"Unschuld"-Premiere in Berlin Raunzen gegen die Kitschgefahr

Dream-Team oder einmalige Paarung? Am Deutschen Theater hat Michael Thalheimer zum ersten Mal ein Stück von Dea Loher inszeniert. "Die Unschuld" fährt zwar Lohers übliches Panoptikum der menschlichen Schicksale auf. Doch Thalheimer gelingt es, davon in ganz neuem Tonfall zu erzählen.

Katrin Wichmann als Absolut, Peter Moltzen als Fadoul: Blinde sollen wieder sehen
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Katrin Wichmann als Absolut, Peter Moltzen als Fadoul: Blinde sollen wieder sehen


Es war ein Experiment. Als ob man zwei bekannte Ingredienzen zum ersten Mal zusammenschüttet und guckt, was passiert: Explodiert das Ganze? Wirft es Blasen? Zerfällt es zu nichts? Oder entsteht etwas Neues, eine neue Konsistenz, eine neue Farbe?

Die unerprobte Kombination lautete: Dea Loher + Michael Thalheimer. Die empathische, mit der Welt leidende, auch sprachlich empfindsame Autorin und der geradlinige, überscharf zeichnende Regisseur. Thalheimer hat am Deutschen Theater in Berlin zum ersten Mal einen Text von Dea Loher inszeniert, "Unschuld", ein Stück von 2003, in jenem Jahr am Hamburger Thalia-Theater uraufgeführt von Andreas Kriegenburg.

Kriegenburg und Loher waren und sind ein bewährtes Team schon seit den neunziger Jahren. Der Regisseur Kriegenburg begegnet den melancholischen Stücken, den traurigen Schicksalen vom Rande der Gesellschaft, die seit jeher Dea Lohers Thema sind, mit verspieltem Witz, leiser Ironie und viel Leichtigkeit. Das funktioniert gut.

Sein Kollege Thalheimer setzt dem poetisch dichten, gelegentlich an der Grenze zum Sentimentalen agierenden Stück der großen und vielfach ausgezeichneten Autorin Dea Loher einen ziemlich harten, nüchternen, manchmal wütenden Grundton entgegen. Die Figuren werden vom Leben gebeutelt, aber sie ergeben sich nicht kampflos.

Was im Selbstmörderhaus passierte

In "Unschuld" geht es um ein Dutzend Menschen, deren Lebenswege sich mehr oder weniger zufällig kreuzen. Sie alle sehnen sich nach Unschuld, nach Vergebung, Erlösung - oder wenigstens nach einem Sinn im Leben. Die Autorin Loher mutet ihren Figuren viel zu, der Tod ist immer präsent.

Da sind zunächst die Flüchtlinge Elisio und Fadoul, die es aus Afrika übers Meer nach Europa geschafft haben und gleich Zeugen eines Selbstmordes werden: Eine Frau geht ins Wasser. Ihre Untätigkeit bereitet den schwarzen Männern fortan schlaflose Nächte. Sie ziehen in ein leerstehendes Hochhaus, das als "Selbstmörderhaus" bekannt ist. Da ist das junge Ehepaar, Rosa und Franz, er ist arbeitslos, bis er als Leichenwäscher bei einem Beerdigungsinstitut anfängt und fortan mehr im Totenreich als in der hiesigen Welt lebt. Die zuckerkranke Mutter der Frau, die bei ihnen wohnt, macht die Situation nicht besser. Da ist die alternde Philosophin, die ihren Mann verachtet und große Reden hält über die "Unzuverlässigkeit der Welt". Und da ist die einsame Frau, die nie ein Kind hatte und sich, wann immer sie in der Zeitung von einem Verbrechen liest, zwanghaft als Tätermutter ausgibt und bei den Hinterbliebenen zu entschuldigen versucht.

Sie alle sind in eine Welt gestellt, die Olaf Altmann als schwer zu bestehen gebaut hat: Ein steiler drehbarer Kegel aus dunklem Holz vor einem weiten, leeren Himmel bildet die Spielfläche, dessen spitz zulaufende Bohlen an die Segmente eines Globus erinnern. Dieser Weltausschnitt dreht sich fast unablässig, er bleibt nur stehen für die Liebenden - und bei der leise verzweifelnden Rosa (Olivia Gräser), die so gern hätte, "dass das Leben weitergeht".

Ein neuer Ton für Loher

Wer sich stark glaubt, steht oben an der Spitze, so wie die Philosophin Ella. Ingo Hülsmann spielt sie mit weit ausholenden Gesten in einer grandiosen Mischung aus Selbstverliebtheit und Weltekel, während zu ihren Füßen der verachtete Ehemann zusammengekauert auf dem Drehkegel an ihr vorbeizieht. Eine Scheinriesin, die sich für einen Guru hält.

Jeder hat hier seinen eigenen Glauben und zimmert sich sein Weltbild zurecht: Fadoul etwa, von Peter Moltzen mit grimmiger Verbissenheit gespielt, ist überzeugt, den Gottesbeweis in einer Tüte an der Bushaltestelle gefunden zu haben: Die enthält riesige Summen Geld, und das muss ihm eine höhere Macht geschickt haben. Mit dem Geld will er das blinde Mädchen Absolut (Katrin Wichmann mit forscher Direktheit) wieder sehend machen und schwingt sich so selbst zum Gott auf.

Es ist die Kunst der Autorin, solche großen Themen auf der Bühne verhandelbar zu machen. Und es ist die Kunst des Regisseurs und seiner Schauspieler, es ist nicht größer zu machen, als es ist. Gabriele Heinz als vermeintliche Opfermutter trägt ihre Vergebungsbitten fordernd, mit einer ordentlichen Portion Aggressivität vor. Barbara Schnitzler stattet Rosas Mutter mit ordentlich proletarischem Charme aus. Und Andreas Döhler als Flüchtling Elisio motzt gegen die romantischen Afrika-Vorstellungen der Europäer an.

Sie alle raunzen gegen die Kitschgefahr an, die Loher-Texte immer beinhalten. Es ist ein neuer, rauerer Ton, Dea Lohers Stück hält ihm erstaunlich gut stand.



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