalten. Aber nein, sie habe den Jugendlichen nicht aufgefordert zuzuschlagen, im Gegenteil. Als die Situation gekippt sei, habe sie versucht zu deeskalieren.

Um die Aussagen der Reporterin zu überprüfen, analysiert das ZDF daraufhin eine bisher unveröffentlichte Szene: Unklar zu sehen sind eine Gruppe Jugendlicher, im Hintergrund eine beleuchtete Turnhalle. Es kommt zu Schubsereien, Rangeleien. Einer der Jugendlichen sagt: "Ich kann nichts machen, Digger, wegen der Scheiß-Kamera".

Kurze Zeit später am selben Ort: Reporterin Barbara Bessler ist am Rande zu sehen. Die Jugendlichen haben sich entfernt. Man hört, wie Bessler ruft: "Wenn ihr das Messer zückt, ruf ich die Bullen!" Der Kameramann hält Abstand zur Rangelei, die Schüler haben sich entfernt.

Für das ZDF gilt, was bereits in einer Pressemitteilung des Senders zu lesen war: "Die Untersuchung des Rohmaterials beweist, dass Gewaltszenen nicht inszeniert wurden. Der Kameramann macht keine Anstalten, sich den Jugendlichen zu nähern oder das in der Dunkelheit stattfindende Geschehen zu beleuchten." Es habe keinerlei Regieanweisungen gegeben, die nahelegen würden, dass es sich um eine Inszenierung handle. Der Schulleiter der Gesamtschule Mümmelmannsberg, der ebenfalls in dem Bericht zu Wort kommt, widerspricht nach wie vor und glaubt seinen Schülern.

Wem kann man also glauben? Den Jugendlichen und dem Schulleiter Klaus Reinsch, der sich hinter seine Schüler stellt, oder der Journalistin und dem Kameramann? Die Analyse der Szenen ist glaubwürdig, ebenso die Aussagen der Reporterin. Dass der Schulleiter seinen Schülern vertraut und sich vor sie stellt, mag auch damit zu tun haben, dass er durch den Tenor des Beitrags skeptisch geworden ist.

Was kann man aus dem Debakel des ZDF-Drehs lernen? Dass es nicht ausreicht, einem Stadtteil den Stempel vom Gewaltbezirk aufzudrücken, nur weil das in Zeiten von Rütli gerade passt. Dass es in Mümmelmannsberg Probleme gibt, bestreitet niemand. Aber dass Gewalt, dass Messer und Schläge tatsächlich zum Alltag der Schüler gehören, heißt das noch nicht.

Die Reporterin erklärte in der Sendung: "Die Schüler haben sicherlich nichts gespielt, was sie nicht tagtäglich erleben." Wenn aber Journalisten mit dem festen Vorsatz antreten, Krawall zu bebildern, kann das schnell dazu führen, dass Jugendliche diese Rolle dankbar annehmen. Es ist gut vorstellbar, dass die Schüler vor den Kameras ein bisschen Show machen wollten, die schließlich eine Eigendynamik entwickelte - so dass am Ende ein Teil gespielt war, ein Teil authentisch.

Berichterstattung über Gewalt in Jugendszenen ist grundsätzlich schwierig, weil Authentizität kaum zu überprüfen ist. Jugendliche wachsen immer auch in einer Welt der Computerspiele, Actionfilme, Musikvideos auf - die aggressive Geste gehört zu ihrem kulturellen Code.

Das muss auch das ZDF anerkennen. Manche Formulierungen in dem Beitrag seien überspitzt gewesen, hieß es in dem Beitrag. Außerdem habe man nicht detailliert genug recherchiert. "Wir wollen uns jetzt mehr Zeit für solche Reportagen nehmen", sagte Chefredakteur Nikolaus Brender.

Das Image des Hamburger Stadttteils Mümmelmannsberg hat sich dennoch verschlechtert. Ein Abteilungsleiter einer Gesamtschule im benachbarten Stadtteil Horn hatte einem Vater empfohlen, sein Kind auf eine Schule nach Mümmelmannberg zu schicken. Der aber sagte: "Nach der Sendung nicht mehr - da kommt mein Kind nicht hin."



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