Zweifelhafte Frauenratgeber Tipps für die richtige Vögel-Atmosphäre

Frauenratgeber helfen dabei, Männer glücklich zu machen - vor allem wenn es um Sex geht. Uns fällt gar nicht auf, wie abgefuckt das ist. SPIEGEL-ONLINE-Kolumnistin Margarete Stokowski hat ein Buch geschrieben: "Untenrum frei". Ein Auszug.
"Big Sexyland"-Plakat

"Big Sexyland"-Plakat

Foto: imago
Zur Autorin

Margarete Stokowski wurde 1986 in Polen geboren, seit 1988 lebt sie in Berlin. Stokowski studierte Philosophie und Sozialwissenschaften, seit 2009 arbeitet sie als freie Autorin für diverse Medien. Ihr feministischer Bestseller »Untenrum frei« erschien 2016 im Rowohlt Verlag. 2018 folgte »Die letzten Tage des Patriarchats«.

Gekürzter Buchauszug aus "Untenrum frei", Kapitel 3, "Wissen wäre Macht"

Alle, die irgendwann zwischen den Achtziger- und den Nullerjahren einen Fuß in das Berliner Stadtgebiet gesetzt haben, kennen das Plakat von "Big Sexyland": Eine blonde Frau liegt da und trägt nicht viel mehr als rosa-metallic Handschuhe und silberne Ohrringe. Über ihre Brustwarzen sind Sterne geklebt. Der Schöneberger Laden warb über zwanzig Jahre mit diesem Plakat für "2000 qm prickelnde Erotik" - dahinter verbarg sich eine Mischung aus Stripklub, Sexshop und Pornokino. Die Frau mit den Sternen auf den Brüsten gehörte zum Straßenbild wie Telefonzellen, Briefkästen und Kaugummiautomaten.

Als das "Big Sexyland" vor ein paar Jahren zumachte und damit auch die Frau mit den Sternbrüsten verschwand, fiel es ironischerweise kaum jemandem auf. Außer vermutlich denen, die regelmäßig hingegangen waren. "Berlins bekanntester Busen", wie der Autor Philip Meinhold mal geschrieben hatte, war weg, und die meisten merkten nichts. Warum auch? An Brüsten auf Plakatwänden mangelt es ja inzwischen nicht mehr.

Ich bin ein schlecht gelaunter Teenager

Die Geschichte des "Big Sexyland" ist symbolisch für unsere Gewöhnung an nackte Frauenkörper im öffentlichen Raum: Die Frau, die übrigens Marion Gallert hieß, kannte jeder, weil sie zu einer Zeit auftauchte, in der es noch keine Hundefutter- oder Autoreifenwerbung mit Brüsten gab und natürlich zu einer Zeit, als es noch kein Internet gab und keine Internetpornos.

Zu Marion Gallert hatten wir fast eine persönliche Beziehung: Sie guckte uns zu, wie wir zur Schule gingen, und sie wartete mit uns auf den Bus. Egal, wie schmierig und schäbig der Laden war, für den sie warb: Sie war wie eine alte Bekannte. Das "Big Sexyland", aus dem sie kam, war dennoch ein fernes Land. Sex war nichts, was sich innerhalb meiner Welt abspielte. Ich wusste, irgendwann würde ich in diese Sphäre eintreten, aber ganz sicher ohne Sterne auf den Brüsten.

Der Übergang von der Zeit, in der Sex etwas Abstraktes war, zu der Zeit, in der ich tatsächlich mit Menschen schlief, hatte viel mit Lesen zu tun. Eigentlich hatte bei mir sowieso immer alles mit Lesen zu tun. Lesen bedeutete oft, nicht unbedingt neue Antworten zu finden, sondern vor allem neue Fragen. In einem Gedicht von Mascha Kaléko heißt es über das Mädchen in der Pubertät: "Wenn Mädchen diesen Wendepunkt erreichen, / Sind ihre Augen große Fragezeichen, / Ihr Mund ein schweigender Gedankenstrich."

Genauso ein Wesen aus Fragezeichen und Gedankenstrich bin ich mit fünfzehn. Die Reise nach Südtirol ist der letzte Familienurlaub, auf den ich mitfahre, das beschließe ich schon auf der Hinfahrt. In mein Tagebuch schreibe ich: "Aaaaaah, …Durchschnittsalter im Hotel: 120 mindestens." Ich bin ein schlecht gelaunter Teenager und habe keinen Bock auf Wandern in Südtirol.

Also nehme ich einen großen Stapel Bücher mit, sitze lange Nachmittage auf dem Fensterbrett der Pension und lese Narziß und Goldmund. Ich fliehe in diese weit entfernte Welt gut aussehender Jünglinge mit tiefen Sehnsüchten und skurrilen Vornamen. Ich versinke in der Sprache, die so wolkig weich und zugleich so tadellos ordentlich ist wie die aufgeschüttelten Daunenkissen in unserer Pension.

Es gibt da diese Stelle, die geht so: "Ich habe mir viele Gedanken gemacht, und ich habe viele Gesichter und Gestalten gesehen und habe über sie nachgedacht, und einige von diesen Gedanken haben mich immer wieder geplagt und mir keine Ruhe gelassen. Es ist mir aufgefallen, wie in einer Gestalt überall eine gewisse Form, eine gewisse Linie wiederkehrt, wie eine Stirn dem Knie, eine Schulter der Hüfte entspricht, und wie das alles im Innersten gleich und eins ist mit dem Wesen und Gemüt des Menschen, der eben ein solches Knie, eine solche Schulter und Stirn hat. Und auch das ist mir aufgefallen, ich sah es in einer Nacht, wo ich bei einer Gebärenden helfen mußte, daß der größte Schmerz und die höchste Wollust einen ganz ähnlichen Ausdruck hat."

Ich lese diese Sätze immer und immer wieder. Weil mir alles so natürlich und wahr erscheint, was Hesse schreibt, denke ich, dass es sich hier um quasi gottgegebene, unhinterfragbare Wahrheiten handelt.

Erste Wahrheit: Alles an mir muss sehr hässlich sein. Ich gucke meine Knie an - meine hässlichsten Körperteile - und denke: Jede Stelle meines Körpers ist so missraten wie meine Knie. Meine Hände fand ich immer schön, jetzt gucke ich sie an und finde die Finger zu kurz und die Adern zu sichtbar und alles irgendwie knapp daneben. (Tagebucheintrag: "War gerade im Bad. Bin heute richtig hässlich. Stand ein paar Minuten vor dem Spiegel, hab versucht zu lächeln, sah schrecklich aus. Wie eine Verbrecherin.")

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Tipps für die richtige Vögel-Atmosphäre

Zweite Wahrheit: Beim Sex wird das alles noch hässlicher. Wenn man beim Orgasmus aussieht wie eine gebärende Frau, dann muss man offenbar völlig fertig aussehen, ohne Kontrolle, wie eine Wahnsinnige. Niemand darf mich je beim Sex sehen, folglich darf ich nie Sex haben. Ich will keine dieser Frauen werden.

Vorsichtshalber informiere ich mich trotzdem weiter. Denn ich weiß, auch weil zu dieser Zeit "Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück" ins Kino kommt, dass es keine Option ist, eine alleinstehende, ungevögelte Frau zu bleiben. Lieber: "Die perfekte Liebhaberin" - so heißt das Buch, das ich gemeinsam mit ein paar Freundinnen lese, von einer Autorin namens Lou Paget. Der Untertitel verspricht "Sextechniken, die ihn verrückt machen".

Lydia hat das Buch gekauft und in blau geblümtes Geschenkpapier eingeschlagen, denn es ist unsere Reiselektüre auf der Klassenfahrt an die Ostsee, und so ganz sicher sind wir uns nicht, ob es okay ist, das zu lesen. Uns fällt gar nicht auf, wie bescheuert es ist, ein Buch zu lesen, das erklärt, wie man Männern einen geilen Orgasmus besorgt, statt eines zu lesen, das erklärt, wie man selbst einen kriegt.

Halb belustigt, halb ernst studieren wir Tipps für die richtige Vögel-Atmosphäre ("Kerzen mit Orangen- oder Zitrusduft sind bei Männern beliebt ... Lassen Sie Kerzen nie unbeaufsichtigt brennen."), einen jederzeit sexbereiten Körper ("Bewahren Sie immer eine Rolle Zahnseide in der Handtasche auf. Wenn Sie irgendwo ohne Handtasche hingehen, stecken Sie ein Stück in den BH oder in die Hosentasche.") und Runterhol-Techniken mit Namen wie "Ode an Bryan" oder "Der Herzschlag Amerikas".

Ola ist die einzige von uns, die schon Sex hatte, und findet die Anleitungen, die teilweise sieben verschiedene Schritte enthalten, komplett albern. "Am Ende macht man eh einfach hoch, runter, hoch, runter, fertig", sagt sie, "und zwei Hände zu benutzen ist superdumm, weil man immer eine spermafreie Hand braucht." Sie beeindruckt uns alle.

Tun Sie beim Sex auch Dinge, die Sie nicht wollen

Das Schlimme an dem Buch ist aber nicht, dass die Runterhol-Techniken idiotische Namen haben, kompliziert sind wie eine komplette olympische Kür in rhythmischer Sportgymnastik und niemand auf der Welt sich ernsthaft Zahnseide in den BH steckt. Das Schlimme ist, welche Vorstellung das Buch Frauen von sich als Sexobjekt und -dienstleisterin vermittelt, und zwar im Gewand vermeintlichen Empowerments. Denn obwohl es dazu gedacht ist, die Leserin "in Ihrem Frausein zu bestärken", damit sie und ihr Partner "Sex auf ganz neue Art genießen" können, enthält es haufenweise Passagen wie diese:

- "Sie haben jederzeit die Freiheit, nein zum Sex zu sagen, aber bedenken Sie dabei auch, dass es zur Liebe gehört, füreinander da zu sein, auch wenn man manchmal am liebsten ganz woanders wäre."

- "Sie treffen die Entscheidung, meine Damen. Egal, ob Sie schlucken wollen oder nicht, sollten Sie fairerweise erfahren, dass es Männer tatsächlich antörnt, wenn sie sehen, dass ihre Partnerin Sperma schluckt. Die Tatsache, dass sie im Mund ihrer Partnerin ejakulieren dürfen, gibt ihnen das Gefühl, angenommen zu werden."

Mit anderen Worten: Tun Sie beim Sex auch Dinge, die Sie nicht wollen, damit Ihr Mann sich pudelwohl fühlt. Wenn Sie ihn wirklich lieben, dann hat er ein Recht auf Ihren Körper. An einer anderen Stelle erklärt die Autorin, dass es Männern nahezu unmöglich ist, Frauen beim Eisessen oder Lippenschminken zuzusehen, ohne einen Ständer zu kriegen. Der "Geheimtipp", der daraus folgt: "Wenn Sie beim nächsten Mal in der Gegenwart eines Mannes etwas trinken, stecken Sie die Zunge ein winziges Stückchen heraus und halten sie an den Rand des Glases oder der Tasse. Ich garantiere, dass er darauf reagieren wird."

Das ist ein Frauenbild direkt aus der Hölle und auch ein ziemlich beschränktes Männerbild. Aber das merkten wir damals nicht. Es ist nicht so, dass wir unser gesamtes Selbstbild aus solchen Ratgebern holen - aber uns fällt eben auch nicht auf, was für eine abgefuckte Scheiße das ist. Woher soll das kommen, dass man als Frau selbstsicher und fürsorglich mit dem eigenen Körper umgeht und den Sex hat, den man will, wenn man solche "Ratschläge" für normal hält? Und es ist kein Katechismus aus den Fünfzigern, es ist ein Bestseller aus dem Jahr 2000.

Wir denken, wir lernen was fürs Leben, und nehmen uns vor, Duftkerzen und Stringtangas zu kaufen, und noch mehr Sexratgeber und Frauenzeitschriften, um noch mehr zu lernen. (Es ist übrigens dieselbe Zeit, in der "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken" jahrelang in den Top Ten der Spiegel-Bestsellerliste steht.) Aus Zeitschriften wie Cosmopolitan und Joy lernen wir Hunderte Arten, demütig an einem Schwanz zu lutschen und ebenso viele Arten, den eigenen Körper so hinzubekommen, dass wir möglichst häufig die Gelegenheit dazu kriegen.

Auch heute, anderthalb Jahrzehnte später, funktionieren viele Frauenzeitschriften noch so. Würde die Menschheit dieselben Anstrengungen in die Raumfahrt stecken wie die Redaktionen von Frauenzeitschriften in Blowjob-Ratgeber, könnten wir längst zum Kaffeetrinken auf den Mars.