Umstrittene Kunstaktion Warum ein Hitler im Landtag hängt

Kunst oder politische Geschmacklosigkeit? In Potsdam streiten die Abgeordneten darüber, ob Diktatoren-Porträts in einem Parlament hängen dürfen. Jetzt hat das Präsidium eine Entscheidung getroffen.

DPA

Hamburg - Wer ist der Mann, dessen Konterfei im Flur des Landtags in Potsdam hängt? Beim genaueren Hinsehen entpuppt sich der briefmarkenförmige Schatten über der Oberlippe als schmaler Bart. Der Mann auf dem verfremdeten Gemälde kann nur einer sein: Adolf Hitler blickt den Zuschauer von der Wand aus an, sein fast annähernd unkenntlich gemachtes Porträt hängt dort neben Bildern von Goebbels und Stalin.

Der Maler Lutz Friedel hat die befremdlichen Eindrücke geschaffen, die zu einer 112 Bilder starken Schau zur deutschen Geschichte gehören. Darin sind unter anderem auch Anne Frank, Franz Kafka und Rosa Luxemburg zu sehen. Abgesegnet wurde die Ausstellung von der Kunst- und Ausstattungskommission des Landtags.

Aber was haben Diktatoren in einer demokratisch gewählten Institution zu suchen? Über diese Frage streiten die Abgeordneten des Potsdamer Landtags seit Tagen. Jetzt ist ein Antrag der CDU im Landtagspräsidium gescheitert, mit dem die Unionspolitiker erreichen wollten, dass die Porträts wieder abgehängt werden, wie die Parlamentsvizepräsidentin Gerrit Große am Mittwoch mitteilte. Durch die Ausstellung finde eine Auseinandersetzung mit Geschichte statt, der sich Abgeordnete und Bürger zu stellen hätten, hieß es zur Begründung.

Warnung vor "Bilderstürmerei"

Die CDU hatte sich zuvor vehement gegen die Schau ausgesprochen. "Eine Ausstellung zum Land Brandenburg mit seiner Kultur und seinen Landschaften wäre passender", sagte der CDU-Abgeordnete Ingo Senftleben. Auch Opferverbände und der Zentralrat der Juden äußerten öffentliche Kritik: Zentralratspräsident Dieter Graumann sagte den "Potsdamer Neuesten Nachrichten", dass er vom Landtag mehr politisches Fingerspitzengefühl erwarte.

Die Regierungskoalition aus Sozialdemokraten und Linken sowie die Grünen sprachen sich nach internen Diskussionen hingegen für die Ausstellung aus. SPD-Fraktionschef Klaus Ness warnte vor "Bilderstürmerei", sollten die Werke, die eigentlich ein Jahr hängen bleiben sollen, nun wieder entfernt werden.

Am kommenden Wochenende können sich die Brandenburger selbst eine Meinung zu der umstrittenen Ausstellung bilden. Beim Tag der offenen Tür im neuen Landtagsgebäude sollen schnell verfasste Erklärtexte die Besucher durch die Ausstellung leiten und die Gemälde einordnen. Nur einen werden die Besucher dann übrigens nicht sehen: Das verfremdete Porträt von Walter Ulbricht wurde bereits am Montag abgehängt, nachdem ein Unbekannter einen Zettel mit der Aufschrift "Mörder" auf das Bild geklebt hatte.

evt/dpa

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